Exklusivinterview: Paul Tamburin – was er wirklich denkt

Er ist einer der am meisten verkannten und am wenigsten gelesenen, gefolgten oder gelikeden Velo-Blogger im deutschen Sprachraum – sofern man im Zeitalter des Internets überhaupt von Sprachräumen sprechen kann. Trotzdem hat er sich bis heute noch nie ein einziges Interview gegeben: Paul Tamburin. Diesem Blog ist es nun aber nach jahrelanger sorgfältiger Annäherung an den Meister des diskreten Internetauftritts gelungen, die Einwilligung zu einem aufgezeichneten Gespräch zu bekommen. Das lag nicht nur daran, dass es die erste Anfrage nach einem Interview mit Tamburin überhaupt war. Er ist velopflock.ch nämlich seit dessen Gründung freundschaftlich verbunden, da er dabei war und bis heute Teil der Redaktion von velopflock.ch ist.

velopflock.ch: Paul Tamburin, statt wie üblich am Ende des Gesprächs möchten wir Ihnen gleich zu Beginn ein paar kurze Fragen stellen, die Sie bitte mit mindestens so kurzen Fragen beantworten. Ist das Glas bei Ihnen halb voll oder halb leer?

Paul Tamburin: Ganz leer, in der Regel.

Ist Windschattenfahren unehrenhaft?

Für den Schattenspender schon. Er trägt offenbar so seltsame Kleidung, dass man ihn mit einem Gümmeler verwechselt und deshalb seinen Windschatten gesucht hat.

Stahl oder Carbon?

Dazu ist schon alles geschrieben worden.

Sind Sie ein Autohasser?

Nein. Man kann ein Auto nicht hassen, so wenig, wie man ein Velo lieben kann. Beides sind Maschinen, wie soll ich dafür Emotionen empfinden?

Warum velopflock.ch?

Das Interview? Ihr habt doch angefragt, und weil ihr ja sonst nichts Rechtes zu schreiben habt, habe ich mitgemacht.

Gemeint war: wie kam es zu dem Namen?

Aha. Erstens: phonetische Ähnlichkeit zu Veloblog, worum es sich ja handelt. Zweitens: der Blog will einen Pflock einschlagen für spass- und genussorientiertes Velofahren im Alltag und die artgerechte, ihm vom Schöpfer zugedachte Nutzung des Fahrrads: Als Transportmittel.

…und nicht als…?

Sportgerät. Lifestyle-Gadget. Dekoartikel. Fotokulisse.

Danke, das dürfte reichen.

Keinesfalls. Versuchsanlage für Physiker. Spekulationsobjekt. Diebesbeute. Auto-Zierat.

„Es war nie meine Absicht, einen Blog zu schreiben. Ich wurde dazu gezwungen.“

Was ist das E-Bike?

Muss ich immer noch kurz antworten?

Wir bitten darum.

Im Alltagsverkehr der Beelzebub, mit dem wenigstens ein paar Leute mehr das Naheliegende tun und mit dem Velo zu ihren Alltagsverrichtungen fahren. Aber zu welchem Preis! Im Freizeitbereich: Sinnbild für den immer weiter verbreiteten Zeitoptimierungswahn und die feste Erwartung der Menschen, dass im Leben alles immer und überall kostenlos zu Verfügung zu stehen hat.

Beides Erscheinungen des Internetzeitalters.

Scharf beobachtet.

Sonderbar, dies aus dem Mund eines Bloggers zu hören.

Es war nie meine Absicht, einen Blog zu schreiben. Ich wurde dazu gezwungen.

Ach ja? Von wem?

Einerseits vom Wetter. Es war Winter, Velofahren war schwierig. Ich wollte aber etwas mit Fahrrädern machen, und meine Velos waren bereits alle geputzt. Andererseits wollte keine Zeitung eine Velokolumne abdrucken. Das Thema war noch nicht so heiss wie heute. Da blieb mir nur so ein Gratis-Blog im Internet.

„Wie kommen Sie darauf, dass das Velo boomt?“

Danke. Werden wir nun etwas ausführlicher. Worauf führen Sie den derzeitigen Boom des Fahrrades zurück?

Wie kommen Sie darauf, dass das Velo boomt?

Nun ja, da wären einmal die Absatzzahlen.

Machen Keller und Garagen voller Sportgeräte für Sie einen Boom?

Dann ist da auch der Erfolg von Mitmach-Aktionen!

Zeigen Sie mir eine Studie, welche den Erfolg solcher Aktionen über den letzten Tag hinaus belegt.

