Wie ich lernte, das Zuckersäcklein zu lieben.

Auf einem Zuckersäcklein, wie man es in einem Café gereicht bekommt, las ich unlängst eine tiefe Weisheit:

"Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter."

Wie würde ich denn den letzten Tag in meinem Leben verbringen wollen? Das ist gar keine einfache Frage. „Velofahren!“ kam mir unverzüglich in den Sinn, ich verwarf den Gedanken aber wieder. Ich fahre ja schon fast jeden Tag Velo, und an meinem letzten Tag werde ich sicher einiges anderes zu tun haben, was ich noch nicht gemacht habe bisher. Irgendwie schuldet man doch seiner nächsten Umgebung, dass man nicht so tut, als ginge nachher alles gewöhnlich weiter (obwohl ich persönlich den Verdacht hege, das tut es doch, wenn ich nicht mehr da bin). Ich würde also liebe Menschen besuchen und tränenreich von ihnen Abschied nehmen. Davor stellte ich wohl noch eine Menge Sachen auf die Strasse, zum Mitnehmen, und spendete einen Teil meines nicht eben beträchtlichen Vermögens an wohltätige Organisationen. Dazu Testament schreiben, Komposteimer nochmals leeren. Vielleicht jemandem ordentlich die Meinung sagen, dem ich schon immer ordentlich die Meinung wollte. Alle Velos nochmals pumpen, damit die Reifen keinen Schaden nehmen, bis jemand auf den Gedanken kommt, die Velos zu verkaufen und das Geld in eine tolle Ferienwohnung zu investieren.

So weit, so gut. Nur kann ich ja nicht, wie das Zuckersäcklein dies verlangt, jeden Tag meine Sachen verschenken und die restliche Zeit heulen und Menschen drücken. Das wäre viel zu anstrengend, ich müsste ständig trinken, um die ganze Tränenflüssigkeit zu ersetzen. Ich käme in Konflikt mit meinen Nachbarn, die jeden Abend meinen ganzen Ramsch auf dem Trottoir vorfinden würden.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, kommt es mir besonders unpassend vor, bei meinen Lieben täglich auf Abschiedstournee zu gehen. Es besteht zum Glück eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass der eingangs erwähnte Spruch sozusagen ein Gleichnis ist und der Interpretation bedarf. Vermutlich – welch schöner Zufall! -ist der Spruch eigentlich aufs Velofahren gemünzt. Als die Zuckerindustrie dieses Gleichnis kaperte, um es für ihre Säcklein zu missbrauchen, musste sie es natürlich anpassen, da sie ein viel grösseres Ziepublikum ansprechen möchte als nur Velofahrerinnen. Diese brauchen Zucker sowieso in ganz anderen Quantitäten als Zuckersäcklein sie aufzunehmen imstande sind. In seiner Urfassung, das ist leicht zu erkennen, wenn man ein Fahrrad besitzt, muss der Satz geheissen haben:

"Geniesse jede Velotour, als wäre es die letzte für eine lange, dunkle Zeit. Und vergiss dabei die Handschuhe nicht!"

Das leuchtet jetzt doch schon viel mehr ein? Das lässt sich leicht nachvollziehen, und das sollte man auch tun. Besonders im Spätherbst und Frühwinter. Jede Ausfahrt mit dem Velo kann die letzte vor dem eigentlichen Winter sein, wenn Schneefall, Eisglätte und ganz tiefe Temperaturen nahelegen, sich und sein Velo lieber ein bisschen zu pflegen statt zusammen rauszugehen.

Natürlich ist es das ganze Jahr über töricht (kommt von „Tor“ wie „Röhricht“ von „Rohr“), Velo zu fahren, ohne es zu geniessen. Zwar ist Velofahren für viele unter uns nicht mehr als eine Alltagshandlung, so wie Zähneputzen, Schuhe binden oder Briefmarken ablecken. Was soll es daran zu geniessen geben? „Die Zeit vom Auf- bis zum Absteigen!“ sagt der Tor, der sich an den kleinen Dingen im Leben erfreut. Wie Recht er hat!

