Das Velofahren muss inklusiver werden.

Emily Chappell ist eine englische Ultradistanz-Velofahrerin, Bloggerin Buchautorin und ehemalige Velokurierin. Auf den sozialen Medien, zum Beispiel auf Instagram (@emilyofchappell), ist sie recht aktiv mit Berichten über ihre Touren, Rennen, Lesungen und insbesondere zu Themen der LGBTQ-Community. Am 20.10.2021 hat sie mit einem Instagram-Post einiges ausgelöst an Likes und Kommentaren. Im Text zu einem Landschaftsbild mit Radfahrerin, aufgenommen irgendwo zwischen Turin und Nizza, erzählt sie, wie sie sich während des Langdistanz-Rennens Torino-Nice Rally unwohl und deplaziert gefühlt hat, und zwar wegen ihres Körpers.

Nach eigenen Angaben ist sie zwischen 75 und 80 kg schwer. Sie versuchte, auf Gruppenfotos hinter anderen zu stehen und das offenbar obligate Bad im Meer am Ziel zu vermeiden. Neben 2638 Likes (sind das viele? Nach unseren eigenen Erfahrungen sicher, aber was heisst das schon…) wurden 269 Kommentare abgegeben, die in der Überzahl dankbar waren und von Frauen kamen, die dasselbe fühlen. Das Thema Körpergewicht hat sie nicht zum ersten Mal auf Instagram zur Diskussion gestellt:

Nun muss man sich vor Augen halten dass Emily Chappell keine Neulenkerin ist. Sie war, wie erwähnt jahrelang Velokurierin in London, radelte 2011 solo von Wales nach Peking und gewann 2016 das Transcontinental Race, ein weiteres „unsupported“ Radrennen von London nach Istanbul. Sie ist Mitbegründerin des Adventure Syndicate, einer losen Gruppe von engagierten Velofahrerinnen. Ein grosses Anliegen dieser Gruppe ist es, insbesondere Frauen und Minderheiten das Velofahren näher zu bringen. In ihrem Blog schrieb sie einmal, wie sehr sie die Warnungen, gut gemeinten Ratschläge und besorgten Fragen nerven, wenn sie alleine mit dem Velo durch aller Herren Länder tourt. Die meisten Gewaltverbrechen an Frauen, schrieb sie, passieren immer noch im Familien- und Freundeskreis, warum also soll sie zu Hause bleiben und warten, bis sie stirbt? Sie ist also, kurz gesagt, keine, der man etwas vom Velofahren erklären muss. In ihrem Post schreibt sie weiter, dass die Veloindustrie – von der sie übrigens durch Sponsoring entlöhnt wird – mehr Wert auf Diversität legen sollte, damit in Werbekampagnen für Produkte und Anlässe Leute aller Farben und Formen vorkommen und sich möglich viele Menschen in der Welt des Velos willkommen fühlen.

Die Erwartung, dass sich – beispielsweise – übergewichtige, untrainierte Menschen am Start eines Ultralangdistanz-Velorennens pudelwohl und gut aufgehoben fühlen, ist selbstverständlich etwas weltfremd. Aber darum geht es ihr gar nicht. Sie wünscht sich, dass alle Menschen, die das gern möchten, auf irgendeine Weise Velo fahren können, ohne sich deswegen exponiert, deplaziert oder als Freak zu fühlen. Und wenn es nur ein einziges Anliegen gibt auf dieser Welt, das velopflock vorbehaltlos unterstützen will, dann ist es dieses.

Warum nennt sie in ihrer Kritik die Industrie? Unter anderem wegen Assos Man und seiner Partnerin:

Bilder aus dem Assos-Online-Shop.

Assos ist ein Schweizer Hersteller von hochwertiger Fahrrad-Bekleidung im mittleren und oberen Preissegment. Es ist aber beileibe nicht die einzige Adresse, die teure Wäsche verkauft, die nur Top-Athleten ohne Fremde Hilfe und ohne sie zu beschädigen überziehen können. Emilys Sponsor Rapha gehört da genauso dazu, und umso mutiger ist darum ihr Post. Der Schreiber dieser Zeilen hier darf sich zwar – diese Behauptung sei gewagt – als schlank bezeichnen. Bei den Online-Händlern von schicker Velobekleidung muss er aber immer XL oder XXL bestellen, und die Sachen liegen dann so richtig eng an. Aerodynamisch, könnte man sagen, Wursthaut nur der Vorname. Selbstverständlich kann man mit beliebiger Kleidung genauso gut Velo fahren – fragen Sie mal Grant Petersen, Autor des wirklich ehrlichen und einzig hilfreichen Velo-Kompendiums Just Ride. Aber wenn jemand sich dafür entscheidet, enge Lycra-Bekleidung anzuziehen, sollte er dafür unabhängig von seiner Kleidergrösse eine anständige Auswahl finden.

Emily Chappell verlangt also, dass die Schwelle zum Radsport herabgesetzt wird, indem niemandem vermittelt wird, er oder sie sei zu unsportlich, zu dick oder auf andere Weise ungeeignet dafür. Nun steht die Frage im Raum, wie hoch denn bei uns die Schwelle liegt für Menschen, die eigentlich gerne mal – vielleicht aus praktischen oder wirtschaftlichen Gründen – das Velo im Alltag gebrauchen würden. Kann diese Schwelle abgesenkt werden?

