Aaargh: Radfahren ist unkompliziert!

Das Fahrrad ist, gemessen an seinem Potential an Nutzen, Spass und Chic eine sehr, sehr einfache Erfindung, sowohl in der Bedienung als auch in der Wartung. Das hindert viele Unternehmen nicht daran, das Velofahren möglichst kompliziert machen zu wollen. Mit Velos, Teilen oder Accessoires ist schliesslich gutes Geld zu verdienen. Die Bekleidungsindustrie ist ein aktuelles Beispiel dafür.

Fahrradfahren ist in den letzten Jahren ungeheuer schick, trendy, stylish oder zeitgemäss geworden. Vielleicht sogar alles auf einmal. Ob deswegen mehr Leute das Velo benutzen, um zur Arbeit, ins Kino, zum Einkaufen oder zu Freunden zu fahren? Ich weiss es nicht. Man müsste die entsprechenden Statistiken befragen. Jedenfalls stürzt sich die halbe produzierende oder Dienste leistende Welt auf das Fahrrad, um damit Kunden zu gewinnen. Die Fahrradindustrie selber geht mit leuchtendem Beispiel voran: Vor wenigen Jahren begannen Firmen wie Giro, ein Helmhersteller, Kleider nicht nur für das sportliche Radfahren herzustellen (also Lycra-Bekleidung, so genannte Wursthäute), sondern spezielle Bekleidungslinien für Alltagsradler zu schneidern. In Hosen, Hemden, Pullover, Mützen oder Jacken werden praktische Details wie reflektierende Elemente, kleine Taschen, Einsätze aus Stretch-Gewebe oder Reissverschlüsse zur Anpassung der Passform an den Bewegungsmodus (fahrend oder ruhend) eingebaut. Solche Produkte haben dann so drollige Namen wie „Mobility Trousers“: „These trousers have quickly become the favorites of bike messengers and financial analysts alike.“

(Finanzanalysten fahren Rad? Und das mit spezieller Hose? Ja, wo steht denn ihr Tesla, dass sie nicht zu Fuss hingehen können?) Mit der Zeit erkannten auch Hersteller die Zeichen der Zeit, die vorher keinen Bezug zum Radfahren hatten, wie etwa der selbst ernannte Jeans-Erfinder Levi Strauss. Auch sie fingen an, Kleider für das Radfahren in der Stadt zu verkaufen.

Meine Frage nun: Braucht es das? Meine Antwort: nein. In den oben genannten Statistiken wird man den Hinweis finden, dass die allermeisten Fahrten mit dem Velo kürzer als fünf Kilometer sind. Wenn man es nicht sonderlich eilig hat, kommt man auf diese Distanz nicht wesentlich ins Schwitzen, wird nicht mehrmals das Smartphone möglichst rasch zücken müssen und kaum mehr als einmal über den Haufen gefahren werden, weil man nicht ausreichend sichtbar war. Also hätte auch eine gewöhnliche Jeans ihren Dienst getan, eine handelsübliche Jacke oder die schwarzen Socken vom letzten Weihnachten:

Ist man länger als fünf Kilometer unterwegs, kommt man in den Bereich einer kürzeren Radtour. Eine solche wird kaum spontan unternommen, also lässt sich prima etwas Zeit für einen Kleiderwechsel einplanen  und ein Ersatz-T-Shirt einpacken. Und wenn alle Stricke reissen, schwitzt man halt ein wenig. Mit Leuten, die sich daran stören, sollte man sich vielleicht einfach nicht abgeben. Sollte die gewöhnliche Jeans im Schritt etwas zwicken, bringt das auf fünf Kilometer niemanden um. Auf fünfzehn Kilometer übrigens auch nicht. Ich bin schon mit allen meinen Hosen wochenweise zwölf Kilometer zur Arbeit gefahren (eine nach der anderen, allerdings), ohne Schäden an irgendwelchen Körperteilen zu nehmen. Dasselbe gilt übrigens für alle Kleidungsstücke, von der Mütze über die Unterhose bis zu den Socken, Schuhen und Handschuhen. Ich schwör!

Was ich nicht kapiere: Nehmen wir an, der Industrie gelingt es eines Tages, der Mehrheit der potentiellen und tatsächlichen Velofahrenden weiszumachen, dass man spezielle Kleider braucht, um auf dem Velo in der Stadt rumzugurken. „Dankeschön“,werden die irgendwann sagen, „das mit dem Velo ist mir langsam wirklich zu kompliziert, da kann ich ja gleich gerätetauchen gehen.“ Und weg wären sie, die ganzen schönen Kunden, im Auto oder im Bus. Das wäre dann kaum im Interesse der Fahrrad- und Accessoires-Industrie. Und in jenem der verbleibenden Velofahrer auch nicht, denn die wären dann immer weniger und weniger, und man würde noch weniger Radwege für sie bauen.

Also: wer das Radfahren in der Stadt mag, zieht ganz normale Sachen an, und schon ist die menschenfreundliche urbane Mobilität der Zukunft gesichert. Manchmal ist das Leben sogar einfacher als ein Fahrrad.

Foto: Raymond Depardon: La ferme de Garet, 1991
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