Learn From The Best!

Gestern habe ich in einer grossen Schweizer Tageszeitung einen Artikel gelesen, der den laufenden Wahlkampf um die Sitze in einer Kantonsregierung untersuchte. Über die Gründe, weshalb die Wahlchancen eines bestimmten Kandidaten in letzter Zeit gesunken sind, stand: „It’s the economy, stupid!“ Der Mann hatte sich zuwenig um die Interessen der Wirtschaft geschert. Eine Weile musste ich über diesen Satz nachdenken und versuchte, etwas daraus zu lernen. Und das gelang mir auch. Was ich lernte, überdachte ich nochmals kurz, und schliesslich war ich in der Lage, den Satz umzudeuten in „Learn From The Best“. Immer noch englisch, denn ein englischer Merksatz merkt sich in jedem Fall leichter.

Learn From The Best gilt nämlich, und jetzt sind wir beim Thema, auch in der Verkehrspolitik, möglicherweise in der Politik ganz überhaupt. Mein Leben lang habe ich mich gefragt, wo kriegt der motorisierte Individualverkehr, abgekürzt MIV, eigentlich die ganze Kohle her für die Strassen, Brücken und Tunnels? Für die Bewilligungen, die es braucht, um Strassen zu verbreitern, zu erneuern, zu verlängern und um ganze Innenstädte mit Parkplätzen zu überziehen? Natürlich haben die die Kohle, weil sie im Kampf um den Platz und das Geld auf der Strasse die Besten sind, aber wieso sind sie das? Genau: It’s the economy, stupid.

Und das geht so: öffentliches Geld und Platz auf der Strasse kriegt der MIV von mir, dir und allen anderen über 18 Jahren. Und zwar dank Politikern, welche sich bei der Verteilung von öffentlichen Geldern für die Interessen des MIV einsetzen. Man nennt das Lobbying. Diese Politiker hören wiederum auf Firmen, Verbände oder Personen (so genannte Lobbyisten), welche ihnen einflüstern, was sie in den wichtigen Abstimmungen in ihrem Parlament abzustimmen haben, damit es dem MIV gut geht und der Motor von Autos und Wirtschaft weiterhin macht, was er soll, nämlich brummen. Das ist alles ganz legal und wird in allen Demokratien der Welt so gehandhabt. (Ausser in den Ländern, die „Volk“ oder „demokratisch“ im Namen tragen, weil das sind gar keine Demokratien, aber davon wollen wir heute nicht reden.)

Aber wieso sind die Lobbyisten des MIV erfolgreicher als, sagen wir, die des Veloverkehrs? Die gibt es nämlich auch seit langem, und trotzdem ist die Schweiz ein äusserst steiniges Pflaster, wenn es um den Bau von Infrastruktur für die kleine Königin geht (so heisst das Velo in Fronggraisch). Die Antwort kennen wir ja schon, it’s the economy, stupid. Hinter der MIV-Lobby steht nämlich ein Geldhaufen, der wahrscheinlich zehntausend Mal, vielleicht aber auch hunderttausend Mal, wer weiss das schon, grösser ist als der hinter der Velolobby: Autoindustrie und Erdölmultis, aber auch Baukonzerne, Krankenkassen, Lungenkliniken oder betuchte Luxuswagenfahrer, um nur einige zu nennen, die einem so spontan einfallen. Hinter der Velolobby dagegen stehen die Velohersteller, Gesundheitsfanatiker und Baumschützer. Und das sind nicht mal nur die spontanen Einfälle, sondern alle. Ein armseliges Häufchen Ewiggestriger also. Das reicht natürlich nicht für einen Platz im Herzen der Politiker, obwohl es nach Angaben des Bundesamtes für Statistik in der Schweiz stattliche 5.7 Mio. Fahrräder gibt, gegenüber lächerlichen 5.7 Mio. Autos! Der Autoclub TCS schätzt, dass es sogar 6.7 Mio. Velos gibt. (Woher wollen die das überhaupt wissen? Die behaupten das sicher nur, um unnötigerweise Mitleid mit dem Autofahrer zu erregen, der ja dann eine Minderheit wäre.) Also: Gleich viele Velos wie Autos, aber vielviel mehr Unterstützung für die Autos. Das ist doch bodenlos ungerecht!

Der Grund für diesen Widerspruch zwischen vielen Fahrrädern und schwacher Velolobby: It’s the economy, stupid! (Hätten Sie’s erraten?) Weil Autos sehr teuer sind und teures (und immer teurer werdendes) Benzin verbrauchen, haben die einschlägigen Interessenverbände ziemlich starke Interessen und sind äusserst gut ausgestattet in der Abstimmungskampfkasse. Umgekehrt erfolgt Lobbyarbeit im Velosektor hobbymässig und ehrenamtlich. Klingt nicht sehr erfolgversprechend, oder?

Die Lösung ist: Die Velos sind viel zu billig, deshalb hat die Veloindustrie zuwenig Bares, um die Verkehrspolitiker aufzuklären, wenn es die Verteilung des Kuchens geht. Also müssen die Fahrradpreise um eine eigentliche Lobby-Abgabe erhöht werden. Wir schweben da so zirka zweitausend Prozent vor, denn der Vorsprung des MIV ist gigantisch oder noch grösser.

Das mag jetzt absurd tönen, aber wenn die Preise für Velos auch hoch sind, werden immer noch zahllose Hobby-Gümmeler und -biker ein High-End-Gerät erstehen, um es am Sonntag auf ihr Auto zu schnallen und anschliessend damit irgendwo in der mittleren Nachbarschaft ihre Zunge knapp über dem Boden spazieren zu führen. Ein Kollaps des Marktes ist also nicht zu befürchten. Dafür werden Fahrradhersteller nun zu höchst interessanten Objekten für Investoren. Der Rubel rollt, und die Fahrradwelt kann sich endlich auf Wesentlicheres konzentrieren als die Entwicklung von albernen motorengetriebenen Fahrrädern: auf politische Lobby-Arbeit. Auf den Aufbau einer Veloinfrastruktur, welche diesen Namen verdient. Auf die Schulung von Schülern, damit diese das Velofahren am Ende ihrer Schulzeit mindestens so gut beherrschen wie den Dreisatz oder den kleinen Napoleon. Auf die Verkuppelung von öffentlichem und Veloverkehr. Und lauter andere so schöne Sachen, wie die Entwicklung von Kindervelos, die keine knallig lackierten Erwachsenenvelos mit geschrumpften Rahmen sind, sondern geschrumpfte Erwachsenenvelos mit knallig lackiertem Rahmen.

Natürlich muss das nur wenige Jahrzehnte so gemacht werden. So ungefähr bis alle Autobahnen, Haupt- und Nebenstrassen Radwege sind und umgekehrt. Anschliessend kann man die Preise wieder auf ein realistisches Niveau senken, und das wird die Anzahl gefahrener Velokilometer dann endgültig durch die Decke schicken.

So einfach ist das. Und darum, so zeigt ein Blick auf die Geschichte, wird sich das nicht realisieren lassen. Denn die Vorzüge des Velos als Verkehrsmittel sind ebenfalls dermassen einfach und offensichtlich, dass die meisten Menschen das gar nicht recht glauben können und lieber das vertraute Auto benützen, um sich feierabends in den vertrauten Stau zu stellen. Sicher ist sicher.

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