Rosa!

Das Wetter im Mai war, sagen wir mal, durchzogen. Das heisst: nur bedingt geeignet zum Radfahren. Dafür hatten Radsport-Freunde etwas mehr Zeit, Radrennen am Fernsehen zu verfolgen. Ich zum Beispiel sah mir mehrere Etappen des Giro d’Italia an. Oder ich versuchte es wenigstens, denn die verfügbare Technik liess offenbar eine Live-Übertragung der Fahrt über den Passo Giau nicht zu. Stattdessen konnte ich die Mimik von Menschen studieren, die gerade die zehn Sekunden Bildschirmzeit erlebten, die ihnen im Leben zusteht. Nicht alle wissen mit diesem erhebenden Moment umzugehen, so dass dieses Spektakel im Zielraum von Cortina d’Ampezzo als Ersatz für Live-Sport doch recht unterhaltsam war.

Genau so ist das mit dem Giro: die TV-Übertragung mag zwischendurch etwas langweilig sein, und trotzdem ist das Gesamtpaket ein sehr gefälliges. Hand aufs Herz: Jedes Radrennen ist zwischendurch langweilig. Aber wie beim Radfahren wird auch beim Ansehen von Radrennen belohnt, wer Durchhaltevermögen und Ausdauer besitzt. Das habe ich in meiner Kindheit gelernt. Zahl- und endlose Nachmittage in den Maimonaten der frühen Achtzigerjahre verbrachte ich vor dem Fernseher, um den Giro zu verfolgen. Damals verstand ich wenig bis gar nichts von Radsport, also noch ein kleines Bisschen weniger als heute. Trotzdem fiel sogar mir als Zehnjährigem auf, dass auf vielen Etappen genau gar nichts passierte bis einen Kilometer vor Schluss, als plötzlich Bewegung ins Feld kam und wenige Fahrer vorneweg rasten. Dann schmiss einer von ihnen beide Arme in die Höhe, und wenige Momente später war die Übertragung zu Ende.

(Quelle: cyclingart.blogspot.com)

Das grösste Rätsel für mich war, dass der Schweizer Sprinter Urs Freuler Etappe um Etappe gewann, im Gesamtklassement aber trotzdem schlechter als Rang 100 klassiert war. Das war sogar 1984 so, als er nicht weniger als vier Teilstücke für sich entschied. Schiebung muss da im Spiel gewesen sein. Ebenso bei den Austragungen, die Franceso Moser oder Giuseppe Saronni gewannen, die italienischen Volkshelden. Waren sie in potenzieller Siegform, fehlten immer die grossen Pässe im Etappenplan. Trotzdem, oder genau wegen diesen Geschichten, war der Giro, was den Radsport betrifft, meine Jugendliebe.

Doch das Renngeschehen war es eigentlich gar nicht, was mich am meisten beeindruckte. Das waren die Aufnahmen aus dem Helikopter. Man konnte in der Schweiz auf dem Sofa sitzen und die wunderschönen Landschaften Italiens an sich vorbeiziehen lassen, während sich draussen der Schweizer Frühling erst zu entfalten begann. Die endlosen Felder der Po-Ebene, das türkisblaue Meer an Siziliens Küste, die Zypressen der Toskana und manchmal sogar eine gewundene schmale Passstrasse in den Dolomiten führen uns die ganze Vielfalt des Landes vor Augen. Durch diesen speziellen Geografie-Unterricht, mit italienischem Kommentar untermalt, hatte ich bei späteren Italienreisen jeweils das Gefühl, das Land schon bestens zu kennen.

(Geht es Ihnen nicht auch so?)

