Warum ein neuer Belag ein Problem sein kann und wie man dieses findet.

Bei der Beschreibung meiner täglichen Pendlerstrecke vergass ich zu erwähnen, dass ich neben allem bereits beschriebenen auch an einer Gasleitung und einem Flusskraftwerk vorbeikomme, sowie an einem Dutzend Froschteichen und einem Bio-Bauernhofladen. Dort kaufe ich gelegentlich einen Salsiz (eine Art Vierkantsalami) und verzehre ihn, freihändig dahinsausend, gleich auf dem Velo, denn der Hofladen liegt praktischerweise an einer zirka eineinhalb Kilometer langen, ganz leicht abfallenden Geraden.

Im Moment kriegt ein Abschnitt meines Arbeitsweges, so in etwa ein Viertel, einen neuen Belag, was mich hochgradig begeistert. Ich befuhr heute die zirka eineinhalb Kilometer (nicht zu verwechseln mit den oben erwähnten zirka eineinhalb Kilometern), und zwar offenbar wenige Minuten nach ihrer Fertigstellung, die Kippen der Freitagabendzigaretten der Bauarbeiter glommen noch, obwohl sie selber schon nicht mehr zu sehen waren. Im Nachhinein bin ich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war. Der Belag war dermassen frisch, dass die Reifen schmatzten und zischten wie auf regennasser Fahrbahn. Ich musste zwei Gänge runterschalten. Der üppige Geruch von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen lag schwer in der Luft (was die mit meinen Körperzellen anstellen können, will ich hier gar nicht näher beschreiben, vielleicht schauen ja Kinder zu. Haben Sie schon mal für die Krebsliga gespendet?). Jedenfalls hatte ich am Ende des frisch asphaltierten Abschnittes keine Profilreifen mehr, sondern Slicks, und ich war nicht mehr mit 26“-Reifen unterwegs, sondern ganz neu mit 29-Zöllern (englisch twenty-nein). Damit bin ich ja in guter oder wenigstens zahlreicher Gesellschaft, wie man so liest. Der Göppel hat nun das Gewicht eines voll ausgestatteten (Salsiz in der Rahmentasche) Ordonnanzrades samt Unteroffizier. Aber dieses Problem werde ich morgen lösen müssen.

Ich habe also ein Problem mit meinem Velo. Damit bin ich in guter, wenn auch nicht zahlreicher Gesellschaft, aber wenn ich kein Problem hätte, dann würde ich mich flugs an eine unserer beiden verbliebenen Grossbanken wenden, um mir eines besorgen zu lassen. Die hat nämlich eine Tochtergesellschaft, welche sich aufs Finden von Lösungen spezialisiert hat – wird in der Werbung behauptet, aber in Wirklichkeit suchen die Probleme, nicht Lösungen. Das weiss ich, seit ich einen ihrer Werbespots in Fernsehen angesehen habe, und der ging so:

Eine junge, attraktive und zufrieden dreinschauende Frau fährt auf ihrem Damenrad eine ziemlich stark ansteigende Strasse hinauf, den Einkauf im Lenkerkorb. Es ist schönes Wetter. Da wird sie urplötzlich von einer anderen Frau auf einem E-Velo überholt, dem sie erstaunt-neidisch hinterher blickt (es erscheint, rot eingeblendet, eine Zahl, als ob sie oder ich eine Google-Datenbrille aufhätte: 3180.-). Kurz darauf rollt ein Roller recht zackig an ihr vorbei, dieses Mal guckt sie verzückt, Google meldet: 5230.-. Vor lauter Verzückung versagen ihre Beine den Dienst, und sie steigt ab. Schliesslich kreuzt von hinten auch noch ein weisses Sportcabrio auf (54 550.-), diesmal ist der Blick eine Mischung aus Erleuchtung und, irgendwie, Verschlagenheit. Dann folgt die Pointe in Form einer Einblendung, für die Analphabeten, Kinder und Blinden im Publikum ergänzt durch eine Off-Stimme: „Es gibt immer eine Lösung. Mit Credit Now.“ Lösung? Dann muss ja irgendwo ein dazugehöriges Problem unterwegs sein. Lösungen treten nämlich immer, aber wirklich immer zusammen mit einem Problem auf, so wie Deckel und Topf, Behörnchen und Ahörnchen oder Stau und Pfingsten. Wir lernen: Wer ein Velo fährt, hat ein Problem (na ja, damit haben sie allerdings recht, wenn man sich den Verkehr in den Städten so anschaut). Lösen kann man es so wie alle andern Probleme auch: mit Geld. Das Leben kann so einfach sein, und wir alle sind der kreativen Branche zu Dank verpflichtet für diesen Nachhilfeunterricht in Lebenskunde. Am Montag, Entschuldigung, Dienstag, wegen Pfingsten, schiebe ich gleich am Morgen früh mein Velo in die Bank und lasse mich beraten, wie ich den Teer wieder von Reifen und Rahmen runterkriege. Es gibt immer ein Lösungsmittel.

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