Fortsetzung: Das grosse Paul Tamburin-Interview

Aber trotz alledem: Das Fahrrad ist doch heute beliebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr!

Sogar wenn dem so wäre, was ich nicht glaube: Wem nützt es denn etwas, wenn das Velo beliebt ist – ausser den Herstellern! – solange neun Zehntel der Fahrzeuge in unseren Städten Autos sind und nicht Velos, liegt das Potential des Velos mehr als brach. Es wird immer noch nicht erkannt, was das Fahrrad für die Lebensqualität der Städtebewohner tun kann, für die Gesundheit der Radler, und wie viel Geld damit auf Seiten der Nutzer gespart und durch das Gewerbe verdient werden könnte. Und das ist nicht nur schade, sondern wird uns nochmal teuer zu stehen kommen.

Mit Verlaub, Sie klingen wie ein alter, verbitterter Mann.

Das bin ich auch. Aber unterschätzen Sie nicht die Bedeutung dieses Kundensegments für den Velomarkt. Es wird ja gern von „Golden Agers“ gesprochen, wenn Menschen im letzten Lebensviertel gemeint sind, die meist pensioniert sind und Geld sowie Zeit, es auszugeben, haben.

Dann lassen Sie uns das Thema wechseln…

Eines noch: Bisher hat die Veloindustrie vor allem von der Computer-Branche abgekupfert. Die schaffen jährlich neue Standards und unterbrechen die Kompatibilität von Software und Peripheriegeräten mit dem Rechner nach spätestens zwei Jahren, damit der verzweifelte Kunde entnervt das eine oder andere neu anschafft. Wussten Sie, dass Apple am meisten Geld mit Kabeln und Adaptern verdient?

Nein, das wusste ich nicht. Aber lassen Sie…

Genauso macht es nun eben die Veloindustrie. Bringt immer neue Radgrössen heraus oder Pedalsysteme, Gewinde-Dimensionen oder Rohrdurchmesser. Und wenn dann die Sattelstütze an meinem zwanzigjährigen Lieblingsvelo bricht, kriege ich beim Händler keine neue, und der Teilchenmarkt ist noch Monate entfernt.

Ihr Lieblingsrad ist zwanzig Jahre alt?

Das war nur ein hypothetisches Beispiel.

Sie sagten eben, ein Velo genüge, weil man damit alles fahren könne. Und nun kommen Sie mit Ihrem Lieblingsvelo. Haben wir Sie jetzt ertappt?

Ich sagte doch, das war nur ein Beispiel!

Also haben Sie, Paul Tamburin, nur ein Velo im Keller?

Sie wollten doch das Thema wechseln.

Sie weichen aus.

Mein Haus hat leider keinen Keller. Ich muss alle Reparatur- und Wartungsarbeiten sommers wie winters in der offenen Garagenbox durchführen.

Zwischen lauter Velos?

Ja. Den Velos meiner Frau und meiner Kinder. Es ist ziemlich eng dort.

Und dazwischen das eine oder andere Rad auch von Ihnen, ja?

Bin ja auch nur ein Mensch, und darum kann ich nicht jeder Versuchung widerstehen.

Lassen wir das hier mal so stehen und wechseln das Thema: Wie könnte dem Velo denn geholfen werden?

Den Menschen müsste ermöglicht werden, dass sie in der näheren und mittleren Umgebung ihres Wohnortes bequem mit dem Velo herumfahren können (…)

Ist das jetzt ein Themawechsel?

Egal… Wie also?

Wie was?

Wie könnte das Velo gefördert werden?

Ist das jetzt eine Fangfrage? Den Menschen müsste ermöglicht werden, dass sie in der näheren und mittleren Umgebung ihres Wohnortes bequem mit dem Velo herumfahren können, ohne zu stürzen, überfahren oder wahnsinnig zu werden. Und auch noch innert nützlicher Frist an Ziel zu kommen.

Ich behaupte, in der Schweiz und Deutschland, beispielsweise, ist das heute schon ohne Weiteres möglich.

Träumen Sie ruhig weiter.

Was soll übrigens dieses eigenartige Beitragsbild?

Es soll aussagen: Das Velo ist ein vielschichtiges Thema.

Wer’s glaubt.

Gut, durchschaut. Das habe ich gestern im Pub aufgenommen, und ich habe grad nichts anderes zur Hand.

Zurück zur Fahrrad-Infrastruktur: In Mitteleuropa leben doch die meisten Menschen in einer Demokratie, so auch in der Schweiz. Wären sichere und durchgehende Velowege ein echtes Bedürfnis, so hätte sich das Volk diese kraft seiner demokratischen Machtfülle längst gebaut.

Unsinn. Erstens: In der Schweiz musste eine Verfassungsinitiative eingereicht werden, um die Förderung der Velo-Infrastruktur in Form des Velobeschlusses in der Verfassung zu verankern –  und jetzt steht dort, der Bund darf nun fördern, wenn er möchte, muss es aber immer noch nicht. Zweitens: Velowege interessieren hierzulande kein Schwein.

schweine
Schweine, nicht an Velowegen interessiert, sondern an Schlamm.

Die meisten Stimmbürger glauben allen Ernstes, Velo zu fahren sei in einer Schweizer Stadt ein gar nicht so übles Schicksal. Das ist kein Wunder, denn nur eine Minderheit fährt häufig genug Velo, um sich ein fundiertes Urteil über die Velofreundlichkeit ihrer Stadt bilden zu können. Und wer ab und zu Velo fährt, ist schon zufrieden, wenn er nicht auf der Autobahn fahren muss, sondern einen fünfundsechzig Zentimeter schmalen und elf Meter langen Radstreifen benutzen darf.

