„Builds character.“

Erst kürzlich war an dieser Stelle vom Charakter bildenden Charakter des Radfahrens die Rede. Die ersten paar Dutzend Kommentare weisen darauf hin, dass die genannten Beispiele etwas zu abstrakt waren. Darum hier ein weiterer konkrete r Fall, bei dem ein Radfahrer durch das Radfahren ein besserer Mensch geworden ist. Ganz einfach so, zack!

Zufälligerweise handelt es sich dabei um den Schreibenden. Dieser bemüht sich trotz seiner Begeisterung über den moralischen Gewinn um sachliche Beschreibung, so viel sei versichert. Es ist nämlich so , dass im letzten Herbst am Rand der Stadt, in der sich mein Büro befindet, hinterhältigerweise ein neues Café mit Bäckerei aufgemacht hat. Modern, hübsch gestaltet und mit freundlicher Bedienung. Aber nicht irgendwo hat es aufgemacht, sondern am Rand der Stadt. Und zwar just auf jener Seite, auf der ich Morgen für Morgen in die Stadt hinein rolle. Damit nicht genug: Die Götter haben sich den Spass erlaubt, das Café so zu positionieren, dass ich etwa zehn Sekunden lang auf das Café zufahren muss, wenn ich auf dem direktesten Weg in die Innenstadt gelangen will. Zehn Sekunden seelische Grausamkeit. Zehn Sekunden Kampf, Pflichtbewusstsein gegen Lebensfreude. Gönne ich mir rasch einen Cappucino und geniesse die Vorfreude auf den Tag, der doch so gut begonnen hat, mit einer entspannten Fahrt übers Land, im Rückenwind? Oder setze ich mich gleich an den Schreibtisch und nutze den Schwung, den mir die Reise mitgegeben hat? Von mir als erwachsenem Schweizer erwartet man – inklusive ich selber – natürlich, dass Pflichtbewusstsein Lebensfreude kräftig in den Hintern tritt und ich mindestens so kräftig in die Pedale. Nun – das gelingt Pflichtbewusstsein nicht immer. Aber wenn ich einkehre, dann ist das kein Versagen, sondern das Resultat einer eingehenden Prüfung und Abwägung von Prioritäten unter ständig wechselnden Rahmenbedingungen wie Termine, To-do-Listen, Reifendruck oder der gerade herrschenden Tageszeit. Wenn ich dem Kaffee zuspreche, dann gebe ich mich ohne schlechtes Gewissen dem Genuss hin und starte nachher umso beschwingter in den Arbeitstag. Eigentlich sollte ich viel häufiger Kaffee trinken gehen, dann wäre ich nicht nur ein besserer Mensch, sondern auch eine bessere Arbeitskraft. (Eben habe ich mich dabei ertappt, wie ich mir beim Schreiben der letzten Sätze wiederholt mit der Zunge über die Oberlippe geleckt habe.)

Die grössten und niedrigsten Persönlichkeitsdefizite kann allerdings nicht mal das Velofahren kaschieren:

(Ich gebe zu, dass aus dem Bild nicht eindeutig hervorgeht, ob der Herr das Bike wirklich gefahren oder es nur gestemmt hat.) Um mich steht es nicht ganz so schlimm, aber auch ich habe im Moment noch charakterliche Schwächen, die ich nicht einmal durch exzessives Radfahren überwinden kann (obwohl, ausprobiert habe ich das eigentlich noch nie, so richtig exzessiv). Zum Beispiel fröne ich gern dem Konsum, konkreter, ich kaufe gerne Sachen, die irgendwie mit Velo zu tun haben. Um mich vor mir selber zu schützen, habe ich kürzlich mein Mountainbike in die Werkstatt gebracht und den gesamten Antrieb sowie die Bremsscheiben erneuern lassen. Das hat so viel gekostet, dass ich nun keinen Gedanken mehr daran verschenke, das Bike in den nächsten fünf Jahren zu ersetzen. So ein fauler Trick. Vielleicht sollte ich mehr Velo fahren?

 

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