Neues Jahr – neues Glück – neue Reifen!

Das neue Jahr ist noch weich und feucht. Wir können es also noch mutig nach unseren kühnsten Vorstellungen formen, auch wenn sich in einigen Bereichen unseres Lebens und unseres Planeten die Ereignisse bereits wieder zu überschlagen beginnen. Aber immer mit der Ruhe: das muss so sein und war es auch immer schon. Überschlagen hat sich in den ersten Tagen des Jahres auch ein Langläufer in den Schweizer Alpen, aber davon später mehr.

Im letzten Jahr hat der Online-Handel, der ja davor schon nicht eben am Serbeln war, kräftig zugelegt. Darunter gelitten hat der Detailhandel in unseren Städten und Dörfern. Wer vorausschaute, hat gerade deswegen noch mehr in seiner Nähe, in einem Laden eingekauft, damit er oder sie sich auch in ein paar Jahren noch um die Ecke Rat holen kann, wenn etwas klemmt. Für die Veloläden und für Velofahrer*innen ist das besonders wichtig. Für die Läden, weil sie bereits seit langem unter knappen Margen und tiefen Löhnen leiden. Für ihre Kunden, weil so eine Scheibenbremse manchmal ganz schön bösartig sein kann und sich auch nicht ohne weiteres durch Youtube-Tutorials überzeugen lässt, und dann ist der Mechaniker um die Ecke die Rettung. Das ist meine tiefste Überzeugung.

Obwohl ich ein grundehrlicher Mensch bin, obrigkeitsgläubig und regelversessen bis zur Charakterlosigkeit – man befrage nur meine Kinder, die Armen – beherrsche ich ein Verbrechen meisterhaft: den Selbstbetrug. Und so kommt es ab und zu vor, dass ich selbst auf meine tiefsten Überzeugungen pfeife – und es vor mir selber verheimliche. Zum Beispiel so: Am Ende eines kalten Tages im Schnee versorgte ich kürzlich die Schlitten in der Garage vulgo Velostall und schaute mir die diversen Fahrräder ein wenig an, die dort so rumstanden. Dabei fiel mir auf, wie wenig Profil auf dem Hinterreifen meines Gravelbikes verblieben ist. Der ist erst drei Jahre alt, aber der Hersteller – noch so eine ehrliche Haut, wir passen prima zusammen – hatte mich ja auf seiner Website auf die beschränkte Lebensdauer des betreffenden Modells aufmerksam gemacht. Auf dem Weg zum Haus rang ich tapfer mit mir selber, und als ich meinen Computer aufgeklappt hatte, hatte ich auch schon verloren. Ich orderte im Internet ein Paar neue Reifen. Solche mit hellbraunen Seiten. Die wollte ich schon lange mal, aber bei mir in der Nähe habe ich nie welche gefunden, das schwöre ich. Sie erinnern mich sehr an meine Jugend, denn bis ich etwa dreiunddreissigeindrittel Jahre alt war, hatten alle meine Velos Reifen mit hellbraunen Seiten gehabt – oder gleich ganz weisse. Mir blieb also offensichtlich keine andere Wahl, als mir die Ware ausnahmsweise im Internet zu besorgen.

Zudem musste ich gleich ein Paar solcher Reifen kaufen, obschon nur der hintere abgefahren ist. Denn vorne ein schwarzer, hinter ein brauner Reifen – wie hätte das denn ausgesehen? Also ob ich links eine niedrige rote Socke und rechts einen blau-schwarz karierten Kniestrumpf tragen würde. Unmöglich.

Meine Bestellung wurde mir umgehend bestätigt, am nächsten Tag erhielt ich ein E-Mail mit einer Versandbestätigung, und am dritten Arbeitstag nach der Bestellung traf das Paket, erneut elektronisch angekündigt, bei mir ein. Alles sehr schlank, smooth, könnte man sagen, zügig, einfach, bequem und schnell, muss ich sagen. ABER DAMIT KRIEGEN DIE MICH NICHT! Das nächste Mal kehre ich zurück auf den Pfad der Tugend und kaufe wieder beim Händler, so war ich auf dem Velo immer vorwärts fahre!

Das Schöne an so einem Reifenwechsel ist, dass sich davon auf einfache Weise eindrückliche Vorher-nachher-Bilder anfertigen lassen, zur Verwendung in einem Blog, beispielsweise:

Ta-daa!

An den Metadaten der Bilder wäre nun abzulesen, wie wenig Zeit mich der Reifenwechsel gekostet hat. Als gewiefter Internet-User habe ich das aber natürlich unterbunden. Wo kämen wir denn da hin. Ein bisschen Privatsphäre muss sein, es reicht, dass im Beitragsbild unsere neue Couch sichtbar ist. Wir konnten sie recht günstig im Brockenhaus erstehen, und wie man sieht, fühlen sich die beiden Reifen darauf ziemlich wohl.

Wer schon einmal Reifen gewechselt hat, weiss, dass man dazu fast ausschliesslich seine Daumen benötigt. Und damit zum eingangs erwähnten gestürzten Langläufer: Das war nämlich ich, schon am zweiten Tag des Jahres, und ich habe mir dabei den Daumen an der rechten Hand verstaucht. Der Reifenwechsel ging mir deshalb nicht so leicht von der Hand wie sonst. Er dauerte sicherlich doppelt so lange. Etwa zwei Stunden. Pro Rad! Dieser epische Einsatz für mein Velo, dachte ich mir, ist einen Blogeintrag wert. Und wenn jetzt jemand findet, die Geschichte sei ein wenig aufgebläht, dann passt das ja ausgezeichnet zum Thema.

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