Alle Verantwortung den Radfahrern!

„Pass gut auf dich auf!“ sagte meine Frau kürzlich zu mir, als ich in dem seltsam engen Lycra-Gewand vor sie trat, mit dem ich Rennrad zu fahren pflege. Und sie weiss, wovon sie spricht, wenn sie so redet. Wenn ich auf einer Rennvelotour eine Nahtoderfahrung in Form einer Begegnung mit einem Auto mache, erzähle ich ihr anschliessend meistens davon. Das ist natürlich ebenso unfair wie zwecklos, denn sie macht sich dann immer Sorgen, ohne mir helfen zu können. Und vorderhand werde ich mit dem Rennradfahren auch nicht aufhören, sondern versuchen, verkehrsarme Strassen zu benutzen, zu verkehrsarmen Zeiten zu fahren und gut aufzupassen.

Und damit sind wir beim Thema. Was bedeutet gut aufpassen beim Velofahren? Vorausschauen, auch mal zurückblicken, keine brüsken Lenkbewegungen machen, Vorausdenken, konzentriert bleiben. Klar! Wie aber steht es mit dem Tragen eines Helms aus? Ist es schon fahrlässig, ohne Leuchtweste ins Büro zu radeln? Ist es ein Gebot der Stunde, zu jeder Tages- und Nachtzeit ein hell blinkendes, leichtes, schickes und gar nicht so teures LED-Licht am Velo mitzuführen, um besser gesehen zu werden?

Offenbar ja. Die Kampagne der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung verortet die Verantwortung für Kollisionen mit Motorfahrzeugen ganz klar ausserhalb derselben. Bei Fussgängern und Velofahrerinnen nämlich.

Kinder, die nicht gesehen werden, werden stattdessen überfahren. So ist das Leben halt! Und keines der überfahrenen Kinder soll dann rumheulen und sagen, es hätte nichts gewusst! Nichts gewusst von Leuchtkleidung, von Impuls (Masse mal Beschleunigung), vom Abschätzen der Geschwindigkeit eines sich bewegenden Körpers, von geistiger und motorischer Reaktionszeit und jener des Fahrzeugs. Oder von den ganzen Ablenkungen, die auf die Autolenkenden einwirken.

Am besten markieren Sie übrigens gleich die ganze Familie, denn möglicherweise werden sogar Erwachsene überfahren, wenn sie nicht leuchten.

(Quelle: bfu)

Die Bildsprache in der Unfallprävention ist aber nicht immer so lustig. Die können nämlich auch düster:

Düster ist durchaus nicht nur das Monster mit den leuchtenden Augen in der Bildmitte – das ist ein Auto, Sie Dummchen! – sondern ebenso sehr die Ausstattung der Velofahrerin: Obschon sie offenbar nicht auf einem Sportgerät, sondern einem Fortbewegungsmittel für den Alltag (aka Velo) sitzt, trägt sie schwarze (schwarze! Selber Schuld, wenn ihre Beine überfahren werden!) Leggins und eine hochreflektierende Sportregenjacke. Ein Aufzug, mit dem man in Alltagssituationen ja lieber nicht gesehen werden möchte.

Und düster kippt in der Bildsprache der Sicherheitsapostel gelegentlich ins Makabre – oder ist das schon wieder heiter?

(„Scream“ hiess die Filmreihe. Der Titel bezieht sich auf das Geräusch von blockierten Autoreifen beim Bremsen am Fussgängerstreifen oder vor dem Kreisel.)

Damit uns keiner falsch versteht: Sicherheit ist zentral in unserem Leben, und Schutzmassnahmen vor den Gefahren des Alltags sind laufend zu prüfen und zu überprüfen! Allerdings wird gelegentlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet (Wortspiel unbeabsichtigt), beispielsweise wenn kleine Kinder auf ihrem Ausflug durchs Quartier, begleitet von gut ausgebildeten erwachsenen Betreuenden, in neongelbe Kleidung gepackt werden:

Am bequemsten sind doch immer jene Massnahmen, die durch Personen umgesetzt werden müssen, die sich nicht wehren. Oder Massnahmen, die nichts kosten, kein anstrengendes Nachdenken und möglichst wenig Verhaltensänderung erfordern. Interessanterweise sind das dann auch selten die effizientesten Massnahmen. Dabei würde eine saubere Ermittlung der eigentlichen Gefahrenquelle oft schon helfen, um geeignete Schutzmassnahmen zu finden.

Im Beispiel der markierten Kita-Kinder ist ja nicht der Aufenthalt im Strassenbereich an sich die Gefahr, sondern Autos, welche die Fahrbahn verlassen oder den Fussgängerstreifen nicht respektieren. Doch, das kommt schon mal vor! Also müsste man doch eigentlich die Fahrzeuge daran hindern, auf den Gehsteig zu geraten oder den Fussgängerstreifen zeitgleich mit den Fussgängern zu befahren. Reflektoren, helle Kleider und Beleuchtung am Fahrrad sind unbestritten wirksame Methoden, Velofahrende oder Zufussgehende besser sichtbar zu machen. Aber erstens sind das nur passive Massnahmen, und zweitens betreffen sie nicht die Gefahrenquelle. Damit sind sie zwar wirksam, aber nicht in hohem Mass. Unfälle würden effizienter verhindert durch aktive Massnahmen auf Seiten des motorisierten Verkehrs.

Es ist aber für die Gesellschaft im Allgemeinen und die Politik im Speziellen wesentlich einfacher, die ganze Verantwortung für die Verhinderung von Unfällen an die potenziellen Opfer zu delegieren. Wer nicht gesehen wird, ist schliesslich selber Schuld, wie wir eingangs erfahren haben. Darum werden wir noch eine Weile auf ein Plakat wie dieses hier warten müssen:

NIcht erschrecken, liebe Automobilierende, ist alles nur fingiert! (© velopflock)

Ablenkung ist nämlich eine der Hauptursachen für Unfälle im Strassenverkehr. Sagen nicht wir (obwohl wir das sagen könnten, denn wir nehmen ja selber gelegentlich mit offenen Augen am Strassenverkehr teil). Das sagt die Polizei. Und sie sagt es im „Blick“, also wissen das jetzt eigentlich alle, und stimmen muss es somit auch. Im Rahmen einer Präventionskampagne der Polizei im September 2018 wurden allein im Kanton Zürich 1800 Personen wegen Telefonierens am Steuer gebüsst. Wie viele Personen das schweizweit täglich machen, kann man sich bloss ausmalen. Am besten mit schwarzem Farbstift.

(A propos schwarz: eine Nachbemerkung für alle, die diesen Beitrag auf einem Computer lesen. Das Beitragsbild sähe eigentlich so aus, WordPress kriegt es aber nicht gebacken, das ganze Bild anzuzeigen. Auf dem Tablet oder Smartphone geht das besser.)

Nachbemerkung zwei an sprachaffine Lesende: velopflock gendert nur gelegentlich und mit verschiedenen Methoden. Grundsätzlich gelten bei uns immer alle Geschlechter-Nuancen mit, und uns ist die Lesbarkeit für alle wichtiger als die konsequente Vermeidung der Gefahr, jemandes Geschlechteridentität zu verletzen. Wir wollen wirklich niemanden ausschliessen, und am allerwenigsten den Sprachfluss. Danke für eure Toleranz diesbezüglich!

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