Radsport und Ästhetik: Eine Hassliebe.

Eins gleich vorneweg: Radsport braucht grundsätzlich nicht schön auszusehen, um faszinierend zu sein – und das Velo als Transportmittel ist schon gar nicht auf Äusserlichkeiten angewiesen, denn auch das hässlichste Fahrrad besitzt imer noch die Eigenschaften, welche seine Spezies einzigartig machen: Einfachheit, Vielseitigkeit, Zuverlässigkeit, Nützlichkeit.

Schön wäre es schon, wenn man beim Radsport – oder beim Radfahren allgemein – nicht ständig die Augen zukneifen müsste, damit einem dieselben nicht wehtun. Radsport und Ästhetik, die beiden vertragen sich aber leider so gut wie Liz Taylor und Richard Burton: Manchmal hervorragend, aber recht häufig kracht es einfach, und die beiden verabschieden sich voneinander und lassen sich scheiden, bloss um hinter der nächsten Kurve wieder zu heiraten. Geschieden wird dann am nächsten Berg wieder.

Nachfolgend ein paar offensichtliche Beispiele für schöne und weniger schöne Dinge im Zusammenhang mit Radsport. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Rangierung, denn über Geschmack lässt sich ja, eben.

1. Schön

Wo beginnen, wo nur? Vielleicht: Gemuffte Stahlrahmen mit Headbadge. Kommen nie aus der Mode, und sogar ein Headbadge ohne Rahmen dran ist immer noch ein Kunstwerk für sich. Das finden auch andere Leute schön, wie man leicht an der Existenz von Websites wie velochic.ch erkennt. Von dort stammt auch das nachfolgende Bild. Ein geschweisster Alu-Rahmen (mag ja auch seinen Reiz haben vor dem richtigen Hintergrund) sieht im Direktvergleich aus wie eine Töpferarbeit aus der Krabbelgruppe.

Albatros

Der nächste Gegenstand, dessen Schönheit nicht jedermann auf Anhieb zugänglich ist,  steht mit einem überhaupt nicht schönen Ereignis in Zusammenhang: dem Ende jeder Tour de France. Es ist der Siegerpokal, welcher jeweils dem Gesamtsieger unter dem Arc de Triomphe in Paris verliehen wird. Coupe Omnisport heisst der Napf, und gemacht wird er in der Nationalen Porzellan-Manufaktur in Sèvres. Designt hat ihn übrigens Roger Vieillard, wobei vieillard meines Wissens ja auch alter Mann heisst. Auch ich musste erst ein alter Mann werden, bis ich die Schönheit des Pokals zu erkennen vermochte.

Coupe_Vieillard

Das nächste Bijou ist allgegenwärtig auf unseren Strassen, jeder ist es schon unzählige Male entlang gefahren, und doch kennt es kein Schwein: die Klothoide. Das ist kein Fluss, keine Pflanze und keine griechische Sagengestalt, auch keine unerlaubte leistungssteigernde Substanz, sondern eine elegante Kurve. Der Krümmungsradius einer Klothoide an einem beliebigen Punkt ist umgekehrt proportional zur Distanz vom Anfangspunkt. Also krümmt sich die Klothoide umso stärker, je weiter sie vom Anfangspunkt wegkommt. Als ob sie Heimweh hätte. Irgendwann im letzten Jahrhundert haben findige Strassenbauingenieure bestimmt, dass eine Strassenkurve mit den immer schneller werdenden Automobilen am besten zu fahren ist, wenn sie die Form einer Klothoide hat. Ein schöner Gedanke, finde ich. Schade bloss, dass sich keiner die Mühe gemacht hat, einen anständigen Namen dafür zu suchen. Ein Name, der mit Klo anfängt, riecht einfach irgendwie. Zum Glück werden die Klothoiden auf der Strasse jeweils frühzeitig abgebrochen, sonst würden sich die Automobile ganz schnell im Innern der Kurve häufen:

