Die Maschine mit dem ‚klick‘.

Wo geht man in, wenn man nach der x-ten Woche in lockdown-ähnlichen Verhältnissen seine Mitmenschen vermisst und gerne unter die Leute möchte? Im Wissen, dass möglicherweise auch im kommenden Sommer die Musikfestivals ausfallen? Richtig: man geht an einem sonnigen Sonntagnachmittag langlaufen. Menschenauflauf quasi nur der Vorname. Ich und meine Frau also mitten rein in die Meute. Die zieht sich dank einer beinahe unsichtbaren Steigung gleich nach dem Langlaufzentrum sofort in die Länge, so dass kein rechter Dichtestress aufkommen mag. Dann aber doch Stress: weil wir verabredet haben, heute einmal in unserem individuellen Tempo statt wie üblich gemeinsam zu laufen, mache ich mich allein auf den Weg. Noch bevor ich Betriebstemperatur erreicht habe, überholt mich ein Läufer langsam. Sein Tempo entspricht mir, denke ich, und hefte mich an seine Skienden. Falsch gedacht, und nach fünf Minuten sind meine Muskeln von Milchsäure geflutet wie ein Warenhaus nach der ersten Lockerung mit Kunden. Den anderen Läufer sehe ich an dem Tag jedenfalls nicht mehr. Seltsam: Laufe ich jeweils mit meiner Frau zusammen, übernehme ich ihre Gangart und geniesse die Bewegung und die Natur. Unterfordert fühle ich mich deswegen nicht. Und würde sie mich abhängen – und das schwöre ich hier bei meinem jahrzehntelang eingesessenen Lieblingssattel – wäre mir das auch egal, ich würde abreissen lassen. Warum also laufe ich dann meistens über meinen Verhältnissen, wenn ich alleine langlaufen gehe? Und warum läuft der gleiche Film ab, wenn ich mein Mountainbike besteige und alleine losfahre?

Vor Jahren hat mir ein Freund erzählt, wie er und seine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern im Auto von zu Hause losfahren wollten. Das ältere, vielleicht sechs Jahre alt, hatte sich trotz mehrfacher Aufforderung nicht angeschnallt. Also fuhr der Vater rechts ran und sagte ruhig, aber bestimmt: „Ich fahre erst weiter, wenn ich ein ‚Klick!‘ höre von da hinten.“ Nach wenigen Sekunden Kunstpause sagte das Kind: „Klick!“ Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, ob die Fahrt daraufhin gleich weiterging. Wie fast zu jedem Disput mit Kindern fände mein Freund auch zu dieser Situation Trost in einem Comic-Strip von Calvin and Hobbes:

Bill Watterson: Calvin and Hobbes

Wem sich der Zusammenhang zwischen den beiden beschriebenen Begebenheiten noch nicht erschlossen hat, dem sei geholfen: Ich bin ganz offenbar konditioniert auf bestimmte Schlüsselreize – so wie alle von uns, bildet euch da bloss nichts ein. Sobald ich Sportkleidung trage, gerate ich in Eile (ausser es handelt sic um einen Mannschaftssport, da bemühe ich mich, nicht aufzufallen, und verhalte mich still). Welcher Sinn für die Verarbeitung des Schlüsselreizes zuständig ist, ist mir allerdings schleierhaft. Mein Fall ist aber ein besonders tragischer, weil auch meine Lieblingsbeschäftigung, das Velofahren – nicht per se eine Sportart! – in besonderem Mass betroffen ist. Hier ist der Schlüsselreiz das Klickgeräusch beim Einrasten der Schuhe in die Pedale. Da wechsle ich sofort in den Rennmodus, obgleich ich eigentlich fest überzeugt bin, dass ich gar keinen solchen in mir trage! Ich bin ein Genussfahrer, wie jede weiss, die schon einmal einen Post in diesem Blog gelesen hat. Ich war nie ein Rennfahrer, und wenn, dann nur temporär und aus Verlegenheit. Am meisten Spass macht mir das Velofahren immer dann, wenn ich ohne zeitlichen und räumlichen Plan durch die Gegend fahren kann, bis es mir langweilig wird. Beides kommt nur äusserst selten vor, das planlose Herumfahren wie das Langweiligwerden. Trotzdem fahre ich fast immer schneller, als ich es mir vorgenommen habe, sobald mein Unterbewusstsein (oder ist es das Unbewusstsein? Ich kann die beiden so schlecht auseinanderhalten) das metallische Klick registriert hat. Manchmal reicht es auch schon, wenn ich sportliche Accessoires auf mir trage wie diese fingerlosen Velohandschuhe oder einen Pulsmesser, ein eng anliegendes, bunt und sinnlos bedrucktes Trikot oder gar Lycra-Rennhosen! Letztere liefern immerhin den Ansatz einer Erklärung für mein Verhalten: in mir will es schnellstens in einsames, unübersichtliches Gelände, damit mich keiner sehen kann. Radhosen sehen an den meisten Menschen scheusslich aus, sind in gewissen Situationen aber recht nützlich.

Und das ganze wird immer schlimmer: auf dem Nachhauseweg von der Arbeit hetze ich inzwischen schon, und damit nicht genug: sogar auf der Hinfahrt am Morgen fange ich nach wenigen Minuten gemütlichen Radelns an zu beschleunigen, als ob Überstunden mit zweihundert Prozent Zuschlag bezahlt würden. Jetzt sollte allen die Schwere meiner Lage klar sein.

Abgesehen davon: Ratlosigkeit! Sollte ich eines Tages herausfinden, warum ich, wenn ich allein unterwegs bin, schneller fahre als nötig, angebracht oder schlau, dann wird das sicher beim Velofahren geschehen. Auf dem Velo habe ich noch immer zuverlässig eine Lösung für meine Probleme gefunden. Oder ich habe diese wenigstens vergessen. Bis dahin aber bleibt jedes Velo mit Klickpedalen eine Maschine mit dem ‚Klick‘ – nicht etwa eine mit dem Ping, denn ein Velo ist nicht teuer in der Anschaffung, und sein Verwendungszweck ist offensichtlich.

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