Der rote Schuh

Es gibt manchmal Ausfahrten mit dem Velo, die geben dir Rätsel auf. Du gerätst ins Grübeln und weisst am Ende nicht, weshalb du angefangen hast. Zum Beispiel: warum hat ein Velo einen Lenker und kein Lenkrad? Würden drei in einer Linie angeordnete Räder leichter geradeaus laufen als zwei? Hat Eddy Merckx je selber Doping gestanden? Und falls ja: auf Flämisch oder auf Französisch? Oder: wie zum Henker komme ich bloss wieder nach Hause?

Am vergangenen Samstag aber begegnete ich der Mutter aller Rätsel. Ich war auf einer jener Ausfahrten, die man nur im Herbst machen kann: entspannt, goldgelb, mild, raschelnd. Gibt es nur im Herbst, ich kann es mir nicht recht erklären (das Goldgelb schon, aber wieso bin ich im Frühjahr nie so entspannt? Ich fahre ja eigentlich nach dem Spassprinzip!). Nach einer Viertelstunde also komme ich zu einer kleinen Lichtung im Buchenwald (goldgelb! raschel!) mit der Verzweigung einer Forststrasse. Daneben eine Holzbank, wie sie Forstwart-Lehrlinge vermutlich im Motorsägenkurs unablässig fabrizieren müssen. Auf der Bank: ein roter Bikeschuh, auf der Seite liegend wie hingeworfen. Mit Stollen, zwei Klettbändern, einer Schnalle. Eine oder zwei Sekunden, dann bin ich über die Verzweigung hinaus und sehe den Schuh nicht mehr. Ich sehe mich um, aber kein Fahrer, kein Bike, kein zweiter Schuh weit und breit, auch sonst keine Menschenseele. Der erste rechte Anstieg folgt aber bald, und ich vergesse den Schuh.

Eine Stunde später komme ich wieder an derselben Stelle vorbei, diesmal aus der Gegenrichtung, und deshalb leuchtet mir der Schuh von Weitem entgegen. Ich habe darum etwas mehr Zeit, nach dem Besitzer Ausschau zu halten. Fehlanzeige. Ich bin aber etwas euphorisch (goldgelb! raschel!) und will nicht wegen einem dämlichen verlorenen Schuh meinen Flow abwürgen, wenn er sich schon mal eingestellt hat. Es ist aber wie wenn man nachts aufwacht. Ein klitzekleiner Gedanke setzt sich irgendwo fest, wird ein wenig grösser und drängelt sich vor den Vorhang des Schlafes, und vorbei ist es mit demselbigen. Vorbei ist es nun auch mit dem Flow, denn ich fange an, mir auszumalen, wie der Schuh dorthin gekommen ist. Ist da einer unvorsichtig schnell auf die Lichtung gebraust, übers Bänklein gesegelt und hat beim ebenso verzweifelten wie vergeblichen Versuch, sich von seinem fliegenden Untersatz zu befreien, seinen Schuh verloren? Liegt nun blutend und mit offenen Brüchen am Fuss der Steilböschung und wartet auf meine Hilfe? Dieser Gedanke kommt mir sehr bald, nicht erst am nächsten Abend, als ich auf der Kinoleinwand reihenweise Bergsteiger einsam erfrieren sehe. Umkehren? Ja, bin ich denn neurotisch?

Nein, der Schuh wurde einfach vergessen, als so ein typischer urbaner Edelbiker sein Bike in seinen verbotenerweise auf der Lichtung abgestellten Pseudo-Landrover (echte gibt es ja kaum mehr) gepackt hat. Schon klar, Sportgeräte packt man ins Auto und fährt damit zur Sportstätte, egal, ob es sich nun um eine Schwimmbrille und ein Hallenbad oder eben ein Velo und einen Wald handelt. Man könnte sich ja überanstrengen. Geschieht ihm also recht. Ich überlege kurz, ob ich umkehren und den Schuh über die Steilböschung hinunterschmeissen soll.

Oder mache ich es mir zu einfach? War es etwa gar kein Bike-, sondern ein Damenschuh? Rot und lackglänzend können beide sein! Dann handelt es sich bei dem Schuh möglicherweise um ein wichtiges Indiz bei der Aufklärung eines weiss Gott wie abscheulichen Vebrechens! Ich mag es mir gar nicht ausmalen, steige aber trotzdem kurz in die Eisen, um auf meinem Tamagotchi die App der Kantonsplizei zu checken. Keine Vermisstmeldung, kein Zeugenaufruf, aber was heisst das schon? Noch schlimmer gar, das Verbrechen ist, während ich den Schweiss vom Bildschirm wische, noch im Gang! Ich könnte womöglich ein Leben retten.

Erschöpft – und nicht von der entspannten Herbstrunde (goldgelb! raschel!) – schleppe ich mich nach Hause und wälze mich in Schuldgefühlen. Was hätten Sie getan? Wie kam der Schuh dahin und wieso?

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4 Gedanken zu “Der rote Schuh

  1. Was für eine schöne Aschenputtelgeschichte!
    Das Verbrechen ist doch bereits klar: es geht um Littering. Ob (grob-)fahrlässiges Vergessen eines Gegenstandes oder vorsätzliches Liegenlassen eines drückenden Schuhs hat allerdings die Justiz zu entscheiden.

    1. Die Hypothese scheint mir äusserst plausibel, gibt es doch nicht wenige Schuhe, die im Zusammenhang mit dem Veloverkehr drücken. Ich fahr zurück – und bring auch noch ein paar (klein geschrieben) drückende Schuhe hin.

  2. Bike Schuhe sind schwarz, nicht rot. Oder vielleicht mal weiss, damit man den Dreck besser sieht. Aber rot geht nicht. Ich behaupte, das war ein verunglückter Werbegag eines Bikemodeherstellers für seinen allerneusten Flop. Rote Bikeschuhe, wie kann man nur!?

    1. Na, dann schau dir doch mal die Websites der Hersteller an. Das sind ja teilweise dieselben wie die Hersteller von Fussballschuhen, und entsprechend sind die Designs von Bikeschuhen inzwischen fast so durchgeknallt und abgefahren wie die von Fussballschuhen. Auffallen um jeden Preis scheint das Motto zu sein.

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