We embrace all kinds of cycling

In Amerika gibt es seit 37 Ausgaben das schöne Velomagazin Bicycle Times. Es berichtet nicht über Mountainbiking oder Radrennsport, sondern über Velopendeln und Radreisen und die entsprechenden technischen Neuerscheinungen. Früher waren alle Covers von Künstlern gemalt, richtige Kunstwerke waren das. Dann zog die Chefredaktorin weiter, und sofort wechselte das Coverdesign auf Herkömmlich. Trotzdem ist das Heft immer noch ein wunderbarer Einblick in die amerikanische Alltagsvelowelt, die so grundverschieden ist von der unsrigen. Im Moment noch, denn leider kommen immer mehr Trends und Firmen aus Amerika etwas gar rasch und, wie ich meine, unbesehen, zu uns. Und obwohl ich an der amerikanischen Radkultur wirklich nichts auszusetzen habe, denn so gut kenne ich sie ja nun doch nicht, finde ich das schade, denn die europäische braucht sich wirklich auch nicht zu verstecken.

Nun denn. In der Bicycle Times stand mal im Editorial der schöne Satz: We embrace all kinds of cycling and of bicycles, was ich eine sehr gelungene Formulierung finde. Sprachlich wie inhaltlich. Velos umarmen, das spricht mich sehr an. Umarmen tue ich weiterhin nur meine eigenen Velos, und auch das nur im Geheimen. Aber der Satz fasst ausgezeichnet die Grundhaltung von velopflock zusammen. Seid umarmt, all ihr Velos da draussen und drunten in den Kellern!

Und weil wir eben alle Arten von Velofahren umarmen tun, hat ein Teil der Zentralredaktion von velopflock diesen Herbst an einer Mountainbike-Massenveranstaltung teilgenommen, einfach der Vielfalt unserer Velo-Erlebnisse wegen. Ein Tatsachenbericht von der Front des Freizeitrennsports.

Da stehe ich also an einem strahlenden, aber kühlen Spätsommermorgen in Rennkleidung neben meinem frisch geputzten und geschmierten Mountainbike, hinter mehreren hundert Mountainbikern in Rennkleidung und ihren frisch geputzten und geschmierten Mountainbikes. Von ätherischen Düften und digitalem Gepiepse umweht. Was mache ich bloss hier? Bereit, hundertachtunddreissig Kilometer und viertausend Höhenmeter am Stück zurückzulegen, fühle ich mich nicht wirklich, und doch ist das meine Aufgabe in den nächsten zehndreiviertel Stunden bis Rennschluss. Drei Pässe und dazu mehrere weitere, teils lange Anstiege, macht zusammen den Nationalpark Bike Marathon. Das soll die längste Biketour meines Lebens werden. Kein Rennen, trotz Rangliste und Zeitmessung, es geht hier für mich ums Erlebnis, und mein einziger Gegner ist mein innerer Schweinehund, aber sicher nicht all die Halbprofis, die mich gerade umzingeln! Nur ein einziges Mal will ich das über mich ergehen lassen, um der Erfahrung willen. Das muntere Geplauder des Speakers versuche ich zu ignorieren und mir stattdessen in letzter Sekunde noch eine Renntaktik zusammenzuschustern. Beides gelingt mir nicht. Angriff kann nicht die Devise sein. Dazu hätte ich häufiger trainieren müssen, schliesslich habe ich es mit Profis zu tun, die ganz weit vorne an der Ziellinie stehen. Also improvisieren.

Startschuss, neutralisierte Phase in der Abfahrt aus dem Dorf hinaus. Im ersten Aufstieg verstummen auch die lustigsten unter den Teilnehmern rasch. Ich gehe nicht zu schnell an, was durchaus nicht improvisiert ist, sondern im Voraus ausgeheckt werden konnte. Noch vor der ersten Passhöhe wird es einsam um mich herum. Ich behalte aber die Nerven und bleibe meiner tempo- und pulsmässigen Zurückhaltung vorläufig treu, auch wenn mich ältere Semester mit Bauchansatz flink überholen. Sollen sie doch. Dann die erste Abfahrt. Wie erwartet überholen mich jetzt immer mehr Fahrer aus dem kleinen Rest des Feldes, der noch hinter mir liegt, denn es ist sogar mir klar, was die nordamerikanischen Ureinwohner mir zurufen würden, wenn sie mich bergab fahren sehen könnten: „Er reitet wie ein altes Weib!“ Ich hätte nichts zu entgegnen, höchstens: „Aber ich habe doch einen Fahrtechnikkurs absolviert! Sprach der Lehrer etwa mit gespaltener Zunge?“

