Erfindungen, auf die die Welt gewartet hat

Die Redewendung „das Rad neu erfinden“ gehört nicht zu meinen beliebtesten. Ganz im Gegensatz zu den viel bildhafteren Wortschöpfungen „den Sack schlagen und den Esel meinen“, „sein Licht unter den Scheffel stellen“ oder „mens sana in campari soda“. Denn, warum soll einer nicht das Rad nochmals erfinden, wenn er eine bessere Vorstellung davon hat, wie so ein Rad aussehen soll? Ich wage zu behaupten: Hätte Steve Jobs nicht immer wieder seine Computer neu erfunden, so hätten wir heute kein iPhone (ok, blödes Beispiel, denn das wäre doch eigentlich recht wünschenswert). Sinngemäss also.

Aber gerade die IT-Branche, seit jeher ein Hort der Innovation, hat eben erst ein noch ziemlich junges Rad neu erfunden. Vor wenigen Jahren hat sie den Tablet-Computer hervorgebracht als logische Weiterentwicklung des tragbaren Laptop-Computers, der heute von der überwiegenden Mehrheit der Benutzer sowieso nur noch zum Surfen im Internet verwendet wird. Da ist eine Tastatur eher im Weg, also hat man den Touchscreen erschaffen, und damit kann man nun ausgiebig auf der Couch, dem flauschigen Wohnzimmerteppich oder im Gehen surfen, ohne Verbrennungen im Genitalbereich zu erleiden oder einen übermässigen Bizeps zu entwickeln (wobei ein beträchtlicher Teil der Klientel gerade Letzteres als angenehmen Nebeneffekt des Aufenthaltes im Internet begrüssen würde – die Idee schenk ich hier offiziell der Computerindustrie). Nun aber ist irgendein Wunderkind auf die Idee gekommen, dem Tablet eine – richtig geraten – Tastatur zu verpassen. Und, tadaah: der, ähm, Laptop-Computer ist, ähm, erfunden. Ist es nicht immer wieder niedlich anzuschauen, wenn Ingenieure die eierlegende Wollmilchsau suchen? Da steckt natürlich Kalkül dahinter. Den Kunden wird vorgemacht, sie hätten nun alles in einem Gerät: Tablet und Laptop. Stimmt ja auch, obwohl so ein Gerät dann halt nur ein bisschen Laptop und ein bisschen Tablet ist. Ich sage: Weshalb nicht  noch ein Kunststoffgehäuse mit den Abmessungen 50x20x40 cm (LxBxH) drüberstülpen, dann hat man gleich auch noch ein bisschen Desktop-Computer! Für das fast gleiche Geld!

Hier will die Veloindustrie nun wirklich nicht hintanstehen. Wir blenden zurück: vor Urzeiten gab es in der Schweiz einen einzigartigen Töffliboom (Töffli gleich Moped) mit
fantastischen Verkaufszahlen. Zum Glück ist diese Zeit heute nur noch über vierzigjährigen Nostalgikern in Erinnerung. Deshalb konnte vor wenigen Jahren ein Velo mit Motor lanciert und schamlos als Neuigkeit vermarktet werden. Heureka! Und keiner hat die Neuerfindung des Rades bemerkt, geschweige denn kritisiert. Dabei lehnen sich die E-Bikes der Marke Flyer heute noch optisch an die Ciaos und Ponys von damals an: Tiefdurchstieg, plumpe Gesamterscheinung, Sofasessel auf der Sattelstütze. Welch Raffinesse, welch Marketing-Geniestreich!

Moped Ciao
Moped „Piaggio Ciao“

 

Pedelec Flyer
Pedelec „Flyer“

Die Kollegen aus der Radbekleidungsabteilung haben sich die Masche abgeguckt. So hat Giro letztes Jahr eine Aufsehen erregende Neuerung präsentiert: An eine der beliebten ärmellosen Westen, klein faltbar und ein tipptopper Windschutz in kurzen bis mittleren Abfahrten oder im gemässigten Klima wurden – da wär unsereins nie drauf gekommen – Ärmel angesetzt! Abnehmbare obendrauf! Geboren war die „Sleevest“. Der deutsche Pressedienst Fahrad meint allen Ernstes:

Der kalifornische Radbekleidungshersteller Giro sprengt die Grenzen herkömmlicher Funktionsbekleidung: Ab Frühjahr 2014 wird die „New Road“-Kollektion erweitert um die weltweit erste Langarmweste. Die „Sleevest“ genannte Neuheit ist nach Ansicht von Fachleuten eine wahre Revolution in puncto Funktion, Größenpolitik und Farbspektrum. „Wetter passiert halt – entscheidend ist, wie man damit umgeht!“ Diesem Motto folgend erweitert Giro, traditionsreicher Produzent von Helm- und Radbekleidung aus Santa Cruz/Kalifornien, seine Reihe New Road. Das Kernstück der neuen Denke heißt Sleevest und es folgt einem betörend simplen Gedanken: Die Weste erhält jetzt Ärmel. „Die klassische Radsportweste hat einen ganz entscheidenden Nachteil: Die Arme kühlen schnell aus und hier besonders die Ellenbogen“, erklärt Falk Alvarez Sánchez vom deutschen Giro-Vertrieb…

Neue Denke! Betörend simpel! Na danke. Verstörend simpel, will man rufen. Das restliche Blabla erspare ich der Leserschaft, falls solche vorhanden sein sollte. Wir alle wissen nun wenigstens, dass irgendwo ein fleissiger deutscher Journalist mit einer geschenkten Velojacke runkurvt. Wäre die Jacke in der Manier eines gewöhnlicen Apple-Gadgets mit einem Cupertino-liken Grossevent lanciert worden, hätte  sich eventuell Erfolg eingestellt. Und hier ist das sensationelle Teil:

Sleevest an
Sleevest an

Sollten Sie nun bloss eine gewöhnliche Jacke sehen: Das ist es auch. Jedoch nur oberflächlich, denn darunter, aber hallo:

Sleevest aus
Sleevest aus

Na ja.

Firmen wie Brooks oder diverse vor allem amerikanische Hersteller von klassischen Tourenrädern beackern seit jeher nostalgische Gefühle in ihrer Kundschaft, indem sie Sachen produzieren, die vor vielen Jahrzehnten schon mal weit verbreitet waren. Das ist legitim und in vielen Branchen der Konsumgüterindustrie und der Politik zu beobachten. Diese Firmen behaupten aber nicht, etwas neues erfunden zu haben, und das ist dann doch immerhin ehr- und redlich; da weiss man, was man hat, guten Abend.

A propos ehrlich: Ich erzähle Ihnen nun unter vier Augen und ganz exklusiv, womit ich meinen Lebensabend zu finanzieren gedenke, da mir ehrliche Arbeit etwas mühsam zu sein scheint. Meine Erfindung heisst: Zusatzgewichte für Carbonrahmen. Auffällig-unauffällig an verschiedenen Stellen platziert, in verschiedensten Formen und Farben erhältlich. Das ist doch wahre Innovation, oder? Mit ausreichend Zusatzgewicht schafft sich jedermann so ein Rennrad mit einem Komplettgewicht von ca. zwölf Kilo. Kostenpunkt der Gewichte: schlappe 800 Euro/kg. Ich erkläre den Charakter der Innovation dann am Pressanlass etwas näher. Erstmal muss ich aber meinen schwarzen Rollkragenpulli suchen.

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8 Gedanken zu “Erfindungen, auf die die Welt gewartet hat

  1. Ich schlage vor, die Zusatzgewichte in gestaffelten Qualitätsklassen anzubieten. Und in flüssiger Form, dann kann man sie in den Rahmen reingiessen. Wie wär’s mit flüssigem Carbon, damit der Rahmen nicht von innen durch Fremdmaterial angegriffen wird? Eventuell angereichert mit isotopisch schwerem Quecksilber?