Dennoch liegt ein besonderer, bittersüsser Genuss im Velofahren, wenn der Winter naht. Bitter wie das letzte M&M’s in der Tüte. Süss wie der Hidden Track auf dem Album, den nur jene zu hören kriegen, die Geduld haben und nicht gleich zum nächsten Thrill skippen. Diese Erkenntnis führt zwangsläufig zur Frage: Kann man den Genuss von so etwas unglaublich Erhebendem wie Velofahren überhaupt intensivieren, ohne zu unerlaubten Substanzen zu greifen (Sie schlimmer Finger, Herr Hoffmann!)? Und ob. Man fährt zum Beispiel endlich eine Strecke, die man schon immer fahren wollte, es aber doch nie getan hat. Man gibt sich, sofern es sich um sportliches Velofahren handelt, mit einer kürzeren Strecke zufrieden, die dafür an einer besonders schönen Stelle vorbeiführt, und bleibt dort auch mal stehen.

(Offensichtlich ist dieses Bild nicht im Frühwinter aufgenommen worden. Aber angehalten hatte ich!)

Oder man wählt eine Stichstrasse, was von vielen Radfahrern als langweilig angeschaut wird, aber durchaus lohnend sein kann. Oder einfach: man fährt bewusst, achtsam. Wer sich im Klaren ist, dass er das letzte M&M zwischen den Fingern hält, geniesst es umso mehr. Da hat der alte Zuckersack eben schon Recht.

Vor wenigen Wochen, auf einem weiteren möglicherweise letzten Ausflug mit dem Velo, wollte ich wieder einmal eine Runde fahren, die mir seit vielen Jahren wegen der Aussicht in bester Erinnerung geblieben war. Ich torkelte also eine Forststrasse in einem Schattenhang hoch. Vom zweiten Teil, der Abfahrt, erhoffte ich mir viel wärmenden Sonnenschein und viel Aussicht. Im Aufstieg aber fiel mir erst einmal wieder ein, weshalb ich die Strecke seit Jahren gemieden hatte: Sie ist verflucht steil. Stellenweise musste ich mich, um noch ein Minimum an Momentum zu behalten, weit über den Lenker hinaus nach vorne lehnen. So weit, dass mein Becken auf der Lenkertaschen zu ruhen kam. Das war durchaus angenehm, dafür verhedderte sich meine Zunge beinahe in den Speichen des Vorderrads. In dieser Position verlor ausserdem der Hinterreifen seine Bodenhaftung, und ich konnte einen Sturz nur noch mit viel Glück verhindern. Die Aussicht ganz oben aber, die war immer noch da:

Obwohl die ganze Tour bloss eineinhalb Stunden dauerte, war sie ein einziger Genuss. Und das alles nur dank dem Gleichnis auf dem kleinen Zuckersäcklein! Dessen bewusst, kehrte ich auf dem Rückweg in einem Café ein und hoffte, noch mehr Weisheit vom Zucker zu gewinnen. Nun weiss ich immerhin, dass der Kanton Jura ganz oben links gelegen ist und seine Hauptstadt Delémont [dölemong] heisst.

Das allwissende Internet weiss noch mehr, nämlich wer der Urheber der Weisheit „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.“ ist. Es war kein geringerer als der Römer Pubilius Syrus. Er lebte im letzten Jahrhundert vor Christus und war unter anderem Possenschreiber.

Auch Muhammad Ali, bekanntermassen der Grösste, kannte übrigens die Weisheit des alten Pubilius. Er war in der glücklichen Lage, sie um eine kleine Ergänzung erweitern und ihr etwas mehr Sinn einzuhauchen zu können: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Irgendwann wirst du Recht behalten.“ Dem gibt es nun nichts mehr hinzuzufügen, oder?

Der Grösste lebt gerade präventiv seinen letzten Tag. Er bekam damals nicht Recht, wie wir heute wissen. (Bild: (c) Thomas Hoepker, 1966))

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