Klothoide

Schöne Kuve. Sah es deshalb jeweils so grossartig aus, wenn ein Fahrer wie Richard Virenque oder Marco Pantani auf einer in Klothoiden sich bergan schwingenden Passstrasse sich vom Feld verabschiedete und mit offenem Trikot, damals noch ohne Helm, im weit ausladenden Wiegetritt davonflog, der Coupe Omnisportive entgegen? Ich sage nicht, das sei medizinisch oder moralisch lupenrein gewesen, aber schön? Oh ja! Leider ist das ein Bild der Vergangenheit, denn nicht nur müssen die Rennfahrer nun immer Helm tragen und sehen darum aus wie Stormtroopers aus Star Wars, sondern die UCI hat ihnen auch das Öffnen der Trikots verboten. Nichts mit Hitzefrei im Pölotong. Dem Peloton davon zu fahren, scheint sowieso aus der Mode gekommen. Das braucht man heute offenbar nicht mehr, um eine der grossen Rundfahrten zu gewinnen, ein gelungenes Zeitfahren und eine starke Mannschaft genügt vollauf. Leider existieren keine Fotos von offenen Trikots  – sicher ein Streich der UCI. Deshalb hier ein Bild von Pantani und Virenque in gewohnter Eintracht:

Laurent Fignon war vielleicht der erste gewesen, der das Fahren mit offenem Trikot praktiziert, nein zelebriert hat. Deshalb begreife ich nicht, wie er jemals einer Eisenplastik wie dieser seinen Namen geben konnte:

VTT_Fignon

Aber über Tote soll man nicht schlecht reden. Reden wir im nächsten Abschnitt also schlecht über die Lebenden:

2. Unschön

Der zweifache Tour-Sieger Chris Froome mag daheim zwei schöne Früchteschalen, bestimmt ein schönes Haus und eine gutaussehende Gattin haben. Was er, Glücklicher, nicht sehen kann: sich selbst beim Radfahren. Das ist jeweils unschön, sehr unschön, um das Mindeste zu sagen. Wie ein ölverklebter Kranich anlässlich einer Tankerhavarie hantiert er mit seinen dürren Ärmchen. Und fliegen will er ja auch, der Arme. Mich erinnert er immer an die Werke von Alberto Giacometti, wobei diese zugegebenermassen etwas statischer unterwegs sind:

Froome  Le Chariot

Damit wäre auch gleich belegt, dass Giacometti den Segway erfunden hat. Mit dem Akku ist er irgendwie nicht klar gekommen, wollte aber das Patent partout nicht ohne anmelden. (Bild rechts sinnigerweise von altertuemliches.at) Dann ist er zu früh von uns gegangen, und jemand anders hat sich die Idee des Segway unter den Nagel gerissen. Schade eigentlich. Es wäre doch besser gewesen, er hätte den Furz mit ins Grab genommen.

Aber nun zu den ganz dicken Dingern in Sachen Unschön und Velo:

Rennräder-01

Das Velo links verhält sich in Sachen Schönheit zum Velo rechts etwa so wie die Figur links zur Figur rechts:

BaerDavid

Die Mutter aller optischen Kinnhaken dürfte hier natürlich auch nicht fehlen, aus Gründen der Pietät sei aber lediglich auf einen separaten Post zu dem Thema verwiesen.

Dieser Beitrag soll aber nicht mit einer optischen Dissonnanz enden. Darum zum Schluss ein Bild, dessen Schönheit, wenn auch nicht sofort offensichtlich, über alle Zweifel erhaben ist:

Boneshaker17

Das Bild stellt Ausgabe #17 von Boneshaker dar, auf meinem Tisch liegend. Mehr als nur schön! Überirdisch schön! Und keine Momentaufnahme, oder eben doch: Das Heft wird nur noch einen Moment lang auf dem Tisch liegen bleiben, dann schnappe ich es mir und vergrabe mich in die schönsten gedruckten Seiten, die das Velofahren zu bieten hat. Umgekehrt wird mir das Heft noch wochenlang Freude bereiten. Denn ich besitze glücklicherweise die Disziplin und Willensstärke, heute nicht gleich die ganzen hundert Seiten durchzulesen, sondern die Artikel, wie die Türchen eines Adventskalendersach was solls, die nächste Nummer kommt ja schon in etwa drei Monaten. www.boneshakermag.com. Bis dahin: Chapeau!

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Radsport und Ästhetik: Eine Hassliebe.

Willst du einen Kommentar hinterlassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s