Caffè carbone

Was Rennradfahren mit Kaffeetrinken zu tun hat? Sehr viel und doch nichts. Deshalb werden einige jetzt sagen „Was soll die Frage? Die gehören zusammen wie Risi und Betschart! Wie Velo und Trottoir!“ Andere wiederum haben inzwischen schon weggeklickt, weil sie irgendeinen intellektuell verbrämten, weit hergeholten Metastudien-Zusammenhang vermuten wie jenen zwischen der Route des Jägers und der Farbe des erlegten Bären im bekannten Rätsel.

Item: Der moderne Gümmeler (Schweizerdeutsch für Rennradfahrer), der etwas auf sich hält, trinkt einen Espresso in einer Pause auf oder am Ende der Ausfahrt mit seinem Carbon-Rennrad, vorzugsweise mit seinen hipsterbärtigen Freunden im In-Café an der Ecke im gentrifizierten Trend-Quartier seiner Stadt. Das ist ein Fakt, der in Magazinen wie Rouleur gar nicht oft genug wiederholt werden kann. Rouleur übrigens schrieb schon mal von den New Cyclists, was etwa so vertrauenerweckend tönt wie New Economy, aber weniger vertrauenerweckend als New Mexico, New Hampshire oder New York, denn die haben Mrs. Clinton doch immerhin 48 Wahlmännerstimmen eingetragen vor zwei Wochen. (Das Resultat hat mehr mit dem Ausdruck WahlMÄNNER zu tun, als man annehmen möchte, aber das ist eine andere Geschichte.) Hinter der Assoziation von Kaffee und Velo steckt aber nicht etwa die leistungssteigernde Wirkung des Koffeins, sondern Branche der kreativen Menschen, und damit sind nicht Künstler gemeint. Es wurde hier schon berichtet von der Geiselnahme des Fahrrades durch die Wirtschaft: Für kaum ein Produkt, kaum eine Dienstleistung wird noch Werbung gemacht ohne ein dezent am Bildrand, an der Hand des Models oder im mittleren Hintergrund. Und genau gleich geht es inzwischen dem Kaffee: Achte mal darauf, wie häufig eine Kaffee-(meist Espresso-, aber nicht immer)Tasse in Reklamen für irgendwelches Zeugs herumsteht, das rein gar nichts mit Espresso oder nur schon Getränken zu tun hat. Hier nur ein Beispiel:

ikeakaffee

Und weil eines keines ist:

bankkaffee

Die Koffeinsucht der Renn-, zunehmend aber auch anderer Radfahrer geht so weit, dass es unter den Gastronomie-Betrieben inzwischen ein Subgenre gibt, das als „Cycle Café“ bezeichnet wird. Cafés, die an populären (Strava-?) Radrouten liegen, mitunter technischen Service für das Rad bieten (Justierung des Wechsels und zweimal mit dem Lappen über die Kette in der Zeit, welche Zubereitung und Genuss eines Latte Macchiato benötigen) und den Gast bei Gelegenheit mit Übertragungen von Rennen oder Lesungen aus Ex-Profi-Biografien bei Laune halten. Gibt es in jeder Stadt! Auf der Website der Wiener Fahrradschau, die kürzlich über die Bühne ging, wurde den besten Rad-Cafés ein ganzer Artikel gewidmet. Der Szene-Pionier, das Londoner Café Look Mum No Hands (LMNH: da will ich auch mal hin) verkauft neben Velo-Bekleidung mit dem eigenen Logo oder Kunstdrucken auch Espressotassen:

caffecarbone

Bestimmt wird im Chefbüro einer grossen Werbeagentur ungefähr einmal jährlich gewürfelt, welche Accessoires, Hintergründe oder Emotionen als Beigemüse in die Kampagnen des kommenden Jahres gepackt werden. Irgendwann um 2010 muss „Fahrrad“ auf der nach oben gewandten Würfelseite gestanden haben. Vor zwei, drei Jahren muss es „Kaffee“ gewesen sein. Schon mal schön, dass jemand auf die Idee gekommen ist, überhaupt „Fahrrad“ auf den Würfel zu kritzeln. Es hätte ja auch „Geranien“ oder „Nacktschnecke“ oder „Gesichtsausdruck eines Menschen, der mit den Nägeln über eine Wandtafel kratzt“ sein können. Oder „Donald Trump“. Aber das ist ein anderes Würfelspiel. Jedenfalls mag ich den Gedanken nicht, dass das Schicksal des Fahrrads (und um nichts anderes handelt es sich hier, denn der Einfluss von Werbung auf unser Verhalten kann gar nicht überschätzt werden) vom Zufall bestimmt sein soll. Deshalb wollte ich den wahren Grund für die Vermählung von Bike und Bohne suchen, indem ich mich eingehend mit Kaffee auseinandersetzte, womöglich radelnd. Zu diesem Behuf stürzte ich mich endlich wieder einmal in einen jener kompromisslosen Selbstversuche, für welche dieser Blog so beliebt ist. Ich besorgte mir eine Kaffeemaschine, um dem eigentlichen Grund für die Allianz von Café und Carbon, Mokka und MAMILS (middle-aged men in lycra) auf den Grund zu gehen. Damit faire Verhältnisse herrschen, schaffte ich mir aber nicht irgendeine 39.99 Euro-Maschine vom Discounter an. Die New Cyclists kurven ja auch nicht auf Fünfgang-Alu-und-Blech-Maschinen vom Baumarkt herum. Deshalb entschied ich mich – nein, nicht für das Pendant eines Carbon-Boliden, was für eine Kaffeemaschine das auch immer sein möge – für eine Olympia Cremina, Baujahr 1978, die etwa einem Colnago-Renner mit Stahlrahmen und natürlich Campagnolo-Komponenten gleichen Alters entspricht. Nicht mehr und nicht weniger.

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Oder vielleicht doch mehr. Ich meine, seht euch nur mal diese formvollendete Brüheinheit an:

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Seufz. Um es kurz zu machen: Ich bin jetzt koffeinabhängig, habe meine sozialen Kontakte wochenlang vernachlässigt, um die Qualität des von mir, nein, von meiner Maschine produzierten Espresso zu optimieren (es ist noch ein weiter Weg), aber ich kenne jetzt das Geheimnis des Roadbike-Ristretto-Tandems. Und die Werbefritzen kennen es nicht, aber es interessiert sie wohl auch nicht. Es ist: die Einfachheit der Technik. So ein Kaffee kann mit einfachsten Mitteln köstlich zubereitet werden. Man gibt oben Wasser und in der Mitte Kaffeepulver rein, zieht am Hebel, und unten tröpfelt cremigster Espresso raus. Natürlich kann ich einen Plastikbecher Kapselplörre auf dem Weg ins Büro in mich reinschütten und bin dann genauso wach. Aber die Herstellung mit einer Espressomaschine ist ein sinnliches Ritual mit leichtem Hang ins Meditative, wenn die rechte Maschine zum Einsatz kommt und die Tasse weiss und dickwandig ist.

Und darin liegt die tiefe, tiefe Seelenverwandschaft von Gebräu und Gefährt: Der Weg ist das Ziel, und das Mittel zum Zweck ist ein denkbar einfaches, das man anschauen, verstehen und geniessen kann. Wobei zu viel Anschauen nicht gut ist, weil man dann weniger versteht, aber das sind viele andere Baustellen.  Ich kann natürlich mit allen möglichen Verkehrsmitteln von A nach B gelangen, aber ein Genuss ist das dann in den seltensten Fällen. Dieser stellt sich ein, wenn man auf einem Velo unterwegs ist und die Nase in den Wind hält, seine Lungen pumpen spürt, die Reifen sirren hört und die Wolken ziehen sieht. Und darum scharen sich Velofahrer nach der Trainingsrunde nicht um einen Kaffee-Automaten, sondern treffen sich im Cycle Café. (Aber bitte nicht in Rennhosen, ja?)

Wir kennen nun den Grund, warum Kaffee und Klickpedalen gut zusammengehen. Aber kennen ihn auch die Werber, welche sinnlos Velos und Tassen auf ihre Fotoshooting-Locations schleppen? Wohl kaum. Ist das vielleicht doch alles nur Zufall?

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3 Gedanken zu “Caffè carbone

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