Wochenrückblick

Wer seine Schulzeit in der Schweiz verbringen durfte, verbindet den Ausdruck Wochenrückblick nicht mit einem TV-Format. Die Assoziation ist weniger gut. „Wochenrückblick“ nannten die Verantwortlichen jeweils die Mahlzeit, die sie am letzten Abend eines jeden Klassen-, Ski-, Pfadfinder- oder anderen Jugendlagers aus den gesammelten Resten der ganzen Woche zubereiteten. Ich kann noch heute, wenn ich daran denke, nur ohne Unterbruch weiterschreiben, weil ich glücklicherweise über eine virtuose Kontrolle meines Magen-Darm-Traktes verfüge.

Nun, wo ihr auch alle wieder an eurem digitalen Endgerät sitzt, wollen wir zusammen auf die vergangene Woche zurückblicken und prüfen, was sie uns fahrradseitig denn so gebracht hat. Bei einer Blitzumfrage auf der velopflock-Zentralredaktion sticht erfreulicherweise ein Ereignis deutlich heraus: der Redaktionsausflug am Dienstagabend auf die offene Rennbahn in Zürich-Oerlikon. Die offene Rennbahn in Zürich-Oerlikon ist ein nicht überdachtes Velodrom, 112 Jahre alt und damit die älteste sich noch in Betrieb befindliche Sportstätte der Schweiz. In den Sommermonaten finden dort jeweils dienstags Abendrennen statt. velopflock ging hin und staunte: über die entspannte Atmosphäre auf der Bahn, im Innenraum und auf den Rängen. Über die grosse Anzahl Rennen. Über die Zusammensetzung der Teilnehmerfelder. Die Entspanntheit der vor sich hin dösenden Biergeniesser im Gastrobereich erstaunte uns weniger, die praktizieren wir auch gerne. Sie trug aber erst recht zum gemütlichen Gesamteindruck bei. Wunderlich waren die Bezeichnungen der verschiedenen Disziplinen, die uns mit einer Ausnahme durchaus nicht selbsterklärend erschienen. Einzig unter Ausscheidungsrennen konnten wir uns was vorstellen, und entsprechend war das für uns das spannendste Rennen. Spass hatten auch die Athletinnen und Athleten, die surchgehend in Unisex-Rennen gegeneinander antraten, manche vier oder fünf Mal an dem einen Abend.

Es gibt einen sympathischen Brauch an den Oerliker Dienstagabend-Rennen: wer einen Liebling im Teilnehmerfeld ausmacht, kann für ihn am Jurytisch Geldscheine abgeben, das wird dann Sympathieträgerpreis genannt. Gönner und Preisträger werden über die Lautsprecheranlage ausgerufen, und der oder die Begönnte holt sich nach dem Rennen den Preis ab. An dem Abend waren 847 Zuschauer im Stadion – wir erkannten unsere einmalige Chance, diesen Blog über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen. Also gründeten wir spontan eine Marketingabteilung, kratzten zwanzig Franken zusammen und gaben sie für einen willkürlich festgelegten Sympathieträger ab. Die Jury bedankte sich unisono und überaus herzlich für unsere Unterstützung (eine der Jurorinnen lachte herzhaft über unseren Namen, was mich bis heute irritiert). Leider aber hatten wir uns für unseren PR-Coup das letzte Rennen des Abends ausgesucht. Über die allgemeine Verdankung an die Anwesenden und Sponsoren und die Vorschau auf die nächsten Rennabende vergass der Platzsprecher offenbar, den ersten Werbespot in der Geschichte dieses Blogs abzulesen. Das Geld wollten wir deswegen nicht zurückfordern, das wäre gar kleinlich gewesen. Sollten aber nicht noch Spenden eingehen, werden wir dieses Jahr wegen dieser Spesenauslage erstmals ein negatives Geschäftsergebnis ausweisen müssen. (Dazu muss gesagt werden: auch ein positives Ergebnis wäre eine Novität gewesen, wir haben immer eine schwarze Null in unseren Büchern, wir Idealisten).

