Mein Rennvelo ist auch ein Glücksrad.

Wer in den Alpentälern zu sportlichen Zwecken Rad fährt, für den ist bei der Wahl seiner Route die vorherrschende Windrichtung entscheidend – für Alleinfahrer oft das wichtigste Kriterium. Wegen der Topographie hat der Velofahrer hier meist nur wenig Optionen: das Tal hochfahren, wenden und wieder runter fahren, oder das Tal runterfahren, wenden und wieder hoch fahren. In den grossen Tälern sind „hoch“ und „runter“ gar nicht mal so viele Höhenmeter. Mehr Möglichkeiten für die Routenwahl müssen wie ein höheres Level in einem Computerspiel durch hartes Training erarbeitet werden. Dann aber locken grosse und kleine Pässe, lange Rundfahrten mit aberhunderten von Höhenmeter. Bis dahin ist es aber um diese Jahreszeit noch ein weiter Weg, Fleiss im Rollentraining hin oder her. Ein tristes Dasein.

Bis die Fitness ähnlich schnell steigt wie die Tagesmitteltemperatur, gilt also: Gut überlegen, in welche Richtung das Training gestartet werden soll. Mein Onkel, ein Vielfahrer, sagt immer: Starte mit Rückenwind, denn was du hast, das hast du. Sollte der Wind wider erwarten drehen, hast du auf dem Rückweg auch noch Rückenwind, und sonst immerhin auf der Hälfte der Strecke. Das funktioniert tatsächlich nicht schlecht, weil der Wind in den Alpentälern häufig recht gut voraussehbar ist. Entweder bläst der Föhn, also warmer Südwind, oder die Bise, also kühler Nordwind, und wenn keins von beidem ist, bläst der Wind bis Mittag zuverlässig aus Südwesten und danach aus Nordosten, wenigstens im Sommer.

Gestern aber kamen Ostern und Weihnachten zusammen. Ich befolgte zwar vorerst die Weisheit meines Onkels und startete in den Rückenwind. Auf halbem Weg zum Wendepunkt begab sich aber Wundersames: innerhalb einer Strecke von weniger als einem Kilometer wurde der warme Rückenwind aus Südwesten zu einem kühlen Gegenwind aus Nordosten, obwohl ich die Fahrtrichtung beibehielt, die Mittagszeit längst vorbei und noch nicht Sommer war. Ich also mühsam weiter zum Wendepunkt, kehrtgemacht und im Rückenwind ab nach Hause. Mit Spannung näherte ich mich wieder der Stelle, an der der Wind auf dem hinweg gewechselt hatte. Aber nichts passierte: Der Nordwestwind hatte den Südostwind in der Zwischenzeit in die Flucht geschlagen, und ich kam mit einem kräftigen Schubser nach Hause. Drei Viertel der Strecke hatte ich Rückenwind gehabt. Seit über dreissig Jahren fahre ich in dieser Gegend, aber sowas ist mir zum ersten Mal passiert. Von einem Lottosechser würde ich nicht gerade sprechen. Aber vielleicht von einem Fünfer? Oder dem zweiten Preis bei der Verlosung am Turnerabend? Zufrieden plumpste ich vor dem Velobunker vom Rad. Morgen versuche ich mein Glück wieder. Spätestens übermorgen. Auch die meistgefahrene Hausrunde kann für eine Überraschung gut sein.

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