Die grossen Fragen zum Beginn des Jahres

So, die Fresstage sind vorbei, Radfahren vielerorts unmöglich wegen dem Schnee. Also können wir uns der Jahreszeit entsprechend auf Wichtigeres konzentrieren: das Trinken.

Mancherorts verfallen die Menschen neben dem Trinken gleichzeitig dem Brüten von Gedanken, gerne auch Philosophieren genannt. Und da sowohl Jahresrückblicke als auch gute Vorsätze mittlerweile zum Glück passé sind, kann man sich den grossen Fragen des Lebens widmen. Welchen Lebens denn, fragt man sich am besten, bevor man losphilosophiert: jenes der Spezies Mensch? Der postfaktischen Gesellschaft? Oder einfach seiner eigenen, ärmlichen Existenz? Und schon sind wir mittendrin in den grossen Fragen. Eine kleine, spontan getroffene Auswahl an existenziellen Problemen, die einem veloaffinen Menschen einfallen könnten.

  1. Wieso sehen alle Fahrräder gleich aus? Zugegeben, seit einigen Jahren gibt es neben Tandems auch Cargo-Bikes oder solche mit verlängertem Hinterbau. Auch wer ein Liegerad fährt, muss höchstens noch in Nordamerika mit gewaltsamen Übergriffen rechnen, hier in Europa nicht mehr. Trotzdem: Alles Nischen. Die allermeisten Fahrräder sind Rennräder oder Mountainbikes mit mehr oder weniger oder gar keinem angeschraubten Zubehör. Es kommt einem vor, als ob technische Innovationen nur noch zur Umsatzsteigerung der Industrie dienen, und nicht dem Nutzen oder dem Komfort des Fahrers. Was nicht von der grossen UCI (die Velo-FIFA) in ihren Normen (welche High-Tech-Sportgeräte beschreiben) den Segen kriegt, wird auch für uns Alltags- oder Hobbyfahrer nur ausnahmsweise, in minderer Qualität und schmalem Angebot hergestellt. Wer weiss, was das Velo noch alles könnte, wenn es nicht ständig von den Rennvögten gefesselt würde? Offenbar war das schon immer so, aber das ist nur ein schwacher Trost:

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    Meldung aus dem Radmagazin Radl-Wadl Nr. 5 (2015).
  2. Ist es verantwortungslos, ohne Helm Velo zu fahren? Eine Frage, die sich heutzutage eigentlich niemand mehr stellt. Wird sie doch mal gestellt, tippt sich die grosse Mehrheit an die Stirn, ruft: „Was soll die Frage? Natürlich ist das verantwortungslos! Wer will schon jung sterben?“ und denkt:“Wenn der [Fragende] mal bloss keine Kinder hat…“ Der immer kleiner werdende Rest tippt sich an die Stirn, ruft: „Was soll die Frage? Natürlich ist das verantwortungslos! Wer will schon jung sterben?“ und denkt:“Wenn ich dem [Fragenden] jetzt unter die Nase reibe, dass ich den Helm nur anziehe, wenn ich in der Stadt oder über Stock und Stein fahre, lässt der mich glatt wegsperren, und meine Kinder werden mir mit Sicherheit weggenommen.“
  3. Würde ich mir ein einziges Mal eine Spritze EPO setzen (angenommen, eine einzelne Dosis hat überhaupt eine Wirkung), um ganz für mich allein mal so richtig mit Power und Genuss, ohne Qual, eine anspruchsvolle Steigung hochzufahren, zum Beispiel den Tourmalet? Die Jedermann-Sportler, die an Wettkämpfen wie „Rund ums Zecklendorfer Moor“ oder „Die sechzig Minuten von Affeltrangen“ oder „Schöftländer Hopfenbräu-Trophy“ teilnehmen, beantworten diese Frage selbstverständlich mit einem empörten Nein; sie sind für ihre Rennen sowieso bis obenhin voll mit leistungssteigernden Substanzen aus dem Internet und haben sowas wie einen einzelnen Schuss EPO nicht nötig. Was aber ist mit den Genussfahrern, Pass-Sammlern oder alternden Randonneuren? Der Schreibende zählt sich so ungefähr zu einer dieser Gruppen und sagt offen: Aber klar doch! Ich betrüge ja nicht, und für einmal schnell den Berg hochfahren, als ob ich fit wäre, ist doch ein Spass, der erlaubt sein muss. Billiger als ein E-Mountainbike ist ein Schuss EPO ja sicher auch.
  4. Wie kriegen wir das Fahrrad aus der Ecke der Sportgeräte? Die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Menschen in folgendes Geheimnis eingeweiht wären: Mit einem Velo kann man – als Mittel zum Zweck! – von A nach B gelangen. Nicht der Fitness halber, nicht, um sich in eine bestimmte soziale Gruppe zu integrieren, nicht, um auf Strava jemanden zu beeindrucken, nicht, um Standschäden am Carbonrahmen vorzubeugen. Sondern einfach so, weil es häufig schneller geht, meistens billiger ist und immer mehr Spass macht, als dieselbe Strecke zu Fuss, mit dem Auto, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar nicht zurückzulegen. Wie bloss verbreitet man diese ebenso frohe wie simple Botschaft? Vielleicht einfach, indem man Velo fährt. Das Leben ist manchmal ganz schön einfach.

    20170110_155337.jpg
    Das Velo in der Sportgeräte-Ecke.

Nun haben wir ein ganzes Jahr Zeit, an den Antworten zu feilen. Für den hilfreichsten Hinweis je Frage ist eine Feile als Belohnung ausgesetzt.

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2 Gedanken zu “Die grossen Fragen zum Beginn des Jahres

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