Extra für dich entwickelt: Ninos Bike!

Ich gebe zu, dass ich längst nicht mehr unvoreingenommen die Zeitung aufschlagen kann, die unser Haushalt abonniert hat. Zu oft hat da Unsinn dringestanden, schlecht und häufig falsch geschrieben obendrein. Umso heftiger zucke ich jeweils zusammen, wenn samstags im Bund „Wochenende“ auch noch die Rubrik „Mobilität“ erscheint. Dort werden jeweils Publireportagen, also von Herstellern oder Produzenten gelieferte Beiträge, über Diesel- und Elektroautos oder E-Bikes abgedruckt, die so gar nicht als Publireportagen gekennzeichnet sind. Am liebsten präsentieren diese überschwänglich formulierten Aufsätze die Stromvernichtung per se als den Königsweg in eine umweltfreundliche Zukunft, als ob Elektrizität vom Himmel fiele wie Manna in der Bibel. Der halbwegs aufgeklärte Leser, die einigermassen am Thema interessierte Leserin wissen jeweils nicht, ob sie über die unverfrorene Einseitigkeit lachen oder sich vor der Reichweite der Zeitung erschaudern sollen.

Letztes Wochenende gab es eine neue Variante. E-Mobilität war nicht das Thema. Verfasst worden war der Text vom oder für den Sportvelo-Hersteller Scott. Die Geschichte war die: Der Schweizer Über-Mountainbiker Nino Schurter benutzt, um die gesamte Konkurrenz regelmässig in Grund und Boden zu fahren, kein spezielles Bike. Es hat lauter Teile dran, die man in jedem Veloladen kriegt, also handelsübliches Zeugs. Die Sachen wurden zwar für Schurter und seine Teamkollegen entwickelt und stammen aus dem High-End-Bereich (sprich Höchstpreis-Segment), sind aber dennoch handelsüblich.

Der Artikel ist vom ersten bis zum letzten Buchstaben wahr, und das ist das Haarsträubende an der Story. Auf den ersten Blick liest sich die Geschichte, als ob es um Ninos Bodenständigkeit ginge: Das ist einer von uns! Der kocht auch nur mit Wasser, aber eben besser! Er fährt dieselben Velos wie du und ich! Dass er Weltmeister ist und nicht wir, das ist bloss, weil wir vergassen, uns bei der WM einzuschreiben! (Hier ist ein kleiner Einschub wichtig: Nino Schurter ist sein Erfolg tatsächlich nicht in den Kopf gestiegen. Ich wohne nicht allzu weit von ihm entfernt und begegne ihm manchmal beim Training – ER trainiert meistens, nicht ich – und grüsse ihn mit Namen, weil ich ihn bewundere. Und was macht er? Er schaut sich in voller Fahrt um, wer ihn denn da eben gegrüsst hat! Mir fährt jedes Mal der Schrecken in die Knochen bei der Vorstellung, dass er deswegen ein Auto rammen könnte, und ich hätte Schuld.)

Bereits die ersten beiden Sätze des zweiten Artikels bringen die ganze Perfidität des gesamten Inhalts holprig, aber unauffällig, auf den Punkt: „Schurters Bike ist mit handelsüblichen Komponenten ausgestattet. Während der Saison wird zwar immer wieder im Training neues Material getestet – dies wird dann später vielfach auch serienmässig produziert.“ Nur wer sich die Mühe macht, die logische Reihenfolge der Sachverhalte zu prüfen, kommt auf die zweite, eigentliche Lesart der Geschichte: Die Techniker bauen mit aller Konsequenz ein Hightech-Gerät, das einem Profisportler hilft, gegen lauter andere Topathleten Weltmeister zu werden. Dieses Bike wird danach in die Läden gestellt, wo jeder Mann und jede Frau, unbesehen von ihren körperlichen Voraussetzungen und Absichten es kaufen können. Nochmals zum Mitschreiben: Der Bolide von Lewis Hamilton, mit dem er den Saisonauftakt gewinnt, steht Mitte Saison bei Ihrem Händler für Sie bereit.

(Bild: Schweiz am Wochenende)

Der Artikel verschweigt keineswegs, dass Schurters Werkzeug „für die meisten Mountainbiker“ unbequem zu fahren sei. Ausserdem verzeihe es keine Fehler und koste mehr als zehn Riesen. Er erwähnt das nebenbei, ganz am Rande. Man kann das Racebike von Nino Schurter kaufen, auch wenn es einem eigentlich nichts nützt.

Die Taktik, Jedermann-Sportlern Profi-Ausrüstungen zu verkaufen, ist gleichzeitig hinterhältig und durchsichtig, und vielleicht deshalb so erfolgreich. Sie ist auch in der-Sport-Fahrrad-Branche üblich und wird neuerdings begleitet von einem Marketing, das langsam lernt, die dramatisch-pompösen Szenerien von den Plakaten der Autohersteller abzukupfern. Die Autowerber sind unbestrittene Meister darin, Emotionen zu schüren und Bedürfnisse schaffen, wo weit und breit keine in Sicht sind. Wenn man der Masse das Material der Elite verkaufen will, muss man das dem Pöbel dann doch erklären können. Dazu eignen sich gelegentliche technische Revolutionen ganz hervorragend. Die Profi-Strassenrennfahrer beispielsweise brauchen doch keine schweren Scheibenbremsen an ihren auf Gewichtsersparnis getrimmten Carbonrädern! Sie beherrschen das Steuern und wissen: wer bremst, verliert. Ausserdem bringen 23 mm-Reifen mit 10 bar Druck keine Bremskraft auf den Boden. Die bedauernswerten Profis müssen die klobigen Bremsscheiben bloss mit sich herumschleppen, damit Sie und ich endlich verstehen, dass wir unser bereits dreijähriges Rennrad in den Keller stellen und uns einen neues anschaffen müssen. Eins mit Scheibenbremsen eben. Dieses Muster brachte schon die Klickpedale hervor, die 29 Zoll-Räder oder die elektronische Schaltung. Der Carbonrahmen ist eine andere Geschichte: Wenn Sie ihr Geld damit verdienen müssen, dass Sie Velorennen gewinnen, hilft er ihnen im Gegensatz zu den anderen genannten Innovationen wohl tatsächlich ein kleines Bisschen. Aber wann mussten Sie sich zum letzten Mal Ihre Monatsmiete, Ihr Bier ersprinten?

So gesehen ist ein grosser Teil der Hersteller von Sporträdern eine hinterhältige Bande von Abzockern. Natürlich gibt es auch heute – wer weiss, wie lange noch – Unternehmer, Händler, Rahmenbauer, deren Ziel es ist, einen Kunden zufrieden zu stellen, ihm ein Velo, meist ein Alltagsvelo, auf den Leib zu schneidern wie einen Massanzug. Nicht nur vom Schnitt und der Passform her, sondern auch vom Stoff und vom Stil her. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Menschen finden Sie weder im Internet noch im Flagshipstore. Sondern am ehesten in einem kleinen, mit Velos aller Art und Zubehör und Ersatzteilen vollgestellten Bude. Die riecht nicht nach Teppich, sondern nach Schmieröl. Aber was interessieren solche Sachen schon die Fachjournalisten? Sie sind nicht Journalisten vom Fach, sondern für das Fach.

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