Ich bin wieder mal zu spät und kann nicht einmal einem Virus die Schuld geben.

Eigentlich kam es ja so, wie es kommen musste, wie es jedes Jahr kommt: Der Frühling kommt sowohl zu spät als auch zu früh, der Schuft. Bloss nie zur rechten Zeit. Mich bringt das immer noch jedes Jahr in Rage.

Nach der Saison ist vor der Saison

Natürlich ist das Konzept der „Velosaison“ einigermassen veraltet. Wer Rad fährt, um Spass zu haben oder sich seinen Alltag zu erleichtern, zu verschönern und zu straffen, dem kommen velofreie Phasen ganz schön ungelegen, also lässt er sie bleiben. Die Erwärmung des Klimas macht eine Winterpause fürs Velofahren seit einigen Jahren noch künstlicher. In grossen Teilen der bewohnten Welt lässt sich nämlich auch winters prächtig Velo fahren.

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Eva (Jaermann & Schaad / Tages Anzeiger)

Es ist aber nicht wegzureden, dass gewisse äussere Bedingungen mehr, andere weniger zum Velofahren einladen. Und auch der begeistertste Radler kennt Zeiten des mentalen Plattfusses. Umfragen belegen, dass dieser häufig gegen Ende des Kalenderjahres eintritt, zusammen mit den frohen Fresstagen.

Alles neu macht der März (spätestens)

Ich zähle mich auch zu den hochbegeisterten Radfahrern. Trotzdem bin ich fast jedes Jahr fast gar nicht traurig, wenn Eisglätte und Salzwasser in den Strassen das Velofahren zur zweitbesten Option werden lassen. Ich besitze viele Velos, aber keines, das ich dem Salz zum Frasse vorwerfen möchte, und so setze ich mich nach den ersten Frostnächten jeweils täglich in den mollig warmen Bus und höre auf der Fahrt durch die Nacht meine Lieblingspodcasts nach, die ich über den Sommer stets vernachlässige.

Aber mindestens so zuverlässig wie das Motivationstief treten wenige Wochen später die ersten Entzugserscheinungen auf: Die tägliche Routine fehlt, die Bandauslastung an körperlicher Betätigung, die tägliche Stunde an der frischen Luft. Dann ist da natürlich auch die grosse Freiheit, den Nachhauseweg zeitlich und räumlich frei gestalten und bei Bedarf einen neuen, lustigen oder einfach entspannenden Umweg einlegen zu können.

Zeit wäre vorhanden

Und so bricht spätestens, wenn bei Anbruch des Arbeitstages auch das Tageslicht langsam anbricht, bei abstinenten Radfahrern eine gewisse Unruhe aus. Da kann man sich mit Rollentraining nur wenige Wochen lang betäuben. Aber dann will man raus. Und man weiss genau, was vor den ersten Ausfahrten noch zu erledigen sein wird: Die Velos müssen probiert, geprüft, geputzt, geschmiert, geflickt, ersetzt oder verkauft werden, je nach Zustand des Velos oder Lebensphase des Besitzers. Für einen Familienmechaniker und Veloliebhaber bedeutet das ordentlich viel Arbeit. Arbeit in der Garagenbox, die in der Dunkelheit nach der Erwerbsarbeit zu erledigen ist. Alternativen liegen da immer auf der Hand: Lesen, TV schauen, schlafen, neue Teile fürs Rad kaufen oder vom Velofahren träumen. So verrinnt die wertvolle Zeit Ende Winter, welche die Natur eigentlich reserviert hat, damit man sich und seine Lieben (also die in der Garagenbox) für den Frühling bereit machen kann. Und plötzlich ist er da: der erste warme Tag. In der Garagenbox aber herrscht: Tiefste Tristesse. Staub, hängende Kabel, spröde Reifen, rostige Ketten und doch auch die sehr beliebte Knetmasse aus Kettenöl und Dreck überall. Keine Ahnung, wer die immer herstellt.

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Velofahren als nackte Verzweiflungstat

Aber jetzt gibt es kein Halten mehr. Zwei, drei weitere Stunden gemütlichen Radelns werden wohl noch drin liegen mit diesen Reifen, diesem Kabel, dieser trockenen Kette!  Nachher wird ja dann gleich geputzt! Wäre da dann nicht die Steuererklärung, die letzten Skitage, die Frühjahrsmüdigkeit – und der nächste warme Tag. Also fährt man nochmals Tandem mit dem schlechten Gewissen zusammen und schwört sich, am Samstag nun wirklich alle Velos fit zu machen. So, wie man es jedes Jahr tut.

Lockdown, my ass!

Dieses Jahr wird alles anders, habe ich mir wieder geschworen, und tatsächlich hatte ich im Januar bereits eins meiner fünf Räder bereit. Und auch schon neue Bremsgummis gekauft. Aber dann kamen die Skiferien, es kamen kalte und windige Tage mit Schneefall, es kamen Geburtstagsfeste und Jubiläumsausflüge. Dann war es Ende Februar, und es kam dieses Virus mit all seinen Nebenwirkungen. Und während seither alle Medien voll sind mit Erfahrungsberichten und Ratschlägen, wie man die Corona-Zwangspause, eingeschlossen zu Hause, übersteht (Spiele spielen! Fotoalben seit 2008 aufarbeiten! Endlich mit Achtsamkeits-Yoga anfangen! Die Garderobe aussortieren! Sex haben am hellichten Tag!), ging das echte Leben bei mir ungebremst weiter, nur viel umständlicher. Anstehen beim Lebensmittelkauf, Aufpassen beim Zugfahren, Dutzende von Briefen und E-Mails von Lehrern unserer Kinder lesen, sortieren und ablegen, welche uns instruierten, wie das mit dem distant learning nun laufen werde. Rückzug in die eigenen vier Wände? Unnötig bei einem Job mit Einzelbüro. Wegfallende Termine? Werden ersetzt durch jahrealte Pendenzen. Auch das Virus kommt alleine nicht an gegen quietschende Ketten, und so bleibt auch die grosse Pendenz in der Garage bestehen. Bloss die fehlenden Teile, die kann man sich nun nicht mehr auf legale Art und Weise besorgen, da Veloläden nur reparieren, aber nicht handeln dürfen. Wegen social distancing.

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Social distancing beim Fahrradhändler.

Physical distancing!

A propos social distancing: Wer hat nur diesem Begriff erfunden? Wurde er an einem bierseligen Scrabble-Abend geboren? Handelt es sich um eine fehlerhafte Übersetzung aus dem Chinesischen? Denn sozial wollen wir uns ja nicht mehr weiter voneinander distanzieren. Es gibt schon genug einsame Leute, genug hohe Suizidraten. Eigentlich ist derzeit ja physical distancing gefragt, damit das Virus nicht mehr weiter reist. Wie kann man sich nur dermassen verpeilen bei der Wahl eines Begriffes, der zum Symbol einer der grössten globalen Krisen der modernen Gesellschaft werden musste!

Physical distancing lässt sich ausserdem problemlos praktizieren: Auf dem Fahrrad. Besonders jetzt, im Frühjahr. Zum Beispiel auf dem Radweg. Da distanzieren mich immer alle, aber so richtig und physisch, man glaubt es gar nicht. Oder doch, man glaubt es. Es ist ja jedes Jahr dasselbe im Frühling und wird es auch immer bleiben, nehme ich an. Siehe oben.

Ein Gedanke zu “Ich bin wieder mal zu spät und kann nicht einmal einem Virus die Schuld geben.

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