velopflock und das E-Bike: eine unheilige Allianz

Wir hätten nie gedacht, das wir das jemals sagen würden: Macht den E-Bike-Nutzern und Nutzerinnen das Leben nicht schwerer! Der Bundesrat zwingt uns mit seinem Beschluss vom 12. August 2020 aber zu diesem drastischen Schritt.

Was bisher geschah

velopflock und das E-Bike, das ist eine schwierige Beziehung. Anfangs sollte es gar keine Beziehung sein, denn, wie wir das mal auf Instagram formuliert haben: Einen Motor an ein Velo zu montieren ist, als ob man einem Schmetterling ein Piercing macht: Alle Einfachheit, Leichtigkeit, Eleganz ist weg, als ob eine Kuh auf den Schmetterling getreten wäre. Mit sowas wollten wir nichts zu schaffen haben.

Dann zeigte sich relativ bald, dass das E-Bike tatsächlich den Alltagsverkehr auf unseren Strassen verflüssigen könnte. Jedes verkaufte E-Bike hat das Potenzial, ein Auto zu ersetzen, und wer kann da etwas dagegen haben? Ganz anders sieht es ja beim krampfhaft propagierten Elektroantrieb für das Auto aus: Der trägt rein gar nichts zur Reduktion, Verlagerung oder Schadstoffreduktion im Verkehrs und damit zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen bei, einmal abgesehen von Elon Musk.

Also schlossen wir unseren Frieden mit dem E-Bike, auch wenn wir keines fahren werden, solange es noch herkömmliche Rollatoren gibt auf dieser Erde. Dann aber kamen das E-Mountainbike und (festhalten!) das E-Rennrad. Seither fragen wir uns, wieso jemand Sport treibt (sich auf ein Sportgerät setzt), wenn sie das gar nicht will (einen Motor dazu benutzt, um nicht Sport treiben zu müssen). Aber man muss ja nicht alles verstehen, was auf dieser Welt so vor sich geht.

Finger weg!

An seiner Pressekonferenz vom 12. August 2020 bereitete der Bundesrat einschneidende Änderungen des Strassenverkehrsgesetzes vor, die nicht ohne Folgen bleiben werden (Auszug aus der Medienmitteilung des Bundesrates):

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 12. August 2020 ein Revisionspaket zum Strassenverkehrsrecht in die Vernehmlassung geschickt. Es umfasst eine Anpassung des Strassenverkehrs- und des Ordnungsbussengesetzes sowie die Revision von acht Verordnungen.

Verkehrssicherheit für E-Bikes

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der schweren E-Bike-Unfälle fast verfünffacht. Um diesen Trend zu brechen und Unfälle zu vermeiden, will der Bundesrat mit rasch realisierbaren Massnahmen auf Verordnungsebene die Sicherheit erhöhen: Alle E-Bike-Fahrenden sollen dazu verpflichtet werden, einen Helm zu tragen und das Licht auch tagsüber einzuschalten. Schnelle E-Bikes sollen darüber hinaus künftig mit einem Tacho ausgerüstet sein, damit sie die Geschwindigkeitsvorgaben genau einhalten können.

Der Bundesrat will also ein Helmobligatorium für alle E-Bikes mit Tretunterstützung bis 25 km/h einführen – also für alle E-Bikes, denn für die schnellen gilt ja schon eines. Dieser Schritt kommt genau in dem Moment, in dem endlich grössere Teile der Bevölkerung dank der Pandemie-Massnahmen zu verstehen beginnen, dass man tatsächlich ohne grosse Probleme mit dem Velo zur Arbeit fahren könnte. Diesmal tritt die Kuh aus dem ersten Absatz also auf ein zart keimendes Pflänzchen. Es ist nämlich durch Studien belegt, dass der Veloanteil am Verkehr sinkt, wenn ein Helmobligatorium eingeführt wird. (Für all jene, welche der Wissenschaft nicht trauen: Es ist stark zu vermuten und intuitiv verständlich, dass der Veloanteil in dem Fall sinken wird.) Indem man Velofahrende zwingt, einen Helm zu tragen, verhindert man die dringend nötige Reduktion des Autoverkehrs. Das löst unsere Probleme mit Staus, Platznot, Lärm- und Schadstoffbelastung nicht. 

Easy with the young horses!

Die Gesetzesanpassungen hält der Bundesrat für nötig, weil E-Bikes überproportional häufig in Unfälle verwickelt sind. Er vernachlässigt dabei aber, dass das E-Bike ein relativ neuer Player im Strassenverkehr ist. Unter den E-Bikern gibt es – zum Glück! – viele Personen, die davor wenig und unregelmässig Velo gefahren sind. Sie, aber auch die anderen Verkehrsteilnehmer müssen sich erst daran gewöhnen, dass ein Velo allenfalls mit 45 Sachen unterwegs ist. Teilweise wird die Velo-Infrastruktur  anzupassen sein. Dieser Gewöhnungs- und Anpassungsprozess braucht Zeit, da der Anteil der motorisierten Velos nach wie vor rasant steigt. Irgendwann wird er aber abgeschlossen sein, und dann werden die E-Bike-Unfälle sinken. Jetzt mit einem Helmobligatorium das E-Bike zurückzubinden, wäre kurzsichtig und widerspräche den Strategien zur Verkehrsumlagerung und zur Verlangsamung des Klimawandels. Das Kind würde mit dem Bade ausgeleert.

Salamitaktik?

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Ausserdem beschleicht einen angesichts des Helmobligatoriums für E-Bikes der Verdacht, dass es nicht beim Helmobligatorium für E-Bikes bleiben wird. Seit Jahrzehnten fordern rechtsbürgerliche Politikerinnen und Politiker immer wieder ein solches für alle Velofahrenden. Die Absicht dahinter ist leicht zu erkennen: Das Velo unattraktiv machen, damit Autofahrende weiterhin Auto fahren, Autos kaufen, Benzin tanken und teure Strassen brauchen. 

Weil der Anteil der E-Bikes unter den Velos noch eine Weile weiter zunehmen wird, machen die herkömmlichen Velos vielleicht bald nur noch die Hälfte aus. Dann wird ein konservativer Parlamentarier kommen und behaupten, im Sinne einer Gleichbehandlung sei die Helmtragepflicht endlich für alle Velos einzuführen, sie habe sich schliesslich bei den E-Bikes bewährt. Dass der oben beschriebene Gewöhnungsprozess für die Reduktion der E-Bike-Unfälle verantwortlich ist, wird keiner mehr wissen. Das wird der Moment sein, da der hintere Zipfel des Salamis auf dem Tisch liegt.

2 Gedanken zu “velopflock und das E-Bike: eine unheilige Allianz

  1. Sind Studien zu Helmaufdemkopfpflicht für Velofahrer übertragbar auf E-Bike-Fahrer? Das mag jetzt semantisch-pingelig wirken, ist aber ein Unterschied wie Kuh und Schmetterling; hat viel mit Eleganz zu tun.

    Ansonsten: E-Bikes haben noch einen weiteren Vorteil, den ich bisher übersehen habe. Diese unheiligen Dinger bringen vermehrt Pensionäre auf die natioalen Velorouten. Im Gegensatz zu mir sind die dann nach alter Schule mit Strassenkarten auf richtigem Papier unterwegs. Wenn der Akku von meinem Handy nach zwei Stunden leer ist, helfen dfie E-Biker mit ihren Papierkarten gerne, mir den rechren Weg nach Genf zu erklären.

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