Was anfangen mit all der Zeit?

Das Jahr 2016 ist ja noch nicht alt, und darum gibt es auch noch nicht so furchtbar viel zu berichten darüber. Ausser, dass fahrradseitig nicht furchtbar viel passiert ist. Ich bin zum ersten Mal in der freien Wildbahn einem Fatbike begegnet. Ich habe die Indoor-Saison mit gehöriger Verspätung begonnen, was mit dem schönen Wetter outdoor zu tun hat. Eben, nichts passiert. Deshalb sei hier ein letzter Blick zurück gestattet.

In Amerika hat Herr Kurt Searvogel einen der ältesten Rekorde des Radsports gebrochen: den des Briten Tommy Godwin für die höchste Anzahl innerhalb eines Jahres zurückgelegter Kilometer. Dazu musste Searvogel Tag für Tag für Tag über 300 km fahren, und im Ganze waren es dann 122’432 km. Diese Tatsache bringt selbst angefressene und eingefleischte Radfahrer an den Rand einer Sinnkrise. Ich dachte immer, ich liebe Velofahren, aber die Vorstellung, ein ganzes Jahr lang jeden Tag nichts anderes zu tun als Rad zu fahren, lässt meinen Körper an den intimsten Stellen Pickel entwickeln. Es ist offenbar doch nicht so weit her mit meiner Liebe zur petite reine. Sei’s drum.

Tommy Godwin

Kurt Searvogel

(Godwin oben, Searvogel unten)

Interessant kann die Meldung aber dennoch sein, sofern man sich die Mühe macht, näher hinzugucken. So fuhr der bisherige Rekordmann Godwin, der alte Sattelkleber, seinen Husarenritt im Jahr 1939. Damals waren Stahlrahmen weit verbreitet. Searvogel benutzte modernstes Equipment, also einen Karbonrahmen, Ährolenker und anderen Leichtgewichtsschnickschnack. Damit kam er volle 1’627 km weiter als Godwin, was  einer Verbesserung der Bestmarke um sagenhafte 1.34679 % entspricht. Vernachlässigen wir zusätzlich die Segnungen moderner Ernährung und nehmen an, das Wetter in den Südstaaten der USA ist ebenso launisch wie das in Grossbritannien, und die Strassen heute ebenso schlecht wie vor dem Krieg, dann muss man feststellen: Potz, das hat sich ja echt gelohnt mit dem Karbon! Seien wir also optimistisch, was den weiteren Aufstieg von Karbon zum einzigen verfügbaren Rahmenmaterial angeht. Was kostet eigentlich ein modernes Karbon-Kinderrad?

A propos Karbon: Geht ein begeisterter Mountainbiker in einen Veloladen und erkundigt sich nach einem neuen Gefährt. Fully und so für Trails und Touren, XT-Komponenten und was dazugehört, 1×11 oder 2×10. Nach dem dritten gezeigten Modell fragt er nach etwas in Aluminium, nicht Karbon. Der Verkäufer setzt einen melancholischen Blick auf und hebt hilflos die Schultern: „Gibt’s praktisch nicht mehr. Alu-Rahmen kommen mit den billigen Komponenten. Ich kann dir nicht weiterhelfen.“ Der Käufer verlässt den Laden, stürzt sich von der nächsten Brücke und fährt von dem Tag an nie wieder Mountainbike.

Wo die Pointe bleibt? Es gibt keine. Das ist NICHT lustig. Aber wahr. Bei dem Kunden handelte sich um einen klassischen Unracer: Jemanden, der erkannt hat, dass Radfahren um Sekundenbruchteile nur für Berufsleute oder Neurotiker etwas Erstrebenswertes ist, genauso wie extreme Sitzpositionen und Strava. Dass Komfort für alle nicht lizenzierten Velofahrer um Grössenordnungen wichtiger ist als das Gewicht des Geräts. Für die Lizenzierten ausserhalb des Rennens übrigens auch.

