Reine Geschmackssache?

Heute morgen habe ich den neusten Newsletter des grossartigen Rouleur-Magazins in meiner Mailbox gefunden. Rouleur bringt Vorder- und Hintergrundberichte über den Radrennsport auf Spitzen- und Breitensportniveau, dazu Technik- und Sportgeschichte. Äusserst schön gemacht in Papier und mit viel, viel Online-Inhalten.

Heute schickte mir Rouleur also eine Story zu einem Thema, das mich schon immer und immer wieder beschäftigt hat: Die Passende Kleidung zum Radfahren. Velofahrer haben zwar ein schlechtes Image, weil sie angeblich Rotlichter permanent und penetrant ignorieren. Diesen Vorwurf höre ich auch in meiner Kleinstadt immer wieder, obwohl seit einigen Jahren nur noch eine Lichtsignalanlage an einer Kreuzung exisistiert, während alle anderen bereits durch Kreisel ersetzt worden sind. Der Verdacht ist also lächerlich.

Schon eher nachvollziehbar und viel schlimmer finde ich das Vorurteil, dass Velofahrer fruchtbar gekleidet sind. Dieses Vorurteil ist nämlich gar keines, es ist eine nackte (haha, schön wär’s) Tatsache, und dieses schlechte Image rührt daher, dass sich Kreti und nicht selten auch Pleti bemüssigt fühlen, ihre Fahrräder ausschliesslich in hautengen Velodresses zu bewegen. Das ist fahrlässig, nicht lässig, sehr schade und völlig unnötig, denn in den letzten Jahren hat sich die Bekleidungsindustrie dich wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben, schicke Velo-Klamotten zu erfinden (auch wenn es da einige Stilblüten gegeben hat). Eines muss hier also ein für allemal festgehalten werden: aerodynamische Fahrradbekleidung gibt es, aber niemand MUSS sie tragen. Hautenges Zeug hat für viele Leute durchaus einen eindeutigen Nutzen: für die fitness- oder rennsportorientierten Rennradfahrer. Die brauchen das, denen hilft das beim Schnellsein (Einige von ihnen gehen ja soweit, ihre Altersvorsorge zu ruinieren, damit sie ein Carbonrad kaufen können. Damit sind sie beim Radmarathon dann 25 Sekunden schneller auf acht Stunden, und was machen sie mit der ganzen gewonnenen Zeit?). Der Preis, den sie zahlen, ist aber hoch, sehr hoch, und wir alle, die sehen können, zahlen mit: die Ästhetik wird nicht mitgeliefert mit einem Lycra-Renndress, und es gibt sie auch nirgends zum Kaufen. Die Farben und Muster, die da unverständlicherweise verwendet werden, sind ja nur das eine. Die Tatsache, dass das Zeug eben überall hauteng ist, wiegt noch viel schwerer. Denn da wird der Körper des Trägers schonungslos ausgestellt. Jedes Röllchen, jedes Pölsterchen und auch ihre grossen Brüder und Schwestern, die Wampe und der Arsch. Einzig in der Genitalgegend ist etwas Tarnung erlaubt, wo unter dem Vorwand der Sitzpolsterung etwas aufgetragen wird. Dennoch: Auf dem Velo und noch viel mehr neben dem Velo sehen die meisten Lycra-Träger ziemlich sehr hässlich und unwürdig und unappetitlich aus. Tut mir ja leid, das sagen zu müssen, aber es ist so. Dieses Beispiel hier ist noch geschmeichelt:

ArsosGerne geschehen.

Ich stelle hier gleich noch klar: Ich besitze selber auch einige zueinander passende Hosen und Trikots, und ich trage sie auch, weil ich gerne und oft Rennrad fahre. Aber ich handhabe das so: Ich trage das Zeug nur zum Training, spurte immer so schnell wie möglich zum und vom Velo, aus der Deckung und zurück, um meinen Mitmenschen sowenig wie möglich zumuten zu müssen. Das bedeutet: Keine Wursthaut im Zug, im Café, am Dorffest, auf dem Schulhausplatz oder an einem Ort, wo die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand kennt, gefühlt höher als 23 % ist. Lässt sich eine solche Situation mal nicht vermeiden, so ziehe ich mir Bikeshorts über. DAS SIND WIR UNSERER UMWELT EINFACH SCHULDIG, so wie die Raucher den Nichtrauchern schuldig sind, sie nicht ungefragt vollzuqualmen.

Genug gefaselt. Hier die Top Ten Ugly Race Kids der Rouleur-Redaktion. Tough stuff. Bitte erst setzen, keine Fahrzeuge lenken jetzt, keine Maschinen bedienen während der Lektüre.

PS: da habe ich doch kürzlich die Lieblingsgeschichte eines Hobby-Triathleten und Sustrans-Funktionärs gelesen: Nach einem Triathlon setzte er sich zum Umziehen in sein Auto, das er irgendwo in Zielnähe geparkt hatte. Als er gerade alles ausgezogen hatte auf dem Fahrersitz, fand er in der Rückentasche seines Dresses ein paar ungebrauchte und angebrauchte Energie-Gel-Tüten. Um sie zu entsorgen, öffnete er das Fenster einen Spalt und schmiss die Dinger raus (Ferkel). Da bemerkte er eine Gruppe Männer und Frauen, die sich zügig auf ihn zu bewegten und registrierte: „Ich sitze gerade splitternackt in meinem Auto, neben einem Kinderspielplatz, und werfe Süssigeiten aus dem Fenster.“ Nicht unrealistischerweise stufte er die Chance, die Situation bereinigen zu können, als gering ein und entfernte sich mit quietschenden Reifen. Es wurde aber alles gut, ich habe den Mann vor einigen Wochen persönlich getroffen, und er wirkte nicht wie ein Opfer von Lynchjustiz.

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