Das geht natürlich durch die Verbesserung der Infrastruktur, ganz klar. Radwege müssen direkt, sicher, durchgängig und vor allem zahlreich sein. Daneben aber muss sich das Image wandeln, welches das Velofahren und die Menschen, die es betreiben, in der Gesellschaft haben. Ausser dem Bauen muss ein Umdenken stattfinden, damit niemand mehr vom Velofahren abgeschreckt wird:

  • Wer keinen Helm trägt, darf nicht wie ein Lebensmüder angeschaut werden. An ein Helm-Obligatorium sollten wir nicht einmal im Adrenalinrausch denken. Und in Unfallberichten in den Medien haben Bemerkungen, ob Verunfallte einen Helm trugen oder nicht, schlicht keinen Platz.
  • Leuchtwesten mögen zwar die Sichtbarkeit erhöhen, sie senden aber ein falsches Signal aus: Velofahren ist so gefährlich wie Bauarbeiten auf den Schienen bei vollem Zugbetrieb! Immer mehr Menschen tragen auf dem Velo auch bei strahlendem Sonnenschein eine Leuchtweste, nicht zuletzt, weil staatlich geförderte Stellen das verlangen.
  • Um ins Büro zu fahren, ist keine, gar keine spezielle Kleidung erforderlich. Keine aerodynamische Sonnenbrille, keine atmungsaktive, wasserdichte Jacke, keine Klickpedal-Schuhe. Ausser man fährt gegen die Uhr, aber wer würde sowas Blödes machen?
  • Wer geruchsneutral aufs Velo steigt, kommt in aller Regel auch so im Büro an. Dort genügt im Maximum ein frisches Oberteil, im Sommer vielleicht noch zwei Sprühstösse Deo. Aber eine Dusche ist überflüssig. Ausnahmen: sehr lange oder steile Arbeitswege. Und dort kann ein Motor helfen.
  • Niemand sollte sich wie ein Öko-Fundi vorkommen müssen, wenn sie mit dem Fahrrad zur Oper fährt. Es gibt so viele andere rationale und emotionale Gründe, das Velo zu benutzen. Zwar ist Klimaschutz heute in aller Munde, trotzdem wird „grün“ immer häufiger als Schimpfwort verwendet. Massnahmen zum Umwelt- oder Klimaschutz auf privater Ebene sind unsexy, sonst wären wir besser dran auf dem Weg zu unseren Klimazielen.
  • Ein Velo ist nicht teuer. Man kann zwar beliebig viel Geld ausgeben für ein E-Bike mit Carbonrahmen, Ladeadapter für das Handy und smartem Schloss. Bedeutend langsamer ist man mit einem Gebrauchtrad von der Velobörse für vierhundert Franken auch nicht.

Damit das Velo also endlich seinen Platz auf unseren Strassen bekommt, muss es sich zuerst den in den Köpfen der Menschen erobern. Nicht nur der Menschen, die sich für das Velo interessieren. Auch aller anderen, die ihre Mitmenschen beurteilen, bewerten und kategorisieren. Wenn das einmal geschehen ist, wird auch der ebenfalls unverzichtbare Ausbau der Radwege nicht mehr auf sich warten lassen. Und auch Radwege kann man inklusiver oder weniger inklusiv bauen, das ist inzwischen mit Studien belegt. Deswegen geht Emily Chappells Forderung nach mehr Inklusivität beim Velofahren weit über den Radsport hinaus.

5 Gedanken zu “Das Velofahren muss inklusiver werden.

  1. Ich hab mich mal auf der Webseite vom Torino-Nice Rally umgeschaut. Man sieht da schöne Bilder, man möchte gerne Teil davon werden. Und so steht es auch geschrieben „It’s for all riders. Please join us!“. Weiter steht dann aber auch noch „women riders get auto-entry“ und „this offer also goes out to other and all under-represented groups“. Eine solche Ungeleichbehandlung aufgrund des Geschlechts oder so ist ja heutzutage eher nicht so en vogue. Saftladen, das!

    1. Hm, auf dem Weg zur Gleichberechtigung braucht es wohl noch einige ‚positive Ungleichbehandlungen‘ – sonst werden die Startplätze auch in Zukunft nur an die gesellschaftlich eher dazu motivierten Männer vergeben. Ich sehe da also kein Problem.

      1. Lieber Simbim, ich verstehe deinen Punkt selbstverständlich. Dennoch bin ich der Meinung, Diskriminierung ist der falsche Weg, um Diskriminierung zu begegnen. Ach, und: ich bin bin kein gesellschaftlich motivierter Mann.

      2. Lieber Mbrennwa, da hast du natürlich Recht, Diskriminierung ist nicht schön. Die Frage bleibt, wie man aus dem Teufelskreis gesellschaftlicher Erwartungen wieder herauskommt. Denn Schon bei Kindern wird über Kleiderwahl, Gesprächstehmen und Vorbilder (meist sehr stereotyp) vorgespurt, wer später eher das Vertrauen hat, Velorennen zu fahren und wer sich diesbezüglich weniger zutraut …

      3. Also mir gefällt diese Diskussion sehr! Ich meine, mit Diskriminierung aufhören (und ist sie dann wirklich vorbei?) macht nicht einfach alles gut von heute auf morgen. Will man wirklich Gleichstellung, muss man nachhelfen. Männer, die sich jetzt diskriminiert fühlen (im Ernst jetzt?), sollen doch einfach mit wohliger Wehmut an die vergangenen zehntausend Jahre denken.

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