  2. Was habt ihr gegen E-bikes? Und schon mal die neuste Flyer-Kollektion angeschaut? Oder der neue Stromer mit GPS drin? Mit der schnellen Variante bis 45 km/h überhole ich jedes dieser stinkenden 2-Takter. Jedem sein Velo, wie er mag, mir mein schöner, schneller Flyer. Der ersetzt mir mittlerweile auch das Auto; ich gehe mal locker Gras pflücken für meine Meerschweinchen innerhalb eines Radius von 10, 15 km; einfach, weil es Spass macht, flott vorwärtszukommen und am Ende nicht total verschwitzt anzukommen. 😉

    1. Was wir gegen E-Bikes haben? Gar nichts! Wir sehen sie einfach als das, was sie sind: ein weiteres Gerät, das aufgeladen und rumstehen gelassen wird, bis es wieder aufgeladen werden muss.
      Kleiner Scherz. Nein, im Ernst: natürlich haben wir was gegen E-Bikes. Wir sehen sie nämlich als das, was sie sind: ein weiteres Gerät, das aufgeladen und rumstehen gelassen wird, bis es wieder aufgeladen werden muss.
      Noch kleinerer Scherz. Nein, was wir gegen E-Bikes haben: erstens bis ca. drittens: einen gesunden, angeborenen Reflex, ein Gerät mit Motor dran nicht als Velo zu bezeichnen. Viertens: Ist es nicht etwas eigenartig, jeden Vorgang in unserem Alltag, vom Zähneputzen zum Abwischen des Hinterteils nach vollbrachtem Stuhlgang, vom Milchschäumen bis zum Rasenmähen, mit elektrischer Unterstützung zu erledigen, wo wir doch eigentlich mal die AKW abschalten wollten? Dass ein E-Bike nur wenig Strom braucht, hilft da nicht wirklich. Fünftens: Ästhetische Nöte, auch wenn die Pedelecs inzwischen nicht mehr wie Orthopädiebedarf aussehen. Denn all die Tiefdurchstiegsräder, wie an Hometrainer erinnern, werden noch lange nicht aus dem Strassenbild verschwinden (sollten sie auchh nicht, bei den Mengen wertvoller Rohstoffe, die in so einem Akku stecken).
      Und natürlich versuchen auch wir, jeder Entwicklung etwas Positives abzuringen. Wir erkennen schon, dass jede E-Bike-Fahrt eine Autofahrt einspart oder einen Platz in der S-Bahn frei macht; das haben hundert Jahre Velo-Lobbbying nicht geschafft. Und wenn eine verlorene Menschenseele durch das E-Bike zum Velofahren findet, sind wir die ersten, die das beklatschen. Wir haben also unseren Frieden mit Pedelecs gemacht, auch wenn das ein reiner Akt der Vernunft war.
      Aber es gibt auch eine Grenze, die ist so unverrückbar wie Sepp Blatter auf seinem FIFA-Sessel: motorisierte geländegängige Mountainbikes. Jedenfalls ausserhalb von Kiesgruben. Da hört alles auf. Abgesehen, dass das so unlogisch ist wie eine Langhantel aus Karbon zu benutzen, weil sie nämlich leichter ist als eine aus Stahl: Fahren Mountainbiker auch bergauf schnell, wird das die bisher nur schwelenden Konflikte mit anderen Wegbenutzern eskalieren lassen, und dann haben alle Biker die Suppe auszulöffeln haben. Guten Appetit.

      1. Klar fährt man damit velo, was denn sonst? Man pedalt ja! Diese elektrischen Vespolinos, die vor dem Gesetz auch als Velo gelten (!), aber von allein fahren, das sind in meinen Augen keine Velos.
        Schon mal ein S-Pedelec gefahren? Meist sind all die Leute, welche so negativ über (S)-Pedelecs reden, noch nie auf einem gesessen. Ohne selber Trampen läuft da gar nichts; ich krieg nur soviel Unterstützung, wie ich auch selber dazugebe. Es macht einfach mehr Spass, grosse Steigungen – und davon hat es in der Stadt Zürich z.B. einige – etwas lockerer zu überwinden und ohne völlig verschwitzt z.B. beim Arzttermin oder am Arbeitsplatz zu erscheinen. Ist ja nicht jeder ein durchtrainierter Cancellara… 😉

    1. Lieber Christian, stöbere bitte noch ein wenig im velopflock-Archiv. Wenn dir dann noch nicht klar ist, was wir gegen Carbon haben bzw. nicht haben, dann sollten wir diesen Blog vielleicht einstellen. Danke für die Rückmeldung!

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