Egal. Im zweiten Aufsteig hole ich einige wieder ein. So geht es über die nächsten Pässe und Pässchen hinweg weiter: Im Aufstieg überhole ich mühsam den einen oder anderen, in der Abfahrt rauschen doppelt so viele wieder an mir wieder vorbei, und ich bin froh, wenn sie mich dabei nicht touchieren mit ihren überbreiten Lenkern. Weil ich aber meiner sorgfältig vorbereiteten Renntaktik eisern folge und nie ans Limit gehe, werde ich nur langsam müde. Die Gesichter meiner wenigen in Sichtweite verbliebenen Konkurrenten  dagegen reden eine andere Sprache. Erschöpfung, Zermürbung, Resignation gar, kann man dort lesen. Hoffnung keimt auf in mir, doch noch vor Einbruch der Dunkelheit und nicht als Letzter ins Ziel zu kommen. Neue Gesichter sehe ich inzwischen schon länger keine mehr. Ich überhole dieselben Leute bergauf, die mich in der nächsten Abfahrt wiederum überholen. Trotz strahlendem Wetter und überwältigender Umgebung wird mir etwas langweilig, was ein schlechtes Zeichen ist, denn eigentlich fahre ich hier ja mit demselben Zweck Velo wie fast immer: um Spass zu haben! Gefährlich ist die Langeweile, denn höchste Konzentration ist immer wieder gefragt! Nicht in den Abfahrten, denn in meinem Tempo sind die nicht sehr schwierig zu meistern. Falls doch, gehe ich im Zweifelsfall zu Fuss, ein altbewährtes Allerheilmittelchen auf Biketouren. Nein, die Konzentration ist an den Verpflegungsstationen und dem jeweils folgenden Kilometer vonnöten, wenn ich bis zu den Bremsscheiben im Abfall stecke beziehungsweise rolle. Bidons, Becher und Gelbeutel (nicht Geldbeutel, Sie Schnellleser!) weisen mir den Weg besser, als es jede noch so sorgfältige Signalisation je vermöchte. Dasselbe Bild auf jedem Flachstück, wenn offenbar die ganze Meute, die vor mir hier durchkam, die Hände frei kriegte, um alles von sich zu werfen, was nicht am Velo verschraubt ist. Gewichtsersparnis als oberstes Gebot!

Unter den Verwegenen, angriffslustigen rüstigen Senioren ist auch der eine oder andere, der die Grenzen des Nationalparks besser zu kennen scheint als seine eigenen. Selbstlos lasse ich zwei, drei Ränge fahren und helfe einem von ihnen, indem ich versuche, unter lautem Gejammer seinen Wadenkrampf wegzudehnen (er jammert, nicht ich), derweil die anwesende Freiwilligen-Truppe vom Verpflegungsstand ihm schmunzelnd einen Flug im Tragnetz des Material-Helikopters anbietet. Fast nehme ich an seiner Stelle an. Aber obwohl ich inzwischen vom höchsten Pass herab das Ende des Teilnehmerfeldes bedrohlich deutlich sehen kann, fahre ich weiter. Oder gerade deswegen. Im Delirium von Müdigkeit, Hunger und Langeweile lasse ich irgendwann alle Vorsicht und das letzte bisschen Taktik fahren und strample, was meine Beine noch hergeben. Und das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Ich werde selbst verwegen und angriffslustig, strafe fortan alle Verpflegungsposten mit Verachtung und kämpfe um jeden Rang, als ob es kein Morgen gäbe. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch vor Zielschluss zurück! Die Zuschauer honorieren meinen Heldenmut mit Applaus, einzelne rufen meinen Namen. (Woher kennen sie den bloss? Ach ja, steht ja auf der Startnummer am Lenker , durchfährt es mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag.) Irgendwann belohnen mich auch die Götter und machen meinem Leiden ein Ende. Tränenüberströmt holpere ich über die Ziellinie (die sich zuoberst auf einer völlig unnötigerweise errichteten kleinen Brücke befindet, ich rolle beinahe rückwärts wieder hinunter) und sinke glücklich in den Staub. Der Zielschluss ist doch tatsächlich noch einige Minuten entfernt. Das erste Bier leider noch weiter, da ich mich nun ohne fremde Hilfe nicht mehr erheben kann. Irgendwann hat ein Sportskamerad oder Konkurrent, je nach Sichtweise, Erbarmen und rüttelt mich durch Schulterklopfen wieder wach. Ich ziehe mich an meinem Bike vorsichtig hoch und sammle ungelenk meine Gebeine ein. Auf dem Weg ins Hotel spritze ich das Velo ab. Was sein muss, muss sein, denn nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Und immer noch rollen einzelne versprengte Seelen ins Ziel. Pfeifen sind das, Ehrgeizlinge. Wissen nie, wann sie aufhören müssen, kennen ihre Grenzen einfach nicht.

 

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