Vielleicht erleben wir doch gerade einen Veloboom.

Wie immer, wenn in unserem Land über etwas abgestimmt wird, das mich einigermassen beschäftigt, verbrachte ich den vergangenen Sonntagnachmittag ausser Haus mit Velofahren, um mich nicht mit der kindlich-naiven Hoffnung quälen zu müssen, dass doch noch eine Allianz der Vernünftigen zusammenkommt und die ersten, zweiten und dritten Hochrechnungen lügen straft. Lieber nehme ich mit Schrecken das Ergebnis zur Kenntnis, wenn ich zurück komme und es einigermassen feststeht, als dass ich stundenlang nervös zwischen Kühlschrank und Smartphone hin und her tigere. Die Burka-Verbotsinitiative der SVP („Spontan Vür Pfrauenrechte“) wurde jedenfalls angenommen, und nun geht es an deren Umsetzung. und hier kommt es zu einer handfesten Überraschung. Das SVP-Burkaverbot taugt ja doch was! Aus der Sicht von uns Velofahrer*innen ist unter anderem zu klären, ob ein Velohelm in Kombination mit einer Sport-Sonnenbrille schon als Verhüllung gilt. Ich persönlich würde das begrüssen. Dann wären die ewigen Diskussionen über ein Velohelm-Obligatorium endlich vom Tisch. Leuchtwesten sollten genauso unter das Verhüllungsverbot fallen.

Das Schlimmste Erlebnis am heutigen Abstimmungssonntag war enaber nicht die Resultate, sondern die ZUstände auf dem Radweg, auf dem ich vor ersteren flüchten wollte. Ich habe zwar beides kommen sehen, aber am Ende ist man ja auch bei angekündigten Katastrophen etwas durcheinander. Der Radweg war komplett überlaufen. So wie fast die ganze Strecke, die ich in den hundert Minuten abseits von Strassen zurückgelegt habe. Überlaufen mit Velofahrer*innen aller Couleur und ebensolchen Fussgänger*innen, Spaziergängergrossfamilien, Walkern, Nordic Walkern, Mountainbikern, Velokinderförderern, E-Bike-Jüngern und vor allem auch -ältern, Skater-Pärchen, Joggern, Maskenverweigerern (denn der Radweg musste zu der Zeit eindeutig als „belebte Fussgängerzone“ im Sinn der BAG-Empfehlung betrachtet werden) – alle waren sie da. Das Velo, auf dem ich sass, ist, in Übereinstimmung mit dem Strassenverkehrsgesetz, nicht mit einer Glocke ausgerüstet. Ansonsten wäre diese jetzt zu Pulver zerklingelt, so vielen Mitbewerbern um etwas Asphalt musste ich mein Kommen ankündigen. Das Phänomen, dass Ende Winter der letzte Frischluftmuffel einen unwiderstehlichen Drang zu frischer Luft verspürt, ist seit Langem bekannt und gut untersucht. Aber es ist jetzt noch nicht Ende Winter, und heute ging erst noch eine fiese Bise!

Für uns bei velopflock kommen drei Hypothesen als Erklärung für die derzeit zu beobachtende Menschenschwemme auf Fuss- und Radwegen in Frage:

  1. Durch die anhaltende Pandemie wird den genannten Frischluftmuffeln bewusst, dass sie schon ihr Leben lang Frischluftmuffel waren, und indem sie ins Freie stürmen, versuchen sie, die Götter milde zu stimmen und sich einer drohenden Covid-Infektion zu entziehen. So, wie man sich in katholischen Kreisen durch Zuwendungen an den Pfarrherrn gern der Verdammnis in der Hölle zu entziehen sucht. Daher wird dieser Ansatz die „Ablass-Hypothese“ genannt.
  2. Weil es heutzutage Velos mit elektrischem Antrieb gibt, können sich auch der Frischluftmuffel und sein Vetter Bewegungsphobiker draussen bewegen, ohne ihr Gesicht, ihren blassen Teint oder Teile ihres Übergewichtes zu verlieren. Da sich praktisch keiner mehr getraut, ein Velo ohne Antrieb zu kaufen, ist der Einstieg in diese Szene sehr niederschwellig: einer macht’s dem andern nach. Wir nennen diesen Ansatz also die „Lemming-Hypothese„.
  3. Wir erleben gerade einen Velo-Boom. Dies ist die abenteuerlichste Erklärung. Wir bezeichnen sie daher als „Indiana-Jones-Hypothese„.

Zur Ablass-Hypothese: Solches Verhalten wurde in der Tat schon beobachtet. Doch Menschenmassen und Katholiken, das ging noch zusammen zu Zeiten von Papst Johannes Paul II, aber nicht mehr heute, wo es in den Kirchen zusehend einsamer wird; die Hypothese wird verworfen.

Zur Lemming-Hypothese: E-Bikes vermehren sich wie Karnickel, sind aber bei weitem nicht so niedlich:

Die Population an E-Bikes bzw. deren Absatzzahlen sind seit Jahren stark im Steigen begriffen, während überlaufene Radwege erst seit dem Frühjahr 2020 gehäuft auftreten. Die Lemming-Hypothese erklärt unsere Beobachtungen also auch nicht und wird ebenfalls verworfen.

Es bleibt die Abenteurer-Hypothese bzw. die Frage, ob das ein Veloboom ist, was wir derzeit in Sachen Radwegbenützung, Fahrrad-Verkaufszahlen und Medien-Aufmerksamkeit erleben. Die Ansicht von velopflock dazu konnte unlängst dem Interview mit Redaktor Paul Tamburin entnommen werden: Die derzeit zu beobachtende Über-Velomobilität ist einerseits einem Lifestyle-Trend geschuldet und andererseits eine Pandemie-Schutzmassnahme. Trends und Pandemien klingen irgendwann ab (doch!), und dann ist die ganze Herrlichkeit vorbei.

Ob wir gerade einen Veloboom erleben oder nicht, ist unter Fachleuten nicht unumstritten. Gerade eben habe ich beispielsweise Jack Thurston (Buchautor und Macher des Podcasts The Bike Show) und Carlton Reid (Buchautor und Macher des Podcasts The Spokesmen) zugehört, wie sie diese Frage diskutiert haben (hier geht’s zu der Folge von The Bike Show – nicht verpassen!). Wir bei velopflock meinen: ein Veloboom ist weder das, was wir seit etwa vier Jahren erleben, noch das, was seit Ausbruch der Pandemie abgeht. Ein gern zitiertes Attribut eines Velobooms sind immer die Absatzzahlen der Industrie. Diese sind im letzten Jahr tatsächlich durch die Decke gegangen. Wenn aber verkauft wird, was in den Schaufenstern steht, dann sind das mehrheitlich Sportgeräte. Die Zahlen des Branchenverbands werden das zweifellos bestätigen. Und mit einem teuren neuen Sportgerät fährt niemand zum Bahnhof. Mit einem Rennvelo fährt niemand zur Arbeit. Mit einem E-Mountainbike bringt niemand seine Kinder zur Krippe oder rollt neben ihnen zum Schwimmbad.

Von einem Veloboom können wir dann reden, wenn die Staus auf der Strasse einmal zurückgehen und sich auf die Radwege verlagern, und zwar nicht nur im Juni bei 18 Grad am Morgen und 26 Grad am Abend, sondern auch im Oktober bei Nebel und zwölf Grad. Wenn Kinder und Jugendliche in Scharen zur Schule pedalen, weil sie das wollen und können – nebeneinander auf einem breiten und sicheren Radweg, plaudernd. Wenn vor dem Supermarkt mehr Velos als Einkaufswägelchen stehen. Wenn auch elegant gewandete Menschen für den Weg zum Restaurant das Velo benutzen. Wenn Firmen ihren Angestellten ein Alltagsvelo zu Vorzugskonditionen besorgen. Wenn das Gewerbe in den Innenstädten seine Ware überwiegend durch Lastenräder angeliefert bekommt. Und wir alle unsere Paketpost. Wenn auf Radwegen Auto-Übergänge gibt statt Fussgängerstreifen auf Strassen. Nicht zuletzt: Wenn Velofahrer*innen von Anfang bis Ende ihrer Reise auf breiten, übersichtlichen Wegen ohne Ecken und Randsteine, Holperer und Stoppstrassen, Lärm und Unfallgefahren unterwegs sind. Weil die Städte und die Verbindungen zwischen ihnen für den Fuss- und Veloverkehr gebaut sind und das Auto nur einer von mehreren gleichberechtigten Verkehrsträgern ist.

Also müsste die Abenteurer-Hypothese klar verworfen werden. Überprüfen wir aber die Definition von Veloboom, so taugt sie doch was. Das geben wir nur ungern zu, aber was sein muss, muss sein. Auf Wikipedia gibt es nur eine wirtschaftswissenschaftliche Erklärung des Begriffs „Boom“. Die geht so:

„[…] Als expansive Phase bezeichnet man die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie ist geprägt durch steigende Auftragsbestände und Produktionen, das Sinken der Arbeitslosenquoten, eine tendenziell wahrnehmbare jedoch noch geringe Preissteigerung. […] In der Phase der Hochkonjunktur (obere Wendepunktphase, Boom) sind aufgrund von starker Nachfrage die Kapazitäten einer Wirtschaft voll ausgelastet. […] Die Produktion wird so lange gesteigert, bis eine Überhitzung des Marktes eintritt […] Man spricht hier von Marktsättigung. […] Von nun an nimmt das Bruttoinlandsprodukt zwar noch weiter zu, jedoch mit sinkenden Wachstumsraten. Die Phase des Abschwungs wurde eingeleitet.

Also gut: wir erleben derzeit einen Veloboom. Und ein Boom ist, kurz gesagt, ein zeitlich beschränkter starker Anstieg von etwas, was am Ende wieder nahe des Ausgangszustandes ist. Bloss, wenn wir alle diese Bedeutung von Veloboom meinen: was ist dann Gutes dran an einem „Veloboom“? Ich glaube, ich werde präventiv schon mal depressiv.

Ein Gedanke zu “Vielleicht erleben wir doch gerade einen Veloboom.

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