„Unrace yourself“, den Ausdruck kann und muss man nicht übersetzen. Er stammt von Rivendell-Gründer Grant Petersen aus Walnut Creek in Kalifornien. Jack Thurstons (The Bike Show) wunderbares und äusserst lehrreiches Interview mit Petersen kann hier nachgehört werden, natürlich nur, wenn die Zeit reicht. Dann kann man hören, was der Guru über Schellack am Lenker oder über Klickpedale denkt und was Jack mit einem Rennfahrer in einer Kirche erlebt hat. Zur Abkürzung kann man sich aber auch einfach die Lektüre von Just Ride gönnen, dem Opus Magnum (lat. für Hors d’Oeuvre) von Grant Petersen.

Aber befragen wir doch mal die Zahlen. Einige davon gibt es in Petersens Buch, Just Ride. Im Kapitel 69, The Weight Ruse (in etwa: der Trick mit dem Gewicht), erzählt er, dass ein Velofabrikant den Einfluss des Gewichtes auf die Geschwindigkeit messen liess, möglicherweise, weil Berechnungen nicht zu eindeutigen Resultaten führten.  Im Labor einer Uni wurde schliesslich ermittelt, dass man ganze 3.75 kg Gewicht einsparen muss, um 1 km/h schneller vorwärts zu kommen (gleiche Leistung vorausgesetzt).

Dreidreiviertel Kilo. Geht das denn? Wahrscheinlich schon. Man könnte erst mal das meiste Textil von den Radschuhen schneiden, dazu die Velcro-Bänder und die Rätsche durch Klebeband ersetzen.

Und dann einen leichten Rahmen erstehen. Das kostet aber ein hübsches Sümmchen. Als Beispiel: Ein Schweizer Radhersteller hat denselben Rennradrahmen in Karbon und in Alu im Sortiment. Karbon: 6.9 kg zu 3’695 Fr. Alu: 7.4 kg zu 2’499 Fr. Das sind 1’196 Fr. Aufpreis für 0.5 kg Gewichtsersparnis, macht dann 8’970 Fr. für 3.75 kg Gewichtsreduktion oder 1 km/h mehr Speed. Wow. Geld regiert die Welt, auch im Radsport!Karbon statt Kondition:

Ein kleiner Trost für alle nur leicht überdurchschnittlich Begüterten: ein bisschen von den 3.75 kg kann man einsparen, indem man das Systemgewicht (System = Fahrer + Velo) reduziert. Konkret heisst das „Ran an den Speck!“, aber nun mit Motivation, denn wer ein Kilo abnimmt, der spart gemäss obigen Zahlen 2’392 Fr.! Damit kann man sich fast einen Alu-Rahmen kaufen! Da verzichtet man doch gerne mal aufs Hefeweizen nach der Klubrunde oder hängt mit Leichtigkeit noch zwanzig Kilometer an diese dran. Ein Ernährungsratgeber ist der neue Weg zum Reichtum! Oder wie schwer ist eine Ohrmuschel? Diese abzutrennen brächte erst noch Synergien seitens der Ährodünamick. Wem Fressdisziplin zu anstrengend und eine Ohramputation zu blöd ist, dem sei eine ordentliche Darmentleerung empfohlen, je nach Umfang kann das locker einen Tausender einbringen (genau genommen bei 418 Gramm Dung).

„Das Geld ist ja nicht weg. Es ist nur woanders“, hat auf einer Karte gestanden, mit der mich ein lieber Freund (ein klassischer Unracer übrigens) über die Kosten der Weihnachtszeit hinwegtrösten wollte. Diese Weisheit bedeutet nichts weniger, als dass irgendjemand von diesen absurden Gewichtsfantasien profitiert, und das ist der Fahrradhandel. Mindestens jene Zulieferer, welche ein Bestandteil des Velos bauen, mit dem man auch nur ein kleines bisschen Gewicht einsparen kann. Das geht nicht mit allen Teilen gleich gut. Rahmen und Laufräder machen bereits den Löwenanteil vom Sparpotenzial aus. Das Deckelchen auf dem Vorbau drauf aus Karbon oder Titan zu fertigen, dürfte nicht mehr als ein geschätztes Gramm bringen (2.39 Fr.!), was aber nicht heisst, dass das nicht gemacht wird.