Das Schicksal meinte es aber gut mit uns und belohnte unseren Mut und unsere Spontaneität. Schon am darauffolgenden Morgen erhielten wir einen unmissverständlichen Hinweis, wie wir auf andere Weise auf uns aufmerksam machen könnten als mit schnöder PR-Arbeit. Als ich in aller Frühe an einer wenig befahrenen Quartierstrasse auf den Bus wartete und in die Sonne blinzelte, sprang einer Velofahrerin auf dem Weg zur Arbeit exakt vor meiner Nase die Kette heraus. Spontan bot ich ihr meine Hilfe an, wohl wissend, dass dieses Unterfangen im Jahr 2024 durchaus meinen sozialen Tod hätte bedeuten können. Sie sagte jedoch nur: „Ich weiss jetzt aber nicht, ob Sie sich deswegen ihre Hände schmutzig machen wollen!“ (So weit hatte ich, offen gesagt, gar nicht gedacht.) „Das kriegen wir auch anders hin“, erwiderte ich verwegen, hob das Hinterrad an, liess sie einen anderen Gang einlegen und drehte an der Kurbel. Gefügig kletterte die Kette zurück auf das Kettenblatt. Ich staunte selber, wie glatt das lief. „Na, da haben Sie ja gerade am rechten Ort gestanden!“ sagte die Frau, bedankte sich, und entschwand. Ich schaute ihr nach, und mir kam eine Weisheit von Woody Allen in den Sinn, mit der er seine Karriere im Filmbusiness begründete: „Eighty percent of success is showing up.“ Dieser Satz ist seit Anbeginn unser Motto bei velopflock, bisher leider ohne success, weil wir oft nicht die Zeit finden, upzushowen. Aber unser Motto ist es weiterhin. (Note to self: PR-Officer anweisen, Visitenkarten drucken zu lassen, in der Form einer Velorennbahn und für sämtliche Mitarbeitenden, subito, damit wir uns bei der nächsten bei Spontanreparatur zu erkennen geben können.)

Ebenfalls diese Woche (oder war das bereits eine Woche zuvor? Egal!) enthielt der Newsletter von Rivendell Bicycle Works einen interessanten Eintrag über einen Dachschaden, der sich hoffentlich bald hemmunsglos ausbreiten wird. Die gesamte velopflock-Redaktion ist schon davon betroffen, und das lässt doch hoffen (kein Reimzwang hier). Dieser – nennen wir es mal so – Gemütszustand wurde von den Entdeckern als bike brain benamst und folgendermassen umschrieben:

„Ein wildes Austauschen von Teilen, mit unterdrückter Beachtung von Kosten oder Zeit und für einen vielleicht nur winzig kleinen Gewinn an Funktionalität oder gutem Aussehen.“ („A frenzied state of parts swapping with a suppressed concern for cost or time and for what might only amount to a tiny gain in functionality or good looks.“)

Wer diesen Blog ein wenig kennt, wird uns die Diagnose bike brain unschwer stellen können. Wenn bloss keine Heilmethode dafür gefunden wird. Dann würde unser Leben enorm viel langweiliger.

Weiter: Die Tour de France, das grösste und schönste Radrennen des Planeten, hat ihre erste Woche hinter sich und bereits einen neuen Rekordhalter produziert: Mark Cavendish! Die Sprinterlegende aus Immer-Kleiner-Britannien hat im zarten Alter von 39 Jahren den Kannibalen Eddy Merckx als Mensch mit den meisten Tour de France-Etappensiegen abgelöst. 35 grosse, flauschige Plüschlöwen liegen nun in seinem Zimmer zu Hause:

Den Renninstinkt mag der Sprinter von Kindesbeinen an in seiner Heimat auf der Isle of Man aufgesogen haben:

Töffrennen auf der Isle of Man (Bild: Tony Goldsmith)

Die gravierendere Neuigkeit von der Tour ist allerdings, dass ein anderer Fahrer ebenfalls dem Kannibalen nacheifert, der jedes Rennen gewinnen wollte (und häufiger erfolgreich war darin als die allermeisten anderen). Tadej Pogacar, bisher zweimaliger Gewinner der Tour de France, steckt bereits wieder im Maillot Jaune, nachdem er die erste und bisher einzige Gebirgsetappe für sich entschieden hat. Was folgen wird, konnten wir bereits am Giro d’Italia sehen: Pogacar fährt in jeder Etappe auf Sieg, egal, wie viele Viertelstunden sein Vorsprung im Gesamtklassement beträgt. In Italien gewann der Slowene sechs der 21 Etappen. Das ist schön für ihn und sicher auch verdient. Warum soll er seine Gegner bloss besiegen, wenn er sie zerstören kann? Als Kollateralschaden geht das Publikumsinteresse dann halt den Bach runter, aber was muss ihn das kümmern? Er tut ja nur, wofür er bezahlt wird. In der Geschichte der Tour gäbe es genügend Gegenbeispiele von Fahrern, die der Chef im Feld waren, an einem Etappenziel aber die Grosszügigkeit hatten, einen anderen Fahrer vor sich über die Ziellinie zu lassen und sich mit Rang zwei zu begnügen. Nennt sich Stil.

Was war noch letzte Woche? Es regnete jeden Tag stark, aber das ist dieses Jahr nicht weiter erwähnenswert. Irgendwann gewöhnt man sich an den schimmeligen Geruch des Regenponchos, der über Nacht wieder nicht trocknen konnte. Aber lasst uns das positiv sehen (kein Sarkasmus hier!): in einem warmen Sommerregen zur Arbeit zu radeln ist einer der grösseren Genüsse, welche jedes Jahr für uns Velofahrerinnen und Velofahrer bereithält. Denkt an meine Worte! (Zum Beispiel gleich morgen früh, wenn ihr wieder losfahrt, in den Regenklamotten, auf einem wieder einmal vergeblich frisch geputzten Fahrrad!) Bonne Route! Und bonne semaine!

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