Time to say goodbye.

Wer nach der Lektüre des Titels gehofft hat, der letzte Post in diesem Blog sei endlich gekommen, den darf ich gründlich enttäuschen. Es geht um eine viel schwerer wiegende Spielart von Abschied. Eine, die nicht schmerzen sollte, es aber trotzdem tut.

Der Frühling, der gerade nochmals einen Ellenbogen-Rempler vom schmollenden Winter bekommen hat, ist traditionellerweise Velobörsenzeit. Velobörse nennt sich in der Schweiz ein meist samstags in einer Turnhalle stattfindender Gebrauchträder-Markt, organisiert von Frauen, Sport- und anderen Vereinen, die für jedes Geschäft, das sie vermitteln, eine Provision kassieren und damit ihren Vereinshaushalt bestreiten. Hoffentlich keine ausschliesslich helvetische Angelegenheit, denn Velobörsen fördern das Velo als Transportmittel sehr, indem sie günstige Fahrräder unter die Leute, insbesondere Kinder und Jugendliche, bringen. Sie sind insofern reinste und wirksamste Lobby-Arbeit für das Fahrrad.

velobörse
Gelegentlich wird auch die Hymne abgesungen.

Und weil man als Zaungast auch ohne Kaufabsicht einiges zu sehen kriegt, ist so eine Börse eine schöne Win-Win-Win-, wenn nicht gar Win-Win-Win-Win-Situation. Im Internet finden sich diverse Listen für abenteuerlustige Velobesitzer.

 

Davon wollte kürzlich auch ich profitieren, für einmal nicht als Betrachter, sondern als Anbieter. Über den Winter hatte ich mir Gedanken gemacht, was gegen die permanente Platznot im Velostall zu tun wäre. Schliesslich werden nicht nur die Kinder grösser, sondern auch ihre Fahrräder. Die Skischuhe ebenfalls, und was wird sein, wenn nun auch noch jemand auf die Idee kommt, die Retro-Sportart Snowboarding auszuprobieren? Dann darf das nicht am Raum fressenden Hobby des Brotverdieners scheitern, sagte ich mir. Ich bereitete eine ausreichende Anzahl Streichhölzer vor und überliess dem Schicksal die Entscheidung, welches Fahrrad abtreten sollte. Eigenartigerweise entschied sich das Schicksal für das zweitneueste Pferdchen im Stall, das Mountainbike. Das wurde Mitte Februar entschieden.

Vor wenigen Tagen, anfangs März, war die Stunde des Abschieds gekommen: Im Nachbardorf gibt es eine schnuckelige Velobörse in der alten Turnhalle, sehr stimmungsvoll. Dort hatten wir vor einem Jahr spontan ein neues Alltags- und Reisevelo für die Mutter meiner Kinder erstanden, im Tausch gegen ein Exemplar der grössten Note im Schweizer Währungssystem. Da wechselt also durchaus nicht nur Sperrmüll die Hand! Der ideale Ort, mein achtjähriges 26-Zoll-Aluminium-Cross-Country-Fully seinem nächsten Lebensabschnitt zuzuführen.

Nachdem ich bereits eine Woche zuvor eine rituelle letzte Runde durch den Wald hinter dem Haus gedreht hatte, stand ich am Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe auf, um eine rituelle letzte Ölung vorzunehmen. Nach ausgiebiger Waschung, versteht sich. Ich untersuchte, welche Teile an dem Bike nachträglich eingebaut worden waren und ich darum lieber behalten würde. Diese wechselte ich wieder aus, und da bemerkte ich erstmals, dass etwas nicht stimmte. In der Magengegend war irgendwas flau.

Ich putzte weiter und quälte mich mit der Frage aller Fragen für einen Anbieter an einer Velobörse: Wieviel will ich dafür? Diese Zahl ist matchentscheidend, denn eine Velobörse ist ja kein Basar, an dem gefeilscht wird. Stattdessen hänge ich vormittags ein Preisschild an das Velo und sehe am Ende des Nachmittags, ob jemand angebissen hat. Habe ich mich vertan bei der Festsetzung des Preises, nehme ich den Stuhl wieder nach Hause. Keine Chance zur Nachbesserung. Bis zum nächsten Jahr.

Ich wog zwei Taktiken gegeneinander ab. Entweder biete ich das Velo einem Laien an, der sich wie jeden Frühling gern den Winterspeck abstrampeln möchte. Dem sind die technischen Eigenschaften reichlich egal, nur der Preis muss stimmen. Zweihundert oder weniger, denn seine Erfahrung sagt seinem Unterbewusstsein wie jedes Jahr: „Alter, wir wissen doch beide, dass das auch diesen Frühling nichts wird mit dem Sport. Also sehen wir zu, dass der Gute sich nicht ruiniert, ja?“ Zweihundert für ein gut gepflegtes Sportgerät, das mal viertausend gekostet hat?

Oder ich ziele stattdessen auf einen Kenner, der erkennt (sic!), dass das Rad gut gepflegt ist, keinen Schaden aufweist neben seinem Alter, hochwertige Komponenten besitzt und für sportliche Fahrten auf einfachen Singletrails, rauf oder runter, eine gelungene Mischung aus Spassmobil und Waffe ist. Da sind sechshundert Franken kein Groschen zuviel!

600

Ich entschied mich also für den Kenner, und weil ein Rest von Zweifel an dieser Entscheidung klebte, sagte ich zu der sehr sympathischen Dame vom Frauenverein, die mein schönes Bike aus meinen Händen nahm, sie solle bitteschön fünfhundertfünfzig aufs Preisschild schreiben. Spektakulär tiefer Preis. Todsichere Sache.