Vielleicht gibt es eine kritische Masse, die erreicht werden muss, damit richtig viele Leute denken:“Wieso fahre ich nicht auch mit dem Velo ins Kino?“

Aber wenn die Leute nun damit zufrieden sind?

Schweigen Sie! Dass es einen ganz, ganz grossen Unterschied macht, auf einem breiten, von der Strasse abgetrennten Radweg ohne rechtwinklige Kurven, Bordsteinkanten, parkende Autos oder Fussgänger über mehrere Kilometer hinweg fahren zu können: Das übersteigt die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Man kann ihnen das nicht einmal vorwerfen, denn wer nie erlebt hat, wie viel mehr Spass Velofahren auf wirklich passender Infrastruktur macht, glaubt es schlicht nicht. Klingt banal, ist es aber nicht.

Also, nehmen wir an, die Welt ist mit komfortablen, direkten Radwegen überzogen. Wieviele Menschen, denken Sie, fahren dann Rad?

Das kommt drauf an. Die Trägheit des menschlichen Geistes übersteigt leider jene des Körpers bei weitem. Darum ist gute Infrastruktur eine notwendige, aber leider nicht hinreichende Bedingung für einen Modalsplit mit zwanzig, dreissig oder noch mehr Prozent Radfahrern.

Was fehlt denn?

Das Umdenken. Das Velo muss ein besseres Image bekommen, das Velofahren muss als echte und interessante Alternative zu anderen Transportmitteln ständig präsent sein. Allerdings spielen bei der Wahl des Transportmittels im Alltag rationale Argumente offenbar ebensowenig eine Rolle wie beim Autokauf. Deshalb ist es ja eigentlich toll, dass das Velo zum Lifestyle-Accessoire mutiert ist. Nur ist da das ungute Gefühl, dass es plötzlich wieder out ist und in Vergessenheit gerät.

Und wie können wir das verhindern?

Menschen ändern ihr Verhalten häufig, indem Sie jemanden nachahmen. Vielleicht gibt es eine kritische Masse, die erreicht werden muss, damit richtig viele Leute denken:“Wieso fahre ich nicht auch mit dem Velo ins Kino?“ „Ich habe ja auch ein Velo im Keller, ich könnte also schon morgen früh damit zur Schule fahren.“ Oder so. Und um diese kritische Masse zu überschreiten, müssen möglichst viele Menschen, die das Velofahren schon schätzen, es anderen vormachen. Natürlich ohne zu missionieren, denn der Schuss ginge dann todsicher nach hinten los. Und irgendwann schwappt die Welle dann über, und es wird eine Massenbewegung. Klingt wunderbar, nicht?

Schon. Aber nicht sehr realistisch.

Das stimmt. Wir könnten es aber trotzdem mal so versuchen. Zu verlieren haben wir ja nichts dabei.

Nun aber zu etwas ganz anderem: Zur beinahe schon spektakulären Unauffälligkeit Ihres Blogs. legen Sie es eigentlich darauf an, nicht aufzufallen?

Nein, wer würde sowas Dummes machen? Wollte ich nicht, dass jemand liest, was ich schreibe, würde ich auf Klopapier kritzeln, bevor ich dieses seinem Zweck zuführe. Aber es ist schon so, dass ich es auch nicht gross darauf anlege, Follower zu gewinnen.

Wieso das? Glauben Sie nicht an die Bedeutung Ihrer Aussagen?

Was heisst hier Aussagen? Ich predige ja nicht, sondern denke einfach schriftlich nach. Und weil es nicht ganz ausgeschlossen ist, dass jemand das Gedenke oder auch nur einen Satz davon interessant findet, und weil es heutzutage ja dieses Internet gibt, lege ich eben ab und zu etwas auf dieser Website ab. Nützt das niemandem, so schadet es immerhin auch niemandem.

Das Internet bietet aber noch ganz andere Möglichkeiten als einen Blog.

Das weiss ich natürlich. Bloss ist das Netz ja nur ein riesengrosser Basar, und alle brüllen und schreien und trommeln sich auf die Brust. man muss sich schon recht seltsam aufführen, um da gehört zu werden. Das liegt mir nicht, und es liesse mir auch zuwenig Zeit zum Velofahren, wenn ich noch irgendwelche soziale Medien füttern müsste. und mit was denn überhaupt? Mein Leben ist nicht besonders aufregend, gemessen an den Standards der Internet-Community.

Ich schreibe für mich, und wer will, darf mitlesen.

Nun stellen Sie aber Ihr Licht unter den Scheffel…

Wissen Sie eigentlich, was ein Scheffel ist?

Ehrlich gesagt nicht, aber was ich meinte…

Ein Scheffel war ursprünglich ein Messgefäss für Schüttgut. Und nicht dazu da, ein Licht darunter zu stellen, und darauf hat uns bereits Matthäus in seinem Evangelium aufmerksam gemacht. Stattdessen soll man sein Licht auf einen Leuchter stellen.

Interessant. Na, dann machen Sie doch mal Ihr Licht auf den Leuchter!

Nein, wieso auch. Ich schreibe für mich, und wer will, darf mitlesen. Würde ich Werbung machen, fände ich das furchtbar aufdringlich. Aber immerhin gibt es ja einen Instagram-Account von velopflock.

Wie inkonsequent.

Ich weiss. Aber niemand ist vollkommen.

Zeit für ein Schlusswort.

(Fortsetzung folgt.)

 

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