Auf genau diesen Effekt geht die grosse Popularität aller grossen Landesrundfahrten zurück. Gegründet wurden sie zwar allesamt, um Inhalt für eine grosse Sportzeitung zu schaffen und Werbung für diese zu machen. Deshalb ist bis heute das Leadertrikot der Tour de France gelb, wie die Seiten der Zeitung L’Equipe es früher waren, und dasjenige des Giro d’Italia rosarot wie das Papier, auf das die Gazzetta dello Sport noch heute gedruckt wird. (Ich bin bisher noch nicht dahinter gekommen, welche Zeitung das Vorbild für das grasgrüne Jersey des Führenden in der Tour de Romandie gab. Die Organisatoren der Tour de Suisse andererseits wussten womöglich schlicht nicht, dass ein Leadertrikot auch eine andere Farbe als gelb haben durfte.) In den Jahrzehnten nach dem Krieg, als die Massenmedien massiger und die Lohntüten etwas lohnender geworden waren, wurde die Fremdenverkehrsindustrie zur Triebfeder für den ganzen Rummel. Fortan ging es darum, die Schönheit des Landes auf der grossen und immer grösser werdenden Bühne der Television auszubreiten, um Hotels, Strände und Autobahnen zu füllen mit gut gelaunten Touristen.

Photo by Wendy Wei on Pexels.com

Nun stellt natürlich eine logische Frage: Wenn mit dem Radrennen Touristen angelockt werden sollen, wieso findet dann die Tour de France im Hochsommer statt? Da haben doch alle ihre Ferien bereits gebucht oder sogar schon überstanden! Da waren die Italiener schlauer, als die Termine im Rennkalender verteilt wurden. Sie werfen sich im Frühjahr in Pose, damit wir Mittel- und Nordeuropäer unser Reiseziel richtig wählen können. Die Tour de France dagegen können viele Urlauber wegen Ferienabwesenheit gar nicht mal im Fernsehen verfolgen. Sehr ungeschickt.

Der Giro ist bis heute meine Lieblings-Grand Tour, weil er sympathischer und unberechenbarer ist als die Szenedominatorin Tour de France. Viele Fahrer und Teams definieren die TdF als alleinigen Saisonhöhepunkt. Während des Rennens sind sie dann furchtbar angespannt und trauen sich gar nichts. Die Teamchefs erstarren vor Ehrfurcht vor dem Führenden und seiner Mannschaft und geben sich lieber mit einem zweiten Platz zufrieden, als anzugreifen mit dem Risiko, den Podestplatz zu verlieren. Beim Giro ist das alles entspannter und der Rennverlauf viel häufiger überraschend. Oder kannten Sie den Namen von Tao Geoghegan Hart, bevor er letztes Jahr den Giro gewann? Ich kann den bis heute nicht mal richtig aussprechen, arbeite aber dran..

Auch die Fahrer sehen es inzwischen nicht mehr als Relegation an, von ihrem Team zum Giro geschickt zu werden. Ich kann das gut verstehen. Was hätten Sie denn lieber im Wohnzimmer stehen, den Pokal der Tour (links) oder den des Giro (rechts)?

(Sogar der Schatten verdrückt sich unter der Früchteschale!)

Aber wie gesagt hat meine persönliche Vorliebe für den Giro auch sentimentale Gründe. Hätte ich nicht aus purer Langeweile die Frühlingsferien jeweils vor dem Fernseher verbracht, würde ich heute wohl gar nicht Rennrad fahren. Nach drei Stunden vor dem Fernseher, regungslos, verspürt der trägste Teenager wenigstens einen Anflug von Bewegungsdrang. Was liegt dann näher, als selbst auf ein Velo zu steigen und im Wiegetritt, tief über den Lenker gebeugt, über die Gehsteige im Viertel zu rasen?

Wer jetzt noch nicht genug hat von Giro-Romantik, dem sei das Buch Beim Giro d’Italia von Dino Buzzati wärmstens empfohlen.

Und übrigens: Ich mag auch Le Tour sehr, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Oder auch nicht. Warten Sie mal, bis es wieder Juli ist, und schauen Sie dann wieder hier vorbei. Ciao, a presto!

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