Dr. ing. cicl.?

Nachdem gestern unsere Garage, auch Velobunker genannt, gründlich ausgemistet worden war, ging es heute noch einen Schritt weiter, ans Eingemachte: Das warme Wetter ermöglichte die erste Ausfahrt des Jahres mit dem Rennvelo. Und diese gestaltet sich jeweils recht schwierig, wie die schmerzvolle Erfahrung aus drei Jahrzehnten zeigt.

Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen. Nicht dass ich etwas gegen Zahlen hätte. Ich habe beruflich oft mit Zahlen zu tun. Aber heute umschwirren langsam zu viele Zahlen mein Rennrad. Zwar baue ich nicht mehr selber Ritzel ein, seit ich bei einem Umzug meine Kettenpeitsche verloren habe, darum bleiben mir Statistiken über Zahnanzahlen heute erspart. Auch den Reifendruck, der mir hinten und vorne am besten behagt, kann ich mir knapp noch merken. Aber dann ist Feierabend. Nicht nur die Zahlen und ihre Bedeutung, sondern auch die Bedienung der immer zahlreicher werdenden digitalen Helfer öden mich – unter uns gesagt – an. Ich vertippe mich regelmässig beim Pulsmessgerät, deshalb kommt es nur noch sporadisch zum Einsatz. Ich könnte daher auch gleich ganz darauf verzichten. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt ist aber immer an dem Tag erreicht, an dem ich im Rausch zarter Frühlingsgefühle beschliesse, das Rennrad feierlich aus der Rolle zu befreien und es wieder über die Landstrassen zu jagen (pruhust!). Dieser Entschluss ist leider meistens ein spontaner. Dann trete ich ans Rennvelo, streiche mit der Hand über den Sattel, streiche über das Lenkerband – und bleibe am Velocomputer hängen.

Das Blut gefriert mir dann jeweils in den Adern. Nun muss ich mich dem härtesten Intelligenztest unterziehen, den das Leben für Menschen jenseits aller Berufs- oder Schulabschlüsse noch auf Lager hat: Die Programmierung eines Computers mit zwölfundachzig (überwiegend überflüssigen) Funktionen, aber nur vier Knöpfen dran. Ein Vorgang, den man genau einmal in 365 Tagen ausführt, um die Jahreskilometer auf null zu stellen. Zwar wurde einst eine Bedienungsanleitung mitgeliefert, aber die ist so verständlich wie Langwellen-U-Bootfunk für Rothirsche. Nach dem offenbar unvermeidlichen Einstellen der korrekten Uhrzeit erschliessen sich dann langsam die Funktionen der vier Tasten. Auch dieses Jahr sagte ich mir: „Nächstes Jahr besorge ich das im Herbst, am Ende der Saison“, nur um kurz darauf festzustellen, dass ich das offenbar im vergangenen Herbst tatsächlich erledigt hatte. Inzwischen habe ich aber versehentlich den Radumfang verstellt. Eine weitere Viertelstunde wertvollen Früh-Frühlingswetter zieht ins Land. Irgendwann komme ich dann doch noch raus, viel zu warm angezogen natürlich, vergesse, das Pulsmessgerät einzuschalten und stelle fest, dass die Pumpe irgendwo überwintert hat, nur nicht am Rahmen.

Im fortgeschrittenen Alter lässt man sich aber nicht mehr so schnell ins Bockshorn jagen von den Tücken der Technik. Wichtiger als Zahlen ist heute der Spass. Vor hundert Jahren, als es mir beim Training noch um Kilometer und nicht um Kilogramm ging, hätte ich GPS, Smartphone (Strava!) und Wattmeter sicher an den Lenker geschnallt. Das gab es damals aber nicht. Heute, mindestens für die feierliche erste Ausfahrt des jahres, habe ich „Zahlen!“ nur im Café gebraucht. Die Saison kann losgehen.

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