V for victory – V wie Velobeschluss

Die Schweiz hat einmal mehr abgestimmt. Wir dürfen das recht häufig, und die meisten von uns schätzen dieses Privileg sogar mehr als die Kleinanzeigen in der Wochenzeitung oder bunte Schnürsenkel.

Horrende Kosten

Unter anderem ging es am vorletzten Wochenende um den Velobeschluss. Das ist der Gegenvorschlg der Regierung zur Veloinitiative, welche von der Schweizer Velolobby-Organisation Pro Velo eingereicht worden war. Fast drei von vier Schweizern, nein, Stimmberechtigten, ach was, Stimmwilligen stimmten laut und deutlich ja. Dies, obwohl vor der Abstimmung durchgesickert war, dass eine Annahme des Velobeschlusses dem Staat künftig jährlich die horrende Summe von 1.8 Mio. Franken kosten würde.

Die Schweiz hat Dänemark überholt

Damit steht fortan in der Verfassung drinnen, dass der Bund den Kantonen beim Bau von Infrastruktur für Velofahrende unter die Arme greifen kann. Kann, nicht muss, wie das die Veloinitiative gewollte hatte. Das klingt jetzt nicht nach einer Revolution, und es ist auch keine. Aber es ist ein nicht zu unterschätzendes positives Zeichen des Staates an die Kantone. Erstmals kommt das Velo in die Verfassung, und damit kann sich kann angeblich nicht einmal Dänemark brüsten, und Dänemark ist das Nirvana der Velopendler. Nicht der Sportvelofahrer, denn es gibt dort keinen einzigen Pass, der den Namen verdient hat.

Velowege in den Kopf

Die Regierung wird jetzt ein Gesetz ausarbeiten müssen, welches das weitere Vorgehen regelt. Man darf als Radfahrer wieder hoffen in der Schweiz. Obwohl, wie man weiss, ist es mit dem Bau von Radwegen nicht getan. Da müssen dann auch Radfahrerinnen und Radfahrer drauf, sonst ist es kein Veloweg. Selbstfahrende Zweiräder gibt es ja nicht, noch nicht. Ohne Radfahrerinnen und Radfahrer auf den Wegen hört der Staat bald wieder auf zu motivieren und zu zahlen. Und Bürgerköpfe, das weiss man auch, sind unendlich viel schwerer zu bearbeiten als Verkehrswege. Vielleicht sogar noch etwas schwerer.

26 bedrohliche Prozent

74 % Ja-Stimmen sind eine unerhörte Menge. Weil ich ein eher nüchterner Mensch bin, machen mir aber die anderen 26 % und die grosse Masse der Stimmabstinenten (63 % …) grosse Sorgen. Die finden Velos nämlich nicht so super, und das drücken sie nicht nur mit Stimmzetteln aus. Einige unter ihnen zeigen das den Velofahrern bei Gelegenheit auch ganz direkt: auf der Strasse. Einem von denen bin ich am Abstimmungssonntag begegnet. Das Endergebnis war da noch nicht mal ausgerufen.

Rotlicht gilt angeblich immer noch für Radfahrer

Nur schon die ersten Hochrechnungen am Sonntagnachmittag versetzten mich alten Optimisten in Festlaune. Frohgemut stieg ich auf mein Velo, um das Ereignis gebührend zu begehen. Sauerstoff wollte ich mir ins Hirn pumpen, das würde sicher ein paar gute Ideen für intelligente Radwegprojekte produzieren. Vielleicht würde ja jemand auf solche warten am Montagmorgen! Möglichereise würde ich zur Teilnahme an einer Meinungsumfrage aufgefordert, und da wollte ich mir keine Blösse geben.

In einer Steigung kam ich an eine Baustelle mit Lichtsignal. Drei Autos warteten. Damit ich sicher bei Grün durch die Baustelle kommen würde, wollte ich ganz vorne warten und fuhr links an den stehenden Autos vorbei. Der Lenker des hintersten Wagens öffnete die Tür. Er rief mir zu, rotes Licht gelte auch für mich. Dabei war ich noch gar nicht bei der Ampel angekommen. Da war es also wieder, das Imageproblem des Velos. Nachdem er die Türe geschlossen hatte, hörte ich ihn noch bis zur Grünphase in seinem Auto toben und schimpfen. Danach fuhr er extra langsam am Strassenrand vor mir her, was ihm aber missriet, als es um eine Haarnadelkurve ging, denn die ist innen ja am steilsten, und er geriet ins Spulen. Ich überholte regelkonform. Auf einem Schild hinter seiner Windschutzscheibe konnte ich seinen Übernamen lesen: Nuggi (schweizerdeutsch für Schnuller). Wie passend, dachte ich, und versuchte, eine Lachattacke weg zu meditieren. Wer weiss, ob Nuggi den Anblick überlebt hätte.

Chris Froome ist eine grosse Nummer

Leider war nicht nur Nuggis Sonntag hin, sondern auch meiner. Meine Psyche ist nämlich nicht sehr robust, wenn es um Beschimpfungen im öffentlichen Raum geht. Darum habe ich nie die Tour de France bestritten. Chris Froome ist da echt eine grosse Nummer.

Mit diesen Wutbürgern teilen wir auch in Zukunft die Strasse, denn von der Fahrbahn abgetrennte Radwege bleiben noch ein Weilchen die Ausnahme, 74 % hin oder 26 her. Vielleicht gehen wir besser gleich dazu über, Wutbürgerspuren zu bauen. Hinter Zäunen oder Mauern, irgendwohin ins Nichts führend.

Ja, Ideen für neue Wegkategorien gibt es genug. Ich finde folgende besonders fördernswürdig:

FatLane.jpg
Bitte beachten: Dieses Bild stammt aus einem Land mit Linksverkehr!

Ein Gedanke zu “V for victory – V wie Velobeschluss

  1. Ich habe das Ergebnis auch verfolgt und muss sagen: Lieber ein erster Schritt, als gar kein Schritt. Mit irgendwas muss man ja mal anfangen.
    Ich werde aber heute wohl eher mein Winterrad mit Licht aus dem Dynamo ausrüsten und allenfalls danach fahren….

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