stemcapcarbonDa hat der Sattel dann doch deutlich mehr Sparpotenzial. Das ist kein Geheimnis, und deshalb hat seit dieser Woche die legendäre, uralte, aber momentan äusserst trendige Sattel-Manufaktur Brooks England (seit etwa fünfzehn Jahren Italian property) einen Carbon-Sattel im Sortiment. Brooks, der Name stand doch immer für sorgfältig gemachte Lederkernsättel, die man sich erarbeiten muss, denn erst nach einigen Tausend Kilometern sitzt man auf ihnen so recht bequem. So ein Sattel war jahrzehntelang Sinnbild für eine der ganz grossen Qualitäten des Radfahrens an sich: es vermittelt dem Menschen, dass er mit Arbeit, mit Ausdauer, Beharrlichkeit und Verzicht etwas erreichen kann! Dass nun Brooks einen Karbon-Sattel baut, ist nichts weniger als Hochverrat. Aus dieser Welt wird nichts Gutes mehr kommen. Ich hatte bis gestern, als ich das erfuhr, zwei Brooks-Sättel mein eigen genannt und muss nun vorläufig im Wiegetritt fahren, bis ich neue Sättel kaufen kann. Miese, schmierige Italiener. Mafiosi allesamt. Camorra und Cosa Nostra beginnen nicht zufällig mit einem C, so wie Karbon in vielen Sprachen und im Periodensystem der Elemente. Cazzi fängt übrigens auch mit C an, auch das kein Zufall.

Trost ist ausgerechnet im dergestalt geschändeten England zu finden. Vom britischen Premierminister Winston Churchill (1874 – 1965; „No sports!“) existiert die Anekdote, dass ihm ein talentierter junger Sprinter vorgestellt wurde, der im Lauf der Saison seine persönliche Bestzeit über 100 m um nicht weniger als drei Zehntelssekunden verbessert hatte. Churchill antwortete:“Grossartig. Und was machen Sie mit all der gewonnenen Zeit?“

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5 Gedanken zu “Was anfangen mit all der Zeit?

  1. Was anfangen mit all der Zeit? – Natürlich ein paar Kilometer mehr auf dem Velo verbringen, was sonst? Schöner Beitrag und sehr angenehm zu lesen.
    An einer Stelle mag ich auch genauer hinschauen, nämlich beim Vergleich von Godwin und Searvogel. Meines Wissens – ich hab’s nicht überprüft – ist Godwin sehr viel in der Gruppe oder hinter einem Auto gefahren, spricht im Windschatten unterwegs gewesen. Das schmälert keine der Leistungen, erhöht aber womöglich die prozentuale Steigerung von Searvogel, wenn sich dieser Umstand einberechnen liesse. Pi mal Daumen wären das ja 20% weniger Aufwand seitens Godwins über einen Grossteil der Distanz ;-). (Gut, konsequenterweise müsste dann auch ein Wettervergleich her)
    Mal schauen, wie weit Steven Abraham und die anderen Aspiranten auf den „Titel“ in den nächsten Monaten kommen. Ersterer soll ja „schlechteres“ Material fahren.

    1. Echt, Godwin ein Saugerfisch? Das wäre schade. Angesichts der heute verfügbaren Technologien ist anzunehmen, Searvogel hätte solches nicht verbergen können. Steve ist ein armer Kerl, er fährt ja nun irgendwie zwei Rekordversuche gleichzeitig. Aber eben, irgendwie sind sie alle arme Kerle, Getriebene: jeden, einfach jeden Tag auf dem Velo.

  2. Beim Gewicht wird viel geschummelt. Zumal es ja nicht nur um die absolute Zahl, sondern auch die Verteilung geht. 10 kg am Hinterrad, aber nur 3 kg am Vorderrad machen zusammen