Italien! Ach, Italien!

War es jemals anders, für uns Schweizer? Sommer meinte schon immer Hitze, Meer, Süden. Also Italien. Dann fuhr man auch mal nach Frankreich, nach den Kriegen auf dem Balkan auch mal nach Kroatien, und schön war es da auch. Aber Italien war für uns immer der wahre Süden und ist es immer noch. Lire hin, Euro her. Italien, da weiss man, was man hat – schönen Sommer. Das gilt auch für mich und meine Familie, und so fuhren wir zu zweit los mit unseren bepackten Velos. Und zwar nach – Italien!

Etwas Erwartungsmanagement: Dies ist kein Reisebericht mit Tipps und Hinweisen und Adressen oder gar Etappenplan. Zwar könnten wir unsere Reise zur Nachahmung empfehlen, das schon. Aber die Entscheidung für ein Reiseziel und eine Route dorthin wird ja doch von einer Unzahl an persönlichen Vorlieben, Erfahrungen und Einschränkungen bestimmt. So war es auch bei uns: wir wollten zum Lago Trasimeno in Umbrien, weil wir dort schon mehrmals in derselben Ferienwohnung schöne Ferien verbracht hatten. Und weil wir schon mehrmals schöne Ferien auf unseren Velos verbracht hatten, wollten wir da mal mit dem Velo hin. Auch um die Entfernung von zu Hause, aber auch die Reichweite des Velos als Transportmittel richtig zu erleben. Und weil wir schon mehrmals schöne Radwege durch Komoot (das kann man aussprechen, wie man will, es gibt da überraschend viele Möglichkeiten!) entdeckt hatten, vertrauten wir der Plattform die Routen-Grobplanung an.

Komoot mit seiner Community hat das ganz grossartig gemacht. Mit wenigen Schnitzern wie dem Bachbett, in welches wir am Ende einer mörderisch steilen Strasse gelangten oder der 30 km langen Strecke ohne eine einzige Richtungsänderung – das hatte ja auf eine interessante neue Erfahrung hoffen lassen, doch dann war das eine Schnellstrasse ohne echte Velo-Infrastruktur, und wie naiv waren wir gewesen, das nicht vorherzusehen!). Daneben aber hat man uns auf schöne Wege geschickt, die gut fahrbar, verkehrsarm und direkt sind.

Schon bei der Vorbereitungen wurde klar: im Velostall stehen zu viele Velos! So war wochenlang unklar, ob das Arbeitspferd, schwerer, mit aufrechter Sitzhaltung, oder das Reiserad mit Rennlenker, also aerodynamischer, leichter, ebenso vielen Gepäckträgern, besser geeignet sei. Zuletzt stellten sich Rückenbeschwerden ein und nahmen mir die Entscheidung ab. Aufrechtere Sitzposition war entscheidend. Meine Frau hatte es da leichter. Ihr Mountainbike ohne Gepäckträger und Schutzbleche kam nicht mal in die Auswahl.

Wir fuhren also mit Regionalzügen bis Milano, danach mit den Velos durch die Poebene, ein Stück weit dem Fuss des Appennin entlang, über mehrere seiner Gebirgszüge drüber (das klingt nun vielleicht heftiger, als es war, aber Hügelketten wäre definitiv eine Untertreibung), runter in die Toscana und wieder dem Gebirge entlang durch die Ebene bis zum See. Übernachtung in B&Bs, Pensionen, Hotels, wo sie eben zu finden waren. Verpflegung aus den Läden an der Strecke, und die können auf dem Land recht dünn gesät sein.

Frühere Veloreisen nach Italien sind unter anderem in Erinnerung geblieben, weil die Mehrzahl der italienischen Autolenkerinnen und -lenker rücksichtsvoll gefahren und gelegentlich ihre Freude über unsere Anwesenheit durch Zurufe ausgedrückt hatten. In den letzten Jahren trafen aber immer wieder Berichte ein, dass das gar nicht mehr stimme und eine Velofahrt auf einer strada provinciale einen fahrlässigen Umgang mit dem eigenen Leben darstelle.

Uns ist das nicht so vorgekommen. Zwar überholten die Autos im Durchschnitt knapper als in der Schweiz (wo sehr hilfreich ein „ausreichender“ seitlicher Abstand vorgeschrieben und gerade mal 1.2 m vom Bund empfohlen sind), aber der Mindestabstand war dafür grösser, und es wurde nicht selten kurz gehupt vor dem Überholen. Das gibt einem viel Sicherheit, weil man weiss, dass man gesehen wird. Wir nahmen trotzdem das eine oder andere Mal lieber einen Umweg über Feldwege oder Nebenstrassen in Kauf.

Die Veloinfrastruktur gab unterwegs fast permanent zu denken – und zu reden! Wir waren sehr häufig auf offiziellen, signalisierten Radwegen unterwegs. Besonders die Signalisation und die Markierung von Radwegen nehmen die Italiener durchaus ernst:

Die Qualität der Radwege weist ein breites Spektrum auf, dessen untere Ränder nicht dokumentiert werden konnten, da wir alle mit Überleben beschäftigt waren. die besseren Radwege sahen so aus, und sie waren nicht so selten, wie man denken würde:

Sehr häufig aber bestand die Velo-„Infrastruktur“ aus Farbe: Einem Radstreifen von teilweise weit weniger als einem Meter Breite auf einer Strasse oder ein Radweg auf einem schmalen Trottoir, das sich der Fussverkehr nun mit den Velos teilen muss. Und dieses Trottoir wird natürlich ständig von einmündenden Strassen oder von Garagenausfahrten unterbrochen, die auch mal geneigt sind, so dass man sich vorkommt wie in der Kurve auf der offenen Rennbahn von Zürich-Oerlikon. Seither bin ich am Grübeln: So ein Pseudo-Radweg, flüchtig hingemalt, vielleicht kurz vor den Kommunalwahlen, aber nicht sehr durchgängig, zu schmal, nicht signalisiert, mal links und mal rechts der Strasse, mit teilweise holperigem Belag, der sich irgendwo nahe der Gemeindegrenze in Luft auflöst – ist so ein Radweg tatsächlich so viel schlechter als die Radwege, die wir uns in der Schweiz zu bauen vorgenommen haben? Um die wir aber nach wie vor ringen, an Gemeindeversammlungen, Urnenabstimmungen, mit Unterschriftensammlungen auf allen drei Ebenen des Staates, mit Strategien und Netzplänen, aber oft ohne Budget?

Kaum einmal trifft das Bild von Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach dermassen genau zu. Als wir losgefahren sind, war ich ein grosser Freund der Taube. An den Spatz habe ich nicht einmal gedacht, denn der ist ja wirklich klein, staubig und nicht sehr hübsch. Und den Laura-Test besteht er sowieso nicht, er wird nicht mal dazu zugelassen! Unterwegs in Italien fühlte ich mich auf diesen quasi-Radwegen aber nach einer Weile sichtbar, geleitet und sogar ein wenig sicher. Vermutlich ein Trugschluss, eher objektiv als subjektiv sicher. Aber immerhin, dachte ich, almeno! Ich kann mich bis heute nicht entscheiden. Könnte ich wirklich frei wählen, würde ich wohl den Spatz nehmen mit einer wasserdichten Garantie, dass sofort mit der Aufzucht der Taube begonnen wird.

Dann waren wir plötzlich da, nach acht Etappen und gerade mal einer Stunde leichtem Regen unmittelbar am Start in Milano. Und es begann der zweite Teil der Ferien, immer noch Veloferien, aber stationär, da die Velos gleichzeitig Haupt-Zeitvertrieb und einziges Fortbewegungsmittel blieben. Zwar gibt es im Dorf, bei dem wir wohnten, eine Bar, eine Gemüsehändlerin, eine Bäckerei und drei Restaurants, aber damit kommt man nicht zwei Wochen durch ohne Mangelerscheinungen. Zum Einholen (Bier, Wein, Wasser in ausreichenden Mengen) fuhren wir darum – immer auf dem neu gebauten Radweg, der rund um den See führt – zehn Kilometer zum nächsten Supermarkt, oder aber siebzehn Kilometer zum übernächsten, in einem kleinen Städtchen, das mit weiteren Annehmlichkeiten wie mehr Restaurants und Bars, Museum und Kino aufwartet.

Dazwischen befuhren wir auf Ausflügen Wanderwege und Forststrassen in der näheren und mittleren Umgebung, während wir sonst nur gewandert oder mit dem Auto zu bekannten Dörfern und Städten gefahren waren. So trafen wir auf verlassene Höfe und Schlösser, verschlafene Dörfer – es war ja noch nicht wirklich Ferienzeit – Naturreservate und Wildschweine.

Weil wir einen Film im erwähnten Kino sehen wollten, fuhren wir mal mittags los, zwei Drittel oder zweiundvierzig Kilometer um den See, und kamen rechtzeitig zum Abendessen in der kleinen Stadt an. Um viertel vor zwölf war der Film aus, und wir fuhren den verbleibenden Drittel der Seeumrundung weiter nach Hause – der Vollmond war gerade aufgegangen (sonst hätten wir das Wildschwein auf dem Radweg wohl übersehen). Zuletzt sprangen wir noch in den Pool, um uns wieder abzukühlen. Ein andermal wollten wir mit dem Schiff auf eine der Inseln im See fahren. Also radelten wir morgens erst eine halbe Stunde zur Anlegestelle und frühstückten in der Bar. Auf dem Nachhauseweg begegneten wir einem Früchtehändler und füllten unsere Taschen, bevor wir auch noch das Natur-Observatorium im Schilf am Seeufer besuchten.

Das soll keine Kilometerprotzerei sein, sondern nur Beispiele dafür, dass man mit dem Velo durchaus auch grössere Distanzen im Ferienalltag zurücklegen und unterwegs, auf dem Weg zu den Besorgungen, etwas erleben und entdecken kann. Günstig, individuell, entspannt. Zwar langsam, aber – Zeit sollte in den Ferien ja vorhanden sein.

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