Route 66 – Walk of Frame

Rückschau: Die alte Dame lag vollständig entblösst vor mir und ich stellte mir vor, sie würde Dinge fragen wie «Und jetzt? Was machst du jetzt mir mir? Gefalle ich dir so?» Fragen über Fragen; gute Fragen. Die weniger gute, dafür einzige Antwort auf alle Fragen war: «Äh, weiss ich nicht so recht. Mal sehen.» Ich befürchtete, keine bessere Antwort zu finden, und dass die alten Knochen der Route 66 langsam und unaufhaltsam wieder in die dreckige Ecke zurückwandern würden. Immerhin könnte ich sie dann dort im nächsten Jahrzehnt wieder entdecken und meiner Freude darüber in diesem Blog freien Lauf lassen. Obwohl, vielleicht, wenn ich doch jetzt gerade so im Liebesrausch bin, könnte ich doch eigentlich… oder?

Nix da «könnte» und «eigentlich»! Ich gab meinem Herz einen Ruck fällte folgende Beschlüsse:

  • Die geplante Teilnahme am Rahmenbaukurs beim örtlichen Velorahmenbauerguru wird gestrichen (das hätte ganz nebenbei auch etwa die Hälfte vom monatlichen Familieneinkommen vernichtet). Anstelle davon arbeite ich an der Verjüngung der alten Dame!
  • Das nicht mehr ganz moderne Mountain Bike, das seinen Platz neben der alten Dame hatte, dient als Teile-Donor für die Wiedergeburt der alten Dame. Ich bin das Bike schon seit Jahren nicht mehr gefahren. Und als es neu war, habe ich es auch nicht besonders viel benutzt. Das Material ist also noch ganz gut im Schuss!

Somit: Ich habe also einen Satz Laufräder, das Cockpit, und einen Satz Scheibenbremsen für den Wiederaufbau der alten Dame bereits zur Hand – alles gratis und fast neu. Vor meinem inneren Auge zeichnet sich schon ein ziemlich konkretes Bild der Reinkarnation der Route 66 ab!

Aber halt: Scheibenbremsen? Die alte Dame wurde Ende des letzten Jahrtausends geboren, da hatten Tourenvelos einfach keine Scheibenbremsen. Heutzutage schleife ich zum bremsen allerdings nur noch ungern die Felgenflanken ab. Es bleibt also also nur der Gang zu Wim Kolb. Wim ist ein kundiger Rahmenbauer und verpasst der Route 66 hinten und vorne einen Satz Bremsaufnahmen.

Für die Bremshalter-Operation muss allerdings der Lack ab. Macht aber nichts, weil das Make-Up der alten Dame sowieso nicht mehr ganz frisch ist. Nachdem Wim die Lötstellen für die Bremsaufnahmen bereits vom Lack befreit hat, versuche ich den Rest mit einer Drahtbürste zu entfernen, mit der Flex natürlich (ist mein allerliebstes Werkzeug – laut und stark!). Nach einigen Wochenenden in der Garage wird aber klar: das Make-Up ist zäher als die Drahtbürsten, von denen ich einige verbrauche. Auch diesmal bleibt nur der Gang zu jemandem mit mehr Möglichkeiten; diesmal sind es die harten Jungs vom Gfellergut. Dort traktiert man die Route 66 mit einer Sandstrahlmaschine. Aber die alte Dame wehrt sich energisch, und schliesslich geht die Sandstrahlmaschine kaputt. Erst nach längeren Reparaturarbeiten ist das Make-Up entfernt, und ich kann sie endlich abholen.

DSC03461

Natürlich haben mich die Rahmenarbeiten ausserhalb meiner Garage sehr interessiert. Etwas unerwartet war für mich jedoch, dass die Ausflüge mit der alten Dame auch von einer äusserst faszinierenden Stimmung begleitet waren, die ich nur schwer erklären kann. Aber, liebe Leser: spaziert einmal mit einem Velorahmen durch den Alltag. Setzt euch damit ins Tram. Stellt euch mit dem Rahmen in die Warteschlange vor dem Postschalter. Legt den Rahmen in der Migros an der Kasse kurz auf das Laufband, damit ihr die Hände zum Bezahlen der Ravioli frei habt. Ihr werdet sehen: Walk of Frame!

Weiter zum 3. Teil

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