Zufrieden verliess ich die alte Turnhalle und setzte mich an die Sonne, um auf den Bus nach Hause zu warten. Unverzüglich fing der Zweifelrest an zu nagen. Der Laie würde mein Bike links liegen lassen bei dem Preis. Aber gäbe es andererseits einen Kenner, der die Vorzüge meines einmaligen Angebotes zu würdigen wüsste? Der aber gleichzeitig nicht bereits ein hochwertiges, aber neues Velo im Keller stehen hätte? Das müsste dann so ein Vintage-Velo-Sammler sein, der es auf die 26-Zoll-Räder abgesehen hätte, oder ein Carbon-Hasser wie ich. Bloss glaubte ich, die Carbon-Hasser der näheren und mittleren Umgebung persönlich zu kennen, und keiner von denen hat meine Körpermasse (langes a, wir sprechen von der Körpergrösse). Was hatte mich bloss geritten, so einen horrenden Preis festzusetzen? Es schien mir sofort sonnenklar, dass ich vier Stunden später wieder mit meinem alten Stuhl hier rausspazieren würde. Der Samstag war damit vertan.

Diese vier Stunden wurden zu den schwersten dieses schon nicht mehr ganz jungen Jahres. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, kassieren zu können, und der Angst, mein Bike nie mehr wieder zu sehen. Körperliche Symptome stellten sich ein, weshalb ich tat, was ich in solchen Situationen immer tue. Ich ging unverzüglich radfahren.

Wer diesen Blog einigermassen regelmässig besucht (ein kleines Grüppchen von Menschen, ich weiss), hat im kürzlich veröffentlichten Interview mit mir gelesen, dass Velos für mich Geräte sind und ich deshalb keine Gefühle zu ihnen entwickeln würde. Es war aber ebenso zu lesen, dass ich auch nur ein Mensch bin. Und als solchem wurde es mir nun immer mulmiger angesichts des – wirklich? – bevorstehenden Abschieds. Immerhin hatten wir beide, also mein Mountainbike und ich, einige prägende Erlebnisse geteilt. Schiss vor verblockten Passagen beispielsweise. In mindestens einem Fall hatten wir staunend erlebt, wie eine solche Passage dennoch überwunden wurde (durch eine heimtückische Verschwörung von Schwerkraft und Unvermögen zwar, aber trotzdem). Einen epischen Selbstversuch auf einer echten alpinen Marathonstrecke hatten wir gemeinsam gewagt. Und, nicht zu vergessen, viele gemütliche gemeinsame Stunden im Velostall bei den ganzen Wartungsarbeiten. Doch, wir hatten eine Geschichte, ich und diese Maschine. Wir zwei beiden. Sie würde mir fehlen.

Arsos
So sieht man aus, wenn einem sein Velo sehr fehlt: seltsam.

Um es kurz zu machen: So spät, wie es die Regeln der Velobörse zuliessen, fand ich mich zur Urteilsverkündung wieder in der alten Turnhalle ein. Ich traute mich kaum, nach den vebliebenen Rädern zu sehen, sondern stand, von Angstschweiss triefend, in der Schlange, bis ich an der Reihe war. Ich händigte der alten Hexe hinter dem Klapptisch meinen Abholschein aus. „Ja, das ist weg, ich kann mich erinnern“, schnarrte ihre Stimme kalt und metallisch. Sie händigte mir fünfhundertfünfzigminuszwanzigprozent Franken aus. Ich kam mir vor wie eine Sie-wissen-schon-was. Gleichzeitig ballte ich triumphierend die Faust um die Geldscheine. Da habe ich einen über den Tisch gezogen! Easy Money! Ha! Natürlich war beides falsch. Ich hatte ein faires und ehrliches Angebot gemacht, und jemand, der ein Velo suchte, hatte es angenommen. Das war alles, eine gewöhnliche Transaktion von Dutzenden an diesem lauen Frühlingstag. Ich fuhr ein weiteres Mal mit dem Bus nach Hause, diesmal zufrieden.

Der Frühling ist wie gesagt die Zeit der Velobörsen. Der Winter dagegen ist für einen Radfahrer die Zeit des Ruhens, des gründlichen Veloputzens, des Planens von neuen Unternehmungen, aber auch und vor allem des kalten Entzugs. Da kann es schon vorkommen, dass man sich im Internet verirrt und schönen neuen Mountainbikes begegnet. Und dann eines schönen Freitagabends abgekämpft und in Wochenendlaune in einen Veloladen gesaugt wird. Dort ordert man dann möglicherweise, beinahe unfreiwillig, trotz schwerster Bedenken und entgegen jeglicher Vernunft ein nigelnagelneues Mountainbike, das einem NOCH mehr Fahrspass verspricht als man bereits hat. Obwohl man genauestens weiss, dass solcher nur mit neuen, unbekannten Wegen, aber nicht mit einem anderen Velo zu kriegen ist. Sowas ist mir Mitte Februar widerfahren. Ich bin eben auch nur ein Mensch. Es gilt schliesslich immer noch x=n+1.

Und eines Tages werde ich auch wieder ruhig schlafen beim Gedanken an mein achtjähriges 26-Zoll-Aluminium-Cross-Country-Fully.

RössleinHü
Schnirpf.

2 Gedanken zu “Time to say goodbye.

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