Der diesjährige Sommer verabschiedet sich ganz langsam. Statt der üblichen Melancholie empfinden dieses Jahr viele Menschen dabei eher gemischte Gefühle. Nicht wenige freuen sich sogar unverhohlen darüber, dass der Herbst näher rückt. Schliesslich haben die vergangenen Monate dem Begriff Verbrennungsmotor eine ganz neue Bedeutung gegeben. Trotzdem: Die meisten von uns hatten Ferien, und wem keine Katastrophe in die Parade gefahren ist, hat sich an den Ferien erfreut. Ich verkünde jedenfalls schon mal meine liebste Ferienerinnerung dieses Jahres.
Ich war diesen Sommer trotz der Hitze mehr auf dem Velo unterwegs als in anderen Jahren. Offenbar funktioniert die Wärmeregulierung in meinem Körper nicht schlecht. Ebenfalls häufiger als üblich bin ich mit anderen Menschen Velo gefahren, ein Vorsatz, dem ich seit Jahren hinterherrenne. Beides hat dazu beigetragen, dass der Blog hier etwas zu kurz gekommen ist. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich das nun bereue. Ist es erst mal November, verschieben sich die Prioritäten dann ganz von allein wieder vom Sattel auf den Bürohocker.
Wer nicht zum ersten Mal hier vorbeikommt, wird sich auch nicht wundern, dass meine liebste Ferienerinnerung dieses Sommers mit Velos zu tun hat. Man darf mich deswegen ruhig einen Einfaltspinsel nennen. Etwas Überraschung ist aber trotzdem dabei: Die betreffende Erinnerung ist zwar meine – die Ferien aber waren es nicht. Die gehörten zwar zu einer fünfköpfigen Familie, aber nicht zu meiner. Und das kam so:
Es war Samstag und selbstredend sonnig, aber für einmal nicht sehr heiss, sondern bloss ziemlich warm. Aber nicht so warm, dass man als Velofahrer bei Leuten am Strassenrand den Verdacht erregt hätte, suizidgefährdet zu sein. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um mit dem Rennrad eine meiner Lieblingsstrecken von der Haustür aus abzufahren. Das ist zwar eine Hin-und-zurück-Angelegenheit, aber die Route hat landschaftlich allerhand auf Lager. Die längste schnurgerade Strecke meines Wohnkantons beispielsweise, aber auch mehrere Haarnadelkurven und ein Selbstbedienungscafé mit – ganz wichtig – selbstgebackenem Kuchen, das in diesem Blog auch schon gerühmt worden ist. Erst geht es hoch, dann geht es runter, und dann kommt auch schon der Wendepunkt. So einfach wie schön. Der Autoverkehr ist zwar zugelassen, tritt aber ausserhalb der üblichen Stosszeiten nur an einer engen Stelle in Erscheinung.
Ich war bereits auf dem Rückweg, als ich in der sieben Kilometer langen und 240 Meter hohen Steigung zum höchsten Punkt auf zwei Velos auffuhr. Beides waren Tandems vom Typ Hase Pino. (Ich bin ja nie um eine Antwort verlegen, wenn mich jemand fragt, mit welchem Fahrrad sie oder er mir denn eine Freude bereiten könnte. Aber ein Hase Pino wäre mein absolutes Wunschfahrrad, vielleicht sogar mit Elektromotor! wenn Geld keine Rolle spielen würde und meine Garage viel grösser wäre als sie ist.) Beim Pino sitzt der Captain (der steuert) hinten statt wie üblich vorn, und der Stoker (der nur dumpf in die Pedale tritt) sitzt gleich vor dem Captain in einem Liegesitz. In dieser schönen Position hat er einen tollen Rundblick, was für seine Rolle eine mehr als verdiente Entschädigung ist. Ausserdem kann sich das Team wegen dem geringen Abstand zwischen den Köpfen auch im Gegenwind prächtig unterhalten. Der Pino ist also ein sehr soziales Velo. Und hier ist es, das Hase Pino:

Ich fahre also im Anstieg von hinten auf diese zwei Tandems auf. Es ist warm, windstill, der Verkehr ist äusserst spärlich. Beide Räder haben vier gut gestopfte Taschen dran. Das hintere zieht zudem einen Kinderanhänger. Da drin sind weiteres Gepäck und ein vielleicht dreijähriges Mädchen sichtbar. Das Kind schläft. Der Captain ist der Vater, und vor ihm sitzt – liegt! – ein acht- oder zehnjähriger Junge und pennt. Ich grüsse also leise und überhole die drei. Die Mutter ist der Captain des vorderen Rads, und ihr Passagier ist ihre Teenagertochter. Sie vertreibt sich die Zeit mit Lesen, tritt aber gleichmässig in die Pedale.
Wie soll ich erklären, wie mir dieses Bild eingefahren ist? Vielleicht hätte ich ein Foto schiessen sollen von der Szene, aber das wäre ungehobelt gewesen und der Realität sowieso nicht gerecht geworden. Zwar schwitzten die Eltern nicht wenig, sie wirkten aber nicht erschöpft oder gequält. Die Kinder noch weniger, natürlich. Die waren ja auch mit klassischen Ferienprojekten beschäftigt: Schlafen und Lesen. Wie es sich gehört. Was mich so beeindruckt hat, sind die Ruhe und die Zufriedenheit, die da herrschten. Die Familie strahlte, obwohl zumindest drei von ihnen intensiv arbeiteten, reinste Ferienidylle aus. Ich wäre am liebsten zugestiegen.
Das ging aber nicht. Ich fuhr im Wiegetritt und mit einem strahlenden Grinsen weiter. Dann und dort nahm ich vor, zu Hause umgehend ein, wenn nicht sogar zwei Hase Pino zu ordern. Schliesslich hatte ich gerade einen Blick auf die vollkommenen Familienferien geworfen! Für uns! Wir haben eine Tochter, die es gerne gemütlich nimmt und gelegentlich eindöst dabei. Unsere andere Tochter liest Buch um Buch, und unser Sohn könnte als Frontpassagier seinem Kindheitstraum nachhängen, eines Tages Postautochauffeur zu werden. Meine Frau schliesslich teilt meine Begeisterung für Radreisen. Was wollen wir also mehr?
Nun, zur Bestellung an die Firma Hase kam es vorerst nicht. Erstens, siehe oben, ist unsere Garage nun mal so gross wie sie ist. Würde ich jetzt noch ein Hase Pino reinstellen, müsste Spiderman jedes Mal helfen, eines der bereits in der Garage stehenden zehn Velos rauszuholen. Ich kenne Spiderman noch nicht einmal, und hätte der Zeit und Nerven für sowas? Schwerwiegender noch: unsere Kinder sind inzwischen alle erwachsen. Sie waren früher mit Begeisterung auf unseren Familienveloreisen dabei (zum Beispiel hierhin oder dorthin ), aber momentan ist bei ihnen anderes wichtiger – und Ferien mit Eltern allenfalls eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Und das ist voll in Ordnung so. Es bliebe übrigens auch noch die Frage, wie wir den Jüngsten in den Veloanhänger kriegen.
Die beschriebene Szene ist also weniger eine Ferienerinnerung als eine Art Rückkehr in die Zeit, als unsere Kinder noch Kinder waren und Ferien selbstverständlich Familienferien. Womit wieder einmal demonstriert ist: Das Fahrrad ist eine Zeitmaschine!
