Klaksonieren Sie mit!

Reisen bildet, heisst es. Und beschert einem damit gelegentlich überraschende Einsichten. Zum Beispiel über den angeblich so chaotischen Verkehr in Italien.

Auf einen Fremden wirkt der Verkehr in den Niederlanden wie ein akribisch einstudiertes Ballett mit einer hochpräzisen Choreografie. Das hört man ja ständig, aber als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal in Amsterdam war, konnte ich wirklich kaum glauben, was ich da sah. Velos, Autos und Fussgänger ziehen ruhig und mit traumwandlerischer Sicherheit aneinander vorbei, mit geringen Abständen und ohne Hektik. Kaum Hupen, kaum Klingeln und selten ein Stopp. So in der Art, nur eine Spur natürlicher (nein, das ist nicht in Holland):


<p><a href=“https://vimeo.com/106226560″>RUSH HOUR from Black Sheep Films on Vimeo.

Der Verkehr in Italiens Städten geniesst demgegenüber einen etwas zweifelhafteren Ruf. Und je südlicher die Stadt, desto zweifelhafter dieser Ruf. Es ist laut dort, der Verkehr ist dicht und oft stockend oder ruckartig fliessend. So wie Erdnussbutter bei zehn Grad Celsius vielleicht, während in Holland geschmeidige Vanillecrème durch die Strassen fliesst. Ausserdem, ganz wichtig, fehlen in Italien die Velos innerorts fast ganz. Wen wundert’s, möchte man sagen.

Wer für einmal alle Sorgen um sein Auto fahren lässt und sich eine gehörige Portion Gottvertrauen zulegt , kann sich ein differenziertere Bild machen. Zwar kreuzen einen Einheimische auch an den engsten Stellen in flottem Tempo, kommen zügig um die Ecke und scheinen auch Fussgänger weitgehend zu ignorieren. Nach einer Weile trocknet einem aber der Schweiss auf der Stirn, und man stellt fest, dass die Italiener nur scheinbar sorglos und egoistisch in ihren macchine unterwegs sind. Vielmehr handelt es sich beim Innerortsverkehr – ähnlich wie in Holland – um ein einstudiertes oder eher eingeschliffenes Ballett mit Regeln, die sich dem Ausländer vermutlich erst nach einigen Jahren vollständig erschliessen. Das Hupen ist kein Weghupen, sondern viel eher eine Mitteilung  im Stil von „Ich hab dich gesehen, bleib einfach auf deiner Linie, und alles wird gut.“ (ohne Ausrufezeichen) oder „Fahr zu, ich gucke sowieso noch ein paar Sekunden rüber zur Bar.“ oder vielleicht auch „Ciao!“, „Bleib du stehen, ich kann nicht mehr bremsen.“ oder „Buonasera!“ Jedenfalls nichts Aggressives oder Hektisches. Darum hat die Hupe im Italienischen auch die hübsche und beinahe lautmalerisch anmutende Bezeichnung il clacson. Glaubt man daran, so kann man sich durchaus auch als Fussgänger in die italienischen Innenstädte wagen. Stetige Aufmerksamkeit vorausgesetzt, und die Idee, als Fussgänger grundsätzlich Vortritt zu haben, muss man vergessen. Man bekommt in dennoch ab und zu, den Vortritt, wenn man nur resolut genug auf die Fahrbahn tritt, immer zum Sprung bereit zurück auf den allenfalls vorhandenen Gehsteig. Es scheint ein anderes System zu herrschen, ein nicht klar definiertes oder offen gelegtes vielleicht, aber dennoch ein System. Oder die Umrisse davon. Jedenfalls funktioniert der Verkehr nicht schlecht, solange nur einer oder zwei Zugereiste mittun.

Dass keine Velos unterwegs sind, dürfte wohl an den meist sehr begrenzten Platzverhältnissen liegen. Wo die Häuser jedoch ein wenig auseinander rücken, sind auch vereinzelte Radwege anzutreffen. Im Dorf Locri an der Ionischen Küste Kalabriens beispielsweise gibt es einen solchen, der ist ca. dreissig Meter lang und führt von der Hauptstrasse im Dorfkern zu einem Velounterstand. Immerhin ein Anfang.

Ausserorts sieht wieder alles anders aus. Dort gibt es Velofahrer. Ciclisti. Nun ja, nicht grad immer und überall:

StradaRennräder und Mountainbikes fahren sie, manchmal in kleinen Gruppen, aber auch allein. Il clacson wird hier in Betrieb genommen, wenn sich auf der Landstrasse ein Auto von hinten mit achtzig Sachen einem Velofahrer nähert und mitteilen will, dass er ihn nun gleich überholen werde, der Radfahrer sich aber ruhig weiterhin dem Treten widmen solle. Daraufhin überholt er ihn auf der Gegenfahrbahn, wovon in der Schweiz beispielsweise nur geträumt werden kann. Sollte dort gerade ein anderes Auto entgegenkommen, macht das nichts, dieses hat die Situation nämlich längst überblickt und ist über den Strassenrand hinaus ausgewichen. Alles wird gut.

Vielleicht würden unsere Städte auch besser funktionieren, wenn alle Verkehrsteilnehmer – natürlich und selbstverständlich auch die Velofahrer! – angesichts der sich dramatisch verändernden Platz-, Grössen- und Machtverhältnisse ihre Vorstellungen davon, wie sie und alle rundherum sich verhalten sollten, etwas überdenken würden. Schliesslich gab es noch nie in der Geschichte derart viele und derart viele verschiedene Akteure auf unseren Strassen wie heute. Mit Verkehrsregeln allein kommt man da nicht durch. Wenigstens nicht mit einem heilen Nervenkostüm. Wir kämen wohl alle etwas besser, sicherer, flüssiger, entspannter durch den Verkehr, wenn wir unser Verhalten etwas mehr der jeweiligen Situation anpassen würden. Das hiesse, nicht nach einem festgefahrenen und eingerosteten Grundsatz handeln, sondern den Verkehr rundherum etwas nachsichtiger anschauen, deshalb nicht weniger vorsichtig, eher im Gegenteil. Also mal jemandem den Vortritt lassen. Nach dem Vordrängeln freundlich lächeln oder kurz „Danke auch!“ hupen. Nicht hetzen, sondern den andern zugucken und sich unters Volk mischen. Nicht weniger, vielleicht sogar mehr hupen, dafür nicht auf aggressive Weise. Zur Information und nicht, um das letzte Wort zu haben.  Klingeln, nicht wegläuten. Einfach freundlicher und toleranter sein. Und immer dran denken: es heisst il clacson und nicht die Hupe, und es ist keine Peitsche, sondern eine Flagge. Wie das geht? Nach Süditalien fahren!

 

Ein Gedanke zu “Klaksonieren Sie mit!

  1. Also, äh, ich bin ja grad in Hanoi. Das ist zweirad- und huptechnisch eine andere Liga hier. Neben den gefühlten dreikommafünf Milliarden Töffli Velofahrer habe ich auch einen Velofahrer gesehen. Das war ein Farang mit schwarz glänzenden Lederschuhen, aber immerhin: er hat den Verkehr ganz gut mitgemacht. Achso: ich bin sicher, dass hier durchschnittlich mehr Personen auf einem Töffli fahren als Europäer im Auto.

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