Ich könnte ein anderer Mensch sein.

Wenn ich wollte, könnte ich eines Morgens aufwachen und sagen: „Ab heute wird alles anders.“ Dazu hat der Mensch seit der Aufklärung schliesslich seine persönliche Freiheit. Die Freiheit, seine genetische Veranlagung, seine Erziehung und alle anderen Umwelteinflüsse zu ignorieren und mich selbst neu erfinden. Wunderbar, nicht?

Ich könnte an einem beliebigen Morgen aufstehen und sagen: „Ab heute nehme ich das Auto, den Bus oder den Zug, um zur Arbeit, zum Einkaufen oder ins Kino zu fahren.“ Aber Velo fahren würde ich nicht mehr, denn das ist anstrengend, unbequem, gefährlich und manchmal sehr kühl.

Zum Glück gibt es momentan keinen Grund für mich, sowas zu tun. Ich würde zwar einen kleinen, vernachlässigbaren Teil zum Stau in der morgendlichen Rushhour beitrage, aber das würde mir niemand übel nehmen. Der tägliche Stau steht schiesslich nicht weit oben in der Liste der Dinge, welche die Menschen in der westlichen Welt beschäftigen. In den Mitteln des öffentlichen Verkehrs ist derzeit gerade recht viel Platz wegen Sie-wissen-schon, also würde ich auch da niemandem auf die Zehen treten. Schliesslich müsste nicht einmal mein Gewissen leiden: Velofahren rettet den Planeten nicht, wie wir erst kürzlich herausgefunden haben.

Aber: Ich wäre eben wirklich ein anderer Mensch. Wenn ich darüber nachdenke, was für ein grosser Teil meines Selbstverständnisses durch die Tatsache ausgemacht wird, dass ich viermal in der Woche eine halbe Stunde zur Arbeit radle, kommt das sogar mir selbst etwas seltsam vor. Morgens weckt mich der Fahrtwind gründlich auf, und der beginnende Tag wird in die rechte Perspektive gerückt. Abends fange ich gegen sechzehn Uhr an, immer wieder mal kurz den Kopf vom Bildschirm zu heben, aus dem Fenster zu sehen, und, unabhängig vom Bild, das sich bietet, mich auf die Heimfahrt zu freuen. Diese Freude hat nichts mit dem Ausgangspunkt der Fahrt zu tun oder mit deren Ziel. Ich werde gut behandelt bei der Arbeit, und das Wiedersehen mit Frau und Kindern begeistert mich jedes Mal über alle Massen.

Es ist die Fahrt selber, auf die ich mich eineinhalb bis zwei Stunden lang freue. Auf den Moment, in dem ich Ärger, Hindernisse, Pendenzen, offene Fragen, Müdigkeit und manchmal auch ein bisschen Langeweile hinter mir lasse und aus dem Parkplatz auf die Strasse rolle. Das ist Aufschnaufen, Durchatmen, Erleichterung, Bewegungstrieb. Neugier auf Wetter, Wind und Wolkenspiel. Vierzig Minuten lang mit dem Velo nach Hause fahren (da geht es aufwärts, weshalb ich etwas länger brauche als auf dem Hinweg) ist die grösstmögliche Abwechslung zu meinem Arbeitsalltag. Da gibt es Bewegung statt Sitzen, Gewissheit statt Herausforderung, Routine statt Brainstorming, schalten statt verwalten, Rückenwind statt Motivation. Kurz: Hingabe statt Aufgabe. Ich hoffe nun beinahe, mein Arbeitgeber liest diese Zeilen nicht, er könnte sie leicht missverstehen. Denn das Velofahren ist nicht etwas eine Flucht vor meiner Arbeit, sondern eine der Grundlagen dafür, dass ich sie gut erledige.

Wirklich: Auch wenn wir nicht wegen dem Pendeln aufs Land gezogen sind, danke ich meinem Schicksal jeden Morgen für jeden Kilometer, der vor mir liegt. Als wir noch in der Stadt wohnten, vier Velominuten von meinem Arbeitsort entfernt, wandte ich einiges an Kreativität auf, um immer neue Umwege zu finden. So verschaffte ich ich mir eine, manchmal zwei zusätzliche Minuten im Sattel und obendrein aufschlussreiche Beobachtungen entlang des Weges. Was wird wo gebaut? Blühen die japanischen Kirschbäume schon? Welcher Laden wurde neu eröffnet, welcher hat schon wieder dicht gemacht? Der alte Herr mit dem Jagdhund ist aber spät dran heute! Solche Umwege hatten ihren Reiz. Gleichzeitig nagte aber auch das schlechte Gewissen an mir, entweder meiner Familie oder meinem Geldgeber ein paar Minuten gestohlen zu haben.

Heute bin ich täglich rund siebzig Minuten mit dem Fahrrad unterwegs. Das sind, von Tür zu Tür, zehn bis zwanzig Minuten mehr als ich mit Bus oder Auto benötigen würde. Bloss weiss ich heute, dass ich nichts klaue und keiner was verliert. Eigentlich gewinnen alle, denn ich bin dank dem Arbeitsweg mit dem Velo für alle, im Büro und zu Hause, leichter zu ertragen. Ich wäre ein anderer Mensch sonst. Dass mich die tägliche Radlerei gesünder, fitter macht? Die Umwelt schont? Mag sein, aber das sind nur positive Nebeneffekte, vernachlässigbar gegenüber dem Spass, dem Erlebnis und der Zufriedenheit, die mir das Velofahren gibt.

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