Mein Corona-Tagebuch

Jetzt, wo ja angeblich die ganze Welt einen Haufen Zeit hat, um in sich zu gehen, will auch die velopflock-Redaktion nicht hinten anstehen und geht mit hinein. Und wir stellen uns wie immer die grossen Fragen: Wie funktioniert eine Getriebeschaltung genau? Warum kann ein Velo zwar fahren, aber nicht stehen, während es beim Menschen mindestens umgekehrt ist? War Cancellara wirklich nicht gedopt? Und schliesslich: Was will uns die Natur mit dem Corona-Virus sagen?

Das Corona-Tagebuch der vergangenen Woche (Auszug):

Freitag, 27. März: Es geht mir schlecht: Nach wiederholtem Suchen auf der offiziellen Website des Giro d’Italia erfahre ich, dass der Giro 2020 nicht wie vorgesehen starten kann. Dies, weil die Behörden in Ungarn, wo die ersten Etappen hätten stattfinden sollen, wegen des Coronavirus den Notstand ausgerufen haben. Diese Ungarn! Die Italiener sehen sich darum gezwungen, am 4. April weiter über eine Verschiebung nachzudenken.

Samstag, 28. März: Noch schlechtere Nachrichten heute. Die Tour de France ist immer noch nicht abgesagt worden. Die Franzosen sind sturer als das IOC, welches immerhin sein Alter als Entschuldigung ins Feld führen darf. „Nur Weltkriege haben Le Tour je stoppen können“, sagen nicht wenige in La Grande Nation. Definiere „Weltkrieg“. Ganz Frankreich ein Gallisches Dorf? Ich gedenke für ein Weilchen dem am Dienstag verstorbenen Albert Uderzo.

Sonntag, 29. März: Auf den Radwegen steppt der Bär, mindestens so sehr wie in gesunden Jahren. Die Polizei greift nicht ein, weil Gruppen nicht mehr als solche zu erkennen sind. Alle angehaltenen Personen beteuern, alleine unterwegs zu sein. … Eigentlich seltsam : An Sonntagnachmittagen im April fahren immer viel mehr Leute Velo als an Sonntagnachmittagen im Juni oder Juli, obwohl es im April doch kühler ist. Die Sehnsucht nach frischer Luft, nach Sonne und Wärme scheint nicht sehr nachhaltig zu sein.

Montag, 30. März: Der Lockdown wird unerwarteterweise verlängert. Nicht DER Lockdown, der andere: die witterungsbedingte Beinahe-Zwangspause für Velofahrende. Wir dachten schon, der Winter sei vorbei, da drückt er uns nochmals so richtig nieder mit hartem Frost in der Nacht und Schneefall am Tag. Väterchen Frost ist eine elende Zicke. Das Velo bleibt im Stall, während ich leichtsinnigerweise als einziger mit dem Bus in die Stadt fahre.

Dienstag, 31. März: Freundlicher Sonnenschein. Aber ich falle nicht darauf rein und halte mich an die Vorgaben des Bundesrates: #stayhome, das ist ernst zu nehmen! Ich also ab auf die Rolle. Hoffentlich zum letzten Mal.

Mittwoch, 1. April: Ein Maskenzwang rückt näher, denn die SVP entlarvt das Bundesamt für Gesundheit als Lügenpack: Schutzmasken nützen sehr wohl gegen eine Ansteckung, und wie! Das Postergirl der Partei, die Zürcher Nationalrätin M. Blocher Martullo-Blocher, geborene Blocher, hat zu Beginn der letzten Parlamentssession unerlaubterweise eine Maske getragen, und siehe: sie ist bis heute nicht erkrankt, Beweis erbracht! Die Zahlen geben einmal mehr recht. Ich frage mich, wie es sein wird, mit einer Schutzmaske im Gesicht 200 Watt rauszuhauen auf dem Rennvelo. Irgendwann wird man dermassen nach Luft schnappen, dass man das ganze Zeug – Zellulose samt abgefangener Viren aller Art –  in einem Wusch einsaugt, und dann wird es hässlich. Ich würde mich dermassen schämen, deswegen ein Bett in der  Notaufname beanspruchen zu müssen.

Donnerstag, 2. April: Ich täusche vor, ein wichtiges Dokument im Büro vergessen zu haben, nur um mit dem Fahrrad vom Home Office ins – ja, wie heisst es denn? Real? -Office fahren zu können. Die Armee unterstützt mich tatkräftig bei meinem hinterlistigen Vorhaben: Ich übersehe zwei Hinweisschilder und muss vor dem verriegelten Gittertor am Waffenplatz umkehren. Macht mindestens zehn Minuten Umweg. Dumm gelaufen! Das Dokument finde ich dennoch nicht.

Freitag, 3. April: Im ganzen Trubel um Virenschutz-Massnahmen ging völlig vergessen, dass mein Lieblings-Frühjahrsklassiker Mailand- San Remo ja am 21. März hätte über die Bühne namens Poggio di Sanremo hätte gehen sollen. Während der Giro wegen den ungarischen Behörden nicht stattfinden kann, sind gemäss der Website von Mailand- San Remo etwas allgemeiner „die Behörden“ schuld. Bloss, welche? Weder die belgischen noch die holländischen kommen in Frage, denn die hätten ihre eigenen Fahrer ja um ihre Siegeschance gebracht. Dasselbe gilt für die italienischen Behörden, falls es welche gibt. Hatte gar der Schweizer Bundesrat seine Finger im Spiel? Immerhin, seit Cancellara nicht mehr fährt… und das italienische Verb „cancellare“ bedeutet immerhin „absagen“! Eine obskure Angelegenheit, die ganzen Absagen italienischer Radrennen.

Samstag, 4. April: Jetzt oder nie! Endlich ist es warm genug, um im Freien ein Fahrrad warten zu können: die diversen Reinigungs- und Schmiermittel sind heute warm genug, um in flüssiger Form aus der Dose zu kommen. WD-40 in Würstchen wirkt einfach nicht so gut wie ein hauchdünner Film davon. Also baue ich die Trainingsrolle zurück, mache mein Rennvelo fit, auf dass es sich in gleicher Weise bei mir revanchieren möge, und fahre los, noch bevor das Kettenöl ganz von der Kette getropft ist. Wie sehr ich den Wind in den Haaren und das Gefühl der Geschwindigkeit vermisst habe, wird mir erst bewusst, als ich mit unerwarteter Leichtigkeit über die ersten Meter der Saison sause. Am Fuss des Hügels, auf dem unser Zuhause steht, ist der Zauber allerdings verflogen, und der Rest wird eine einigermassen mühselige Angelegenheit.

Sonntag, 5. April: Heute wäre eigentlich der Tag der Flandern-Rundfahrt. Seit den Nullerjahren ist das „härteste Eintagesrennen der Welt“ dank „Spartacus“ Cancellara, der hier denkwürdige dreimal gewann, ein Heimspiel für uns Schweizer. Weil man Gewohnheiten nicht leichtfertig über den Haufen werfen soll, setze ich mich trotzdem vor den Fernseher und schaue während der hypothetischen Schlussphase auf Netflix „Spartacus“ mit Russel Crowe in der Titelrolle. Eine gelungene Besetzung, finde ich: Mit seinen muskulösen Beinen und dem unrasierten Kinn sieht der Australier unserem Nationalheld sehr ähnlich. Nur die Handlung kann ich irgendwie keinem Rennen zuordnen. Das Colosseum könnte vielleicht eine Parabel für das Velodrom von Roubaix sein, wo Cancellara auch dreimal triumphierte über flandrische Löwen. Und Spartacus siegt auch heute, hurra!

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