Ich lebe jetzt meinen Traum.

Im vergangenen Sommer habe ich mir einen langjährigen Traum verwirklicht: Ich verdiene jetzt Geld mit Velofahren. Einfach der Hammer. So gut das klingt, es ist leider nicht die ganze Wahrheit, so wie immer. Genau genommen verdiene ich gar kein Geld mit Velofahren. Ich fahre nur mit dem Velo zum Geldverdienen. Und sogar das habe ich schon früher gemacht. Die Neuigkeit ist, dass ich jetzt endlich etwas Zeit brauche, um mit dem Velo zum Geldverdienen zu fahren. Würde ich nicht hinfahren, würde ich auch kein Geld verdienen. So gesehen verdiene ich also sehr wohl Geld mit Velofahren. Zugegeben, ohne Velo würde ich mein Geld dann halt mit Postautofahren verdienen, was viel weniger toll klingt, und wen interessiert das dann noch.

Heutzutage steht ja auf jedem Zuckerbeutel und in jeder Eso-Kolumne jeder Gratis-Wochenzeitung, man soll nicht sein Leben träumen, sondern seinen Traum leben. Das bedeutet sicher, dachte ich mir, du musst dein Velo nicht nur besitzen, sondern es auch fahren, und bin darum mit meiner ganzen Familie und allen meinen Fahrrädern im letzten Sommer aufs Land gezogen. Seither verwende ich eine halbe Stunde aufs Velofahren, um ins Büro zu kommen, während ich vorher selbst mit kaum zu rechtfertigenden Umwegen, unter fadenscheinigen Vorwänden gefahren, selten mehr als fünf Minuten brauchte. So konnte es ja nicht weitergehen!

Heute bin ich ein glücklicher Velopendler. In den über fünf Monaten, in denen ich das nun mache, habe ich sieben Kilo abgenommen, war nie erkältet, bin dynamischer und erfolgreicher im Beruf, habe Gesinnungsgenossen – ja, Freunde! –  kennengelernt, mit denen ich täglich im Peloton in die Stadt radle, bin ausgeglichener und geduldiger mit den
Kindern und ganz generell ein besserer Mensch. Zu Weihnachten habe ich beträchtliche Summen an mehrere wohltätige Organisationen überwiesen.

Das stimmt jetzt zwar alles nicht, ausser das mit dem Pendeln, aber es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ich mich sehr bald in diese Richtung entwickeln würde. Ein bisschen glücklicher bin ich tatsächlich. Ob das jetzt wegen dem Velofahren ist oder wegen dem schönen, neuen, sonnendurchfluteten Haus auf dem Hügel über dem Dorf , wer kan das schon sagen. Fest steht, dass es Spass macht, täglich eine Stunde auf dem Velo zu sitzen, und zwar ganz unhedonistisch, ganz legitim, um Brötchen zu verdienen, nicht aus Fitnesswahn oder falschem sportlichem Ehrgeiz. Keiner kann mir nämlich absprechen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, um meine Familie zu ernähren und meine Bank zufrieden zu stellen. Und das geht mit dem Velo fast genauso schnell wie mit dem Postauto.

Der Umzug war also ein voller Erfolg, so weit (keine Sorge, meiner Familie geht es auch ganz gut hier). Es kam sogar alles ein wenig besser, als ich es mir erhofft hatte. Mein Arbeitsweg ist nämlich viel schöner, als es die Bezeichnung „Arbeitsweg“ erwarten liesse. Ich fahre zweimal täglich durch Wälder, über Wiesen und Felder, durch eine echte und funktionierende Steinschlaggalerie (letzten Mittwoch lag allerdings ein 150-Kilo-Block VOR der Einfahrt zur Galerie, wau!), einem Stausee entlang, über einen Waffenplatz, durch den Industrie- und den Baumarktgürtel der Stadt und jeden Abend quer durch den täglichen Stau auf der Ausfallstrasse.

Unumwunden gebe ich zu, dass das immer ein besonderes Vergnügen ist: Durch die stehende Kolonne und ab auf die grosse Wiese, während die Autos nicht vom Fleck kommen. Das hat nichts mit Schadenfreude zu tun, sondern mit der ehrlichen Hoffnung, durch mein leuchtendes Beispiel den einen oder anderen Autofahrer wachzurütteln. „Du brauchst nicht jeden Abend hier Deine wertvolle Lebenszeit zu verschwenden!“ rufe ich den Opfern unseres Mobilitätswahns förmlich zu, „Das ist kein Schicksal, sondern Deine freie Entscheidung!“ Wenn ich so auch nur wenige hundert bis einige Tausend Autofahrer aufs Velo bringen kann, dann fahre ich gerne täglich und bei jedem Wetter mit dem Velo zur Arbeit. Dann mache ich die Welt ein ganz klein wenig besser, ich ganz allein, und dann bin ich wirlich ein besserer Mensch! Und der nächste Swiss Award wird mir sicher sein.

Sowas hat aber natürlich auch seine Schattenseiten, das ist klar. Nein, ich meine nicht die Kälte und Dunkelheit des alpinen Winters. Dagegen kann man sich im einundzwanzigsten Jahrhundert prima wappnen mit Membranen, Kondensatoren, Akkus oder Melkfett. Umsonst forschen ja nicht Tag und Nacht Heerscharen von Wissenschaftlern an neuen Materialien, Designs, Beschichtungen und Prozessen. Nein, ich spreche vom uralten Feind des Menschen, der Natur. Als Velopendler muss man ab und zu seinen Stolz der Vernunft opfern. Also wenn es Neuschnee, Glatteis oder sogar Salzmatsch hat, muss man zu all den anderen Pendlern ins Postauto steigen und gemeinsam mit ihnen ins Dunkel vor der Scheibe starren, das eigentlich ja nur so dunkel ist, weil im Postauto das Licht an ist. Aber auch solche Tage lassen sich verkraften mit der Hoffnung vor Augen, dass es bald wieder Wetter zum Radfahren ist. Oder es mindestens nur regnet und nicht schneit.

Nur eines ist nicht zu verkraften: Wenn man morgens durchs Schneetreiben vom Bus ins Büro kommt und ein Mitarbeiter – jedesmal ein anderer! – mit einem Grinsen im Gesicht, als ob er gerade die Fünfhunderttausend-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“ ganz leicht gefunden hätte, fragt: „Heute nicht mit dem Velo?“ Ich habe versucht, das mal mitzuschneiden mit meinem Handy, und dann hätte ich das hier laufen lassen können, aber das ist mir nicht gelungen. Wieso fragen die das denn? Habe ich jemals gelobt, ich würde jeden Tag meines restlichen Lebens mit dem Velo zur Arbeit fahren? Habe ich darauf eine Wette abgeschlossen? (Vielleicht haben das andere getan?) Bin ich ein Fitness-Missionar? Steht auf meiner Stirn „Vorbild“? Diese fiese Frage stellt dieselbe Art Leute, die mit dem gleichen Ton und dem gleichen Gesichtsausdruck gefragt haben „Oh, mit dem Flugzeug?“, als ich das letzte Mal Ferien in Übersee angekündigt hatte. Bloss weil ich mal eine Bemerkung über die Sinnlosigkeit von Wochenendtrips mit einem Billigflieger gemacht habe. Als ob das ein Widerspruch wäre. Nein, der Grund für diese aggressive, ja boshafte Frage ist: Rache. Sie wollen sich rächen dafür, dass ich ihnen während drei Vierteln des Jahres vor Augen führe – ganz ohne Absicht und ohne aktives Zutun! – wie schön das Zur-Arbeit-Gehen sein kann, und am Abend stellen sie sich wieder in den Stau oder nehmen auch bei drückender Hitze den Bus. Dabei könnten sie ja auch, wenn sie nur wollten!

Aber da steh ich jetzt drüber. Oder spätestens, wenn’s im Frühling wieder losgeht mit dem täglichen Velofahren. Ich bin halt echt ein besserer Mensch geworden, seit ich mit dem Velo zur Arbeit fahre. Wirklich. Probieren Sie’s aus!

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