Was ist dann mit der immer noch wachsenden Diversität an Velotypen auf dem Markt? Vom bequemen Hollandrad über das familientaugliche Stadtrad und das Reisemobil, das bunte Fixie oder das Vintage-Bike zum Lastenrad, dem schicken E-Bike oder dem Gravelbike ist heute eine schier unbegrenzte Bandbreite an Modellen zu haben! Das zeigt doch, was für ein breites Spektrum an Nutzungen dem guten, alten Drahtesel heute zugedacht werden!

Hören Sie auf, bitte. Mir wird übel. Der „gute, alte Drahtesel“ verkauft sich seit der letzten Erdölkrise nur noch in bankrotten Ländern wie Griechenland, Island oder Spanien zum Höhepunkt der Finanzkrise. Also gab ihm die Fahrradindustrie einen neuen Anstrich nach dem anderen. Nach den einfachsten Prinzipien der Marktwirtschaft: Bedürfnisse schaffen, wenn keine mehr vorhanden sind, die für eine ordentliche Nachfrage reichen. Dabei ist das Fahrrad so einfach, dass es ohne grosse Anpassung für alle möglichen Zwecke genutzt werden kann. Das Velo, mit dem ich meine Kinder zur Tagesstätte bringe, benutze ich für den Einkauf, den Arbeitsweg, die Tour zum Recyclingplatz oder mein Fitnessprogramm.

Sie glauben also…

Das Fahrrad ist nämlich nichts anderes als das Schweizer Taschenmesser der Mobilität.

…sie glauben also…

Bloss kauft Ihnen keiner einen Notizblock ab, wenn Sie ihm daneben ein in Schweinsleder gebundenes Reporter-Journal mit fussgeschöpftem und handgebundenem Papier und Prägedruck anbieten. Sozusagen.

Schön, aber dann…

„Dabei ist das Fahrrad so einfach, dass es ohne grosse Anpassung für alle möglichen Zwecke genutzt werden kann.“

Und die Konsumenten wurden immer anspruchsvoller! Ein Marketingfurz riecht heute immer weniger lang. Die unerhörten Neuerungen wurden in immer kürzeren Abständen auf den Markt geworfen. Erinnern Sie sich an die ovalen Kettenblätter aus den späten Achtzigern, Biopace von Shimano? Nicht? Sogar die waren aber länger der heisse Scheiss als es zwei Jahrzehnte später die Neunundzwanzigzollräder waren.

Ich möchte nochmals zurückkommen auf Ihre…

(Springt auf) Und jetzt, wo auch ein jährlicher Wechsel der angeblich besten Radgrösse und endlose Farbspektren auf „build-your-own-bike“-Webseiten keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, besinnt man sich auf die alte Weisheit „Learn from the best“.

Und wer wäre das in diesem Zusammenhang, der beste?

Die Automobilindustrie natürlich. Sie sind Meister im Schaffen von Bedürfnissen und darin, sie dann doch nie ganz zu befriedigen mit dem Produkt, das ihnen dank schlauer Werbung aus den Händen gerissen wird.

Was kann denn die Velo- von der Autoindustrie learnen?

(Setzt sich, wischt sich Schaum aus dem Mundwinkel) Ganz vieles! Zu allererst natürlich, alle anderen Verkehrsteilnehmer zu verdrängen und überall spezielle Wege für die eigene Kundschaft bauen zu lassen auf Kosten der öffentlichen Hand. Wie das im frühen zwanzigsten Jahrhundert erst in den USA, dann auch in Europa praktiziert wurde. Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage: Konkret gehen die Velohersteller nun langsam dazu über, das Auto nachzuäffen, um mehr Velos zu verkaufen. Spikesreifen für den Winter und Windschutzscheiben gibt es seit längerem, und auch das Offroad-Prinzip wurde nicht von den Mountainbikern erfunden.

„Wem nützt es denn etwas, wenn das Velo beliebt ist, ausser den Veloherstellern?“

Dann kam der grosse Schritt: der Motor. Wenig später folgten die ersten Airbag-Systeme für Velos.  Jetzt werden auch noch ABS-Systeme, Allradantrieb und Blinker [schweiz. für Fahrtrichtungsanzeiger, Anm. der Red.] entwickelt. Dank Nabendynamos kann man ein Navi und eine Musikanlage betreiben. Die Veloproduzenten wollen sich so das Vertrauen der Käufer erschleichen, denn was wie ein Auto daherkommt, kann ja so schlecht nicht sein, also kaufe ich es mir. Ob ich es dann auch benutze, ist wieder eine andere Geschichte.

Der zweite Teil des Gesprächs folgt im nächsten Post auf diesem Blog.

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