Das Ohr fährt mit: Warum du besser auf dein Rad hören solltest.

Es ist eine alte und weitherum anerkannte Weisheit, dass das Auge mit isst. Natürlich ist das nicht wörtlich gemeint, sonst würden Augenärzte gleich auch zu Gastroentrologen ausgebildet, und der Tisch als Essmöbel müsste grundlegend überdacht werden. Und die Gabel erst!

Weniger bekannt, aber im Wort- und im übertragenen Sinn voll tiefer Wahrheit ist der Ausspruch „Das Ohr fährt mit.“ Woher er stammt, ist nicht bekannt. Möglicherweise wurde er in den Niederlanden geprägt. Dort sind Fahrräder weit verbreitetet. In den Niederlanden ist es seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert auch nicht ungewöhnlich, dass sich Ohren vom ihnen angestammten Kopf trennen. Besonders bei Kunstmalern. Nur logisch also, dass Ohren in Holland durchaus mal mit irgendwem mitfahren möchten.

Doch bleiben wir ernst. Die Verbindung von Rad und Ohr ist durchaus eine tiefe. Folgende Aspekte fallen spontan ein:

1. Erlebnis

Velotouren sind nicht zuletzt, sondern fast zuallererst akustische Leckerbissen. Zum einen bewegt sich der ans Auto- oder Busfahren gewöhnte moderne Mensch auf dem Velo zur Abwechlsung ganz unmittelbar durch die Atmosphäre. Er nimmt Geräusche wahr, die er seit seiner Kindheit kaum mehr gehört hat: das Brausen des Windes, das Rascheln der Blätter oder das Klappern der Störche. Ist die Route richtig gewählt, hört er nicht viel anderes. Das Knirschen der Reifen im Kies vielleicht, oder das Sirren der mit sieben Bar bepumpten Rennreifen auf glattem Asphalt. Und den eigenen tiefen Atem, den eigenen Puls, wenn man sich ordentlich ins Zeug legt. Für ungeübte Stadtbewohner kann eine solche akustische Umgebung durchaus etwas Beklemmendes haben. Aber nur Mut: in der Kleingruppe fahren hilft beim ersten Mal.

2. Sicherheit

Dass man auf dem Velo im Freien sitzt, mag an regnerischen Tagen Nachteile haben. Es ist aber in der Regel ein ganz grosser Vorteil: Radfahrer hören andere Verkehrsteilnehmer kommen, von links, von rechts und von hinten sowieso. Damit sind sie nicht mehr allein auf ihre Augen angewiesen, wenn sie sich durch den Verkehr schlängeln. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, da Radfahrer sowieso sie Fragilsten sind auf der Strasse – Fussgänger halten sich in der Regel nicht auf der Strasse auf.

Zur Sicherheit im Strassenverkehr tragen nicht nur die Ohren der Radfahrenden bei, sondern auch die der Fussgänger, versteht sich. Diese wiedrum bringen die Radfahrenden in die Bredouille, insbesondere die Mountainbikenden: Klingeln oder nicht? Es gibt keine Statistik hierzu, aber es dürften mindestens so viele Wandernde und Spaziergehende mit Klingeln wie mit Nichtklingeln in Angst und Schrecken versetzt worden sein, seit Strassen mit glattem Belag gebaut werden. Man kann es nie recht machen. Versuch es dennoch weiter.

(Hat Ihnen die gendergerechte Formulierung mit dem Partizip I gefallen? Ja? Zu blöd, ich tu uns das in Zukunft nämlich nicht mehr an. Da das Velo heute einigermassen genderneutral ist – vom Rennsport abgesehen –  sind bei velopflock immer Männlein und Weiblein mitgemeint, im Sinn von „We embrace all kinds of cycling“.)

3. Technik

Hier betreten wir nun schwieriges Gelände. Das Velo ohne Motor ist ein ehrliches Wesen. Die geneigte Hörerin kann unschwer hören, wenn in der Mechanik etwas nicht rund läuft. Das erlaubt es ihr, etwas zu uternehmen, bevor der Stuhl zusammenbricht. Ein Streifen, Quietschen, Klicken, Knacken oder Zischen erlaubt mit ein wenig Übung eine erste Diagnose. Diese Tatsache gehört eigentlich auch unter Punkt 2, denn es steigert die Sicherheit beträchtlich, wenn man absteigen kann, bevor die Luft ganz aus dem Reifen raus ist.

(Sehen Sie: in diesem Abschnitt sind nun durchaus auch die Herren mitgemeint.)

4. Wahnsinn

Dass ein Velo beim Fahren Geräusche macht, kann man aber auch anders rum sehen. Geräusche können nicht nur wertvolle Hinweise auf Wartungsbedarf, sondern ebensogut Vorboten nahenden Unheils sein. Das klingt nun nicht, als ob da ein grosser Unterschied bestünde. Tut es aber. Wenn ich nicht weiss, woher ein Geräusch kommt und was es bedeutet, hilft es mir nicht. Es treibt mich stattdessen in kürzester Zeit in den Wahnsinn. Auch ein Geräusch, dessen Ursache ich kenne, aber im Moment nicht bekämpfen kann, verdirbt mir eine Fahrt sehr gründlich. Nicht aus Sicherheitsbedenken – ich traue mir gerade so viel Interpretationsvermögen zu, die gefährlichen von den ungefährlichen Knacksern unterscheiden zu können. Mehr quält mich die bevorstehende Arbeit zur Eliminierung des Geräusches. Dass da irgendwo ein bewegliches Teil ineffizient arbeitet oder ein unbewegliches sich bewegt, kann mir die ganze Freude am Velofahren rauben. Beides bedeutet Energieverschwendung oder Materialschändung. Für beides zahle ich bald einen hohen Preis: Entweder schaffe ich es  vor Erschöpfung gar nicht an mein Ziel, oder ich werde das nächste Wochenende im Velostall verbingen, schraubend und fluchend und mich mit schmierigen Fingern am Kopf kratzend.

5. Genuss

Umgekehrt ist es das Schönste in der weiten Welt des Velofahrens, auf einem Rad dahinzuschweben, das perfekt eingestellt und gewartet ist und darum keinen Mucks macht, den es nicht machen sollte. Höchstens ein bisschen Schnurren von der Kette, dazu die Reifen, sonst nichts. Steigern lässt sich das allenfalls noch, wenn man durch die Nacht fährt, abseits von Lichtern, und die Beleuchtung ausschaltet. Dieses Experiment ist nur auf Strassen zu empfehlen, die bekannt und verkehrsfrei sind.

6. Mechaniker-Alptraum

Was aber, wenn ein Geräusch nicht mehr weg geht? Wenn auch eine gründliche Reinigung mit sorgfältigstem Schmieren und Fetten und Ölen nicht hilft? Eine Fledermaus könnte vielleicht bei wirklich jedem Knacken erkennen, ob es vom Hinter- oder vom Vorderrad, aus der Tretlagergegend oder doch eher von der Nabe kommt, aber ein Velofahrer? Oder stammt der Lärm gar vom Sattel? Aus der Sattelstütze oder vom Sattelgestell? Tritt das Geräusch mit jeder Pedaldrehung auf? Nur beim Fahren im Sattel oder auch im Wiegetritt? Dauernd oder erst nach einer Stunde Fahrt? Damit sind jetzt nur die üblichen Verdächtigen genannt. Lenker und Pedale beispielsweise nicht. Alle diese Teile lassen sich natürlich ohne Weiteres demontieren und zerlegen. Aber selbst wenn man sie wieder ans Fahrrad kriegen sollte, ist noch keineswegs garantiert, dass der Feind dann besiegt ist. An diesem Punkt heisst es: Grösse beweisen und professionelle Hilfe beanspruchen. Erhobenen Hauptes in die Werkstatt seines Vertrauens spazieren und die Karten auf den Tisch legen. So verhindert man das Schlimmste, nämlich einen Nervenzusammenbruch. Bloss ist auch Der Gang zum Profi keine Garantie dafür, dass jeder Bösewicht dingfest gemacht und zum Schweigen gebracht werden kann. Ich hatte mal ein akustisch aktives Rad, an dem sind drei Mechaniker hintereinander gescheitert. Vielleicht hatte es ja damit zu tun, dass ich grösser gewachsen bin als jeder der drei Mechaniker. Sie konnten mein Rad also gar nicht fahren konnten, um das Klicken zu reproduzieren und dann zu lokalisieren. Auf dem Heimweg vom dritten Versuch geriet ich jedenfalls in einen heftigen Regen. Danach war das Geräusch Geschichte. Ich habe nie wieder darüber nachgedacht.

7. Die Nase

Das Thema Geräusch am Velo lässt sich nicht in einem Blogpost abhandeln, da darf man sich nichts vormachen. Wenden wir uns trotzdem noch kurz einem anderen Organ zu: der Nase. Sie trägt Beträchtliches zum Erlebnis auf einer Velotour bei. Ich sage nur: Feuchte Erde, frisch-nasser Belag, reife Früchte, Kuhdung oder Meerwasser. Alles Labels in unserem Unterbewusstsein für Erinnerungen an Velotouren. In letzter Zeit fahre ich jedoch immer häufiger hinter männlichen Velofahrerinnen her, die eine Duftwolke hinter sich her ziehen. Nicht etwa eine von Schweiss, sondern eine von Duschmittel, Shampoo oder Waschmittel. Wenn diese Parfümradler sich für ihr Training duftmässig dermassen herausputzen, dann wage ich mir gar nicht vorzustellen, was die erst für ein olfaktorisches Rad schlagen, wenn sie sich für ein Date bereit machen…

 

2 Gedanken zu “Das Ohr fährt mit: Warum du besser auf dein Rad hören solltest.

  1. Gestern hat mich eine männliche Triathletin auf seinem (ihrem?) Carbonross überholt. Ich (man) konnte von weitem hören, wie sich das Gespann von hinten unten genähert hat. Beim Überholvorgang habe ich mir einen Satz Ohropax und etwas Ibuprofen gewünscht. Das arme Ross fuhr gross-gross, der Umwerfer war als Bircherraffel eingestellt. Die Kohlenscheibenräder resonierten eklig mit. Aber immerhin war die Startnummer tiotop windschlüpfrig ausgerichtet.

    1. Glücklicherweise lebe ich in einer Gegend, in der wenige Triathleten trainieren. Und auf so einem Resonanzkörper zu fahren, das muss schon ein Beruf sein. Sonst macht man das wohl nicht…

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