Es weihnachtet sehr

(Kann sein, dass ich diesen Titel schon mal verwendet habe. Aber ich bin gerade zu müde, um nachschauen zu gehen. Bitte um Nachsicht.)

Es weihnachtet schon sehr. Am Tag vor Halloween sind die Halloween-Artikel aus den Sonderständen der Kaufhäuser verschwunden, um dem Weihnachtskram Platz zu machen. Damit sollte jetzt jedem klar sein, dass ohne Weihnachtsschmuck ausgeht, wer ihn sich nicht bis Ende November gekauft hat. Denn die Osterhasen sind bereits in Produktion und werden etwa Mitte Dezember die Regale bestossen.

Grundsätzlich ist ja gar nichts einzuwenden gegen antizyklisches Verhalten. Es macht ja beispielsweise Sinn, Mountainbike-Kilometer satt im Sommer im Spätherbst zu generieren, wenn es hell und still ist in den Wäldern und keine anderen Sportler mehr im Weg stehen:

 

Herbst

Weihnachten im November und Ostern im Dezember ist dann doch zu viel des Guten. Macht mir aber nichts, denn ich habe das ganze Jahr über Weihnachten. In letzter Zeit geht nämlich in meiner weiteren Umgebung ein Veloladen nach dem andern auf. Ich, ganz naiv, nicht lernfähig, bin immer ganz gespannt, was für einer es diesmal sein würde. Ich freue mich immer auf den ersten Besuch im neuen Laden, genauso wie ich mich jeweils auf den Christbaum (den ich ganz um seiner selbst willen herbeisehne) freue. Anders als an Weihnachten werde ich in den Radshops aber auffällig häufig enttäuscht. Eigentlich immer. Einer ist wie der andere: Carbon, Carbon oder Carbon, Mountainbikes in einer üppigen Fülle an Radgrössen, Rennräder, Triathlon-Maschinen, mit denen vor ein paar Jahren noch der Stundenweltrekord in Angriff genommen worden wäre. Dazu jede Menge Lycra-Kostüme, Protektoren und Tuning-Artikel. Was auch nie fehlen darf: je zwei retro-gestylte Damenräder und Mountainbikes mit 24-Zoll-Räder für den Nachwuchs.

Sie fragen sich jetzt, woher meine Enttäuschung ob dieses Sortiments rührt? Dann klicken Sie wohl am besten hier. Schönen Tag noch.

Allen Verbliebenen ist klar: Nur ganz selten öffnet ein Veloladen, der einem das Gefühl gibt, dass man darin ein Alltags-, Spazier- oder Reisevelo kriegt, weil bloss Sportgeräte herumstehen. Oder dass man darin ein Velo findet, das zu einem selber passt. Von der Grösse her passt, von der Technik her und nicht zuletzt auch vom Stil her passt. Um so eines zu kriegen, bräuchte man allerdings einen Fachmann mit Geduld, Gespür und Gehör, um die diesbezüglichen Bedürfnisse eines Kunden ans Tageslicht zu holen. Denn der Kunde sollte eigentlich komplett ahnungsfrei ein Fahrradgeschäft betreten und es nach einer Weile (mehr als einer halben Stunde!) ein zu ihm passendes Fahrrad kaufen können. Das ist aber selten der Fall. Ein Verkäufer, der nicht zu Beginn eines Beratungsgesprächs ein paar Fragen nach voraussichtlichem Einsatzzweck und bisheriger Radfahrgeschichte des Kunden stellt, sondern ihm einfach mal ein Modell im mittleren Preissegment zeigt, das sich gut verkauft, ist nicht kompetent, sondern unbedarft und hat seinen Beruf verfehlt.

Natürlich kostet Beratung. Ein Händler, der sich Zeit für eine Analyse der Bedürfnisse seines potentiellen Kunden nimmt, der muss eine etwas grössere Gewinnmarge einrechnen, um kostendeckend zu bleiben. Aber ein Fahrrad gehört zu der Kategorie von Dingen, bei denen sich höhere Auslagen bei der Anschaffung meistens lohnen. Weil es hier um Sicherheit, Komfort und Langlebigkeit geht. Und um Genuss, Erlebnisse und grosse Gefühle! Anders als bei einem Dosenöffner oder einer Regentonne.

Als Folge dieser Überzahl schlecht sortierter und schlecht geführter Fahrradgeschäfte trifft man dann auf städtischen Radstreifen (so diese denn existieren) unzählige Leute auf einem Mountainbike, einem schlecht eingestellten Velo oder ohne Schutzbleche und Licht. Damit haben sie dann keinen Spass und stellen das Gerät nach zwei Wochen in den Keller, wo es bis zum nächsten Umzug bleibt. Kein Wunder, schätzt der Schweizer Branchenverband Velosuisse auf seiner Website, dass von 3.9 Millionen Velos in der Schweiz 1.0 bis 1.2 Millionen gar nicht bewegt werden.

Das vorläufig letzte, aber umso traurigere Beispiel in meiner Umgebung: Eine Autowerkstätte eröffnete letzten Monat einen Fahrradladen in ihrem Lokal. Mit Edel-Rennrädern verschiedener italienischer Marken. Und natürlich mit Fahrradträgern für Autodächer. Einer der Automechaniker sagte: „Wenn du ein Auto reparieren kannst, kannst du auch ein Velo reparieren.“

Ich wünsche mir zu Weihnachten einen Veloreparatur-Intensivkurs. Und ich werde sehr, sehr enttäuscht sein, wenn ich ihn nicht bekomme.

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4 Gedanken zu “Es weihnachtet sehr

  1. Reparaturkurs? Das gab’s doch immer “für interessierte Frauen”. Dürfen da jetzt alle Menschen hin (unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, politischer Einstellung, Frisur und Zahnstellung)? Wenn du das zu Weihnachten möchtest: noch im November? Und welcher Velomech in der Schweiz kann dir da noch etwas beibringen?

    Gruss Johannes Geiss

  2. Da ich
    leider nicht mehr in FR wohne, kann ich diesen Kurs nicht offerieren. Eine Reise ins Brabant mag zwar auch schön sein, ist aber nicht das Traumziel für jedermann/frau. Die offene Garage mit offenen Ohren und fachkundigen Händen erfreut die hiesige Nachbarschaft.

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