Die Liebe zum Velo in Zeiten des Internets

Die Aktion bike to work, mit der Pro Velo Schweiz jährlich Zehntausende zum Velopendeln animiert, ist eben zu Ende gegangen. Zufällig passend dazu hat ein Veloladen aus Chur ein Video fabriziert, das zeigt, wie man auch zur Arbeit fahren kann. Das Video geht so (hier der Link zum Video, falls es nicht sichtbar ist):

Wunderbar, oder? Ich jedenfalls würde dem Herrn aus dem Schlafsack mein Velo jederzeit zur Reparatur anvertrauen. Das Video hat mich neugierig gemacht, und ich habe den Laden besucht. Es ist ein kleinerer Laden am Rand der Altstadt. Vollgestellt mit Velos, mehr Werkstatt als Verkaufsladen. Der Geruch von irgendwas, was Velomechaniker brauchen, um ein Velo zu warten, liegt in der Luft. Im hinteren Teil des Ladens drei Arbeitsplätze. Im Angebot sind hauptsächlich Alltagsvelos, daneben Cargobikes und einige Mountainbikes. Wer das grossartige, einmalige und epochale Buch „Das Geheimnis des Fahrradhändlers“ von Sempé kennt, kann sich das Geschäft und die Philosophie dahinter vielleicht vorstellen.

Das Gehemnis des Fahrradhändlers
Sempé: Das Gehemnis des Fahrradhändlers

Ich will aber gar keine Werbung machen hier. Jedenfalls scheint das ein Laden zu sein, in dem der Kunde das Velo kriegt, das er braucht und das zu ihm passt. Und nicht eins, das er im „Bike“ gesehen hat oder eins, das etwas besser ist als das seines Nachbarn. Oder irgendeins, das halt aus Karbon ist und cool glänzt.

Über solche Läden wurde hier schon mehrmals geschrieben. Wenn bald mal richtig viel Leute in den Vor- und Innenstädten im Alltag Fahrrad fahren sollen, um die Verkehrsprobleme der Städte etwas zu lindern, dann geht das nicht ohne solche Läden. Quartierläden um die Ecke, die einem auch mal kurz einen Platten flicken oder jenen Gepäckkorb an Lager haben, in den der 17-Zoll-Laptop reinpasst. Wo man unter „Veloglocke“ eine Art nützliches Klanginstrument versteht, dessen Aussehen seinem Klang in nichts nachstehen darf. Wo es Helme zu kaufen gibt und nicht bloss Kopfprotektoren. Wo Velos als Lösung einer Aufgabe gesehen werden (diese Aufgabe kann durchaus heissen: Spass haben) und nicht als Accessoire oder blosses Trainingsgerät. Ihr wisst, was ich meine.

Nun leben wir aber im Internetzeitalter. Ob das ein Fluch ist oder ein Segen, das ist nicht das Thema dieses Blogs. Wir alle nutzen das Internet wie wild, weil es so vieles kann oder einfacher macht. So wie Konsumieren. Nichts, was man nicht im Netz bestellen kann. Und dann diese Auswahl! Weil das so praktisch – und auch so unglaublich billig! – ist, haben wir in den letzten Jahren ganz viele Plattenläden weggeklickt. Eigentlich so ziemlich alle. Dann waren Buchläden dran, Zeitungskioske und Reisebüros. Und vielleicht als nächstes die Fahrradläden. Denn im Internet kann man ja alles nachlesen über alle Modelle, jedes mit jedem vergleichen, vielleicht sogar mit Kundenbewertung, unter verschiedenen Optionen für alles Mögliche auswählen und dann bequem mit Kreditkarte bezahlen. Einzig den riesengrossen Karton muss man am Ende selber wegbringen, aber das ist zu verkraften.

Falsch gedacht. Ein Velo muss man persönlich kennen lernen, wenn es zu einem passen soll. Man muss es schieben, sich draufsetzen, es hochheben, drücken, dran schnuppern, ihm zuhören, es probefahren, die Rahmenfarbe bei Tageslicht anschauen, rundherum gehen, es anfassen, beklopfen vielleicht, auf beide Seiten absteigen zur Probe. Was auch immer man braucht, um das Velo zu spüren und sich vorzustellen, wie man sich mit ihm vertragen wird, ob überhaupt. Schliesslich wird man, gewöhnlichen Gebrauch vorausgesetzt, ganz schön viel Zeit mit ihm verbringen (generell immer zu wenig). Eine Bestellung im Internet wird deshalb zur riesengrossen Wundertüte, und das im wörtlichen und im bildlichen Sinn. Schlaumeier gehen vielleicht in einen Laden, zucken dann mit den Schultern und eilen nach Hause, um das betreffende Velo im Netz zu bestellen. Das ist erstens unter aller Sau und zweitens kurzsichtig. Denn nur von Reparaturen kann kein Veloladen auf Dauer leben, und dann stehen wir plötzlich ohne Fahrradladen um die Ecke da, dafür mit einem kaputten Fahrrad. Dass das ganze Geld beim Internetkauf ins Ausland abgeflossen ist und irgendwann vielleicht auch mal für die Zahlung unseres eigenen Lohnes fehlen wird, davon wollen wir hier gar nicht mal reden.

Gewiss, im Internet mag ein Velo günstiger zu haben sein. Es ist aber immerhin ein Gebrauchsgegenstand, der solche wichtigen alltäglichen Aufgaben wie den Transport seiner Eigentümerin zur Arbeit, ins Kino oder zum Angebeteten zu übernehmen hat. Wer dabei auf einige Prozent Einsparung angewiesen ist, der sollte sich vielleicht einfach ein passendes Gebrauchtrad suchen. Solche gibt es nämlich in grosser Zahl und guter Qualität, weil vom Fachmann überholt und zurcht gemacht. Zum Beispiel beim Fahrradhändler um die Ecke. Suchen Sie doch einen im Internet!

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Ein Gedanke zu “Die Liebe zum Velo in Zeiten des Internets

  1. Solche Aktionen finde ich immer wieder gut. In meinem Wohnort ist letztens auch mit einer Aktion dazu aufgerufen worden, doch mit den Rad zu fahren oder auch der Arbeitgeber hat sowas schon die Aktion gestartet mit dem Fahrrad doch zur Arbeit zu kommen.

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