Rechts abgebogen: Die Schweiz hat gewählt.

Die Schweiz hat also gewählt. Während des Wahlkampfs orakelten Politologen, es sollte diesmal eine Richtungswahl werden (gibt es auch andere? muss man sich da fragen). Das erinnert ans Radfahren, da muss man auch immer die Richtung wählen. Also Routine für uns. Trotzdem Grund genug, die vorläufigen Wahlresultate (es ist gerade Sonntagabend) aus der Optik des Radfahrers zu analysieren: Was bedeutet das Ergebnis denn nun für uns Velofahrende?

Hier gilt es zuerst einmal festzuhalten: Gar nichts. Allererstens gilt sowieso immer das Motto „Just Ride“, und zweitens hat Politik mit Gesetzen und Volksmeinung zu tun, und letztere weiss, dass Velofahrende erstere grundsätzlich ignorieren, also kann es uns ja auch egal sein, was die da oben in Bern zusammenschustern. Damit wäre eigentlich alles gesagt, und wir können unsere Zeit wieder nutzen, um zu tun, was wir am liebsten tun: Velo fahren. Da wir nun aber schon alle so gemütlich zusammensitzen hier im Internet, palavern wir doch auch noch ein wenig mit.

Dass die Wahlen für das Velo null Bedeutung haben, stimmt natürlich nicht ganz. Die Bedeutung beträgt aber maximal 7 %, wie folgende Grafik beweist. Sie zeigt die Resultate einer Umfrage unter den digitalen Lesern des Tagesanzeigers, welches die aktuell am stärksten brennenden Probleme für unser Ländlein sind.

WahlthemenDie Randthemen Umwelt und Verkehr haben also beträchtliche 7 % der Stimmbürger auf dem Schirm, wenn sie ein neues Parlament wählen. Und wenn unser System funktioniert, dann sollte sich obige Prioritätenliste ja in der Sitzverteilung der neuen Bundesversammlung spiegeln. Veloliebhaber können sich also zurücklehnen, die in Bern tun uns wirklich nichts. Sie müssen sich nämlich mit Ausreissversuchen herumschlagen im Berner Peloton: 23 % wollen die Flüchtlinge stellen vor der Zielankunft in vier Jahren.

Und das System, es funktioniert! Das ist wiederum mit einer Grafik zu belegen. Dies ist die Spider-Darstellung der Prioritäten der Wahlsiegerin SVP:

SVP-SpiderAuf die Umwelt pfeift die Wahlsiegerin also wie von der Mehrheit gewünscht, da können Radler nicht auf Rückenwind hoffen. Dafür hetzt sie uns gern mehr Polizei auf den Hals. Falsche Adresse also. Gegenwind.

Das bestätigt, dass Radfahrende in politischen Dingen vorsichtig sein sollten. Zwar sind Schlingerkurs, Sponsoring oder Etappensieg Teil des Vokabulars beider Sparten. Dennoch sind die beiden in bestimmten Aspekten grundverschieden, und eine unklare Trennung kann verheerende Folgen haben. So fahren Velofahrer auf der Strasse zwar rechts, sollten diese Seite in der Politik aber tunlichst meiden, wenn sie für ihre Anliegen einen Volksvertreter erwärmen möchten.

Offenbar hat es also einen Rechtsrutsch gegeben. Damit haben wir viel Erfahrung. So erlebte Fabian Spartacus Cancellara bereits vor drei Jahren an den olympischen Spielen von London einen Rechtsrutsch, als er in einer Rechtskurve ausrutschte. Wie das herausgekommen ist, wissen wir: er musste alle Siegambitionen begraben. Wenn das kein schlechtes Omen ist für die nächsten vier Jahre. Denn im Gegensatz zum Radsport macht in der Politik das ganze Teilnehmerfeld mit bei einem Rutsch in jedwede Richtung, und nicht nur ein einzelner Fahrer.

Es gibt aber auch Grund zum Optimismus. Der oberste Velofahrer des Landes (nein, nicht Bundesrat Ueli Maurer, wie immer wieder fälschlicherweise berichtet wird), Pro Velo Schweiz-Präsident Jean-François Steiert sitzt weiterhin im Nationalrat. Dort gibt es ausserdem viele mindestens verwandte Seelen. Radsportler, die eben ins Ziel gekommen sind, äussern sich nämlich ähnlich unbeholfen oder unzusammenhängend bei der Analyse des Rennens (oft kennen sie das neue Gesamtklassement noch gar nicht) wie viele Politiker am Wahlnachmittag („So ist es eben mit den Wahlen, am Ende entscheidet das Volk über das Ergebnis.“ Ach so! Dankeschön.).

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte mit Happy End an diesem sonst doch eher trüben Tag: Der Junge, der seinem Vater entlaufen ist (velopflock berichtete darüber), wurde inzwischen nicht nur gefunden, sondern am Fundort auch gleich noch in den Nationalrat gewählt (unter einem Decknamen, aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte, und für eine Rechtspartei, weil er doch vom rechten Zürichseeufer stammt):

KindDies als letzte Parallele zwischen Politik und Radsport an diesem Wahlsonntagabend: Es gibt an den meisten Rennen keine Länder- sondern nur Markenteams. Und genauso kann eine Zürcherin im Bündner Parlament sitzen. Macht sie bzw. er einen guten Job in den nächsten vier Jahren, bekommt er bzw. sie sicher einen lukrativen Vertrag in einem grösseren Team. Vielleicht bei Astana aus Kasachstan?

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2 Gedanken zu “Rechts abgebogen: Die Schweiz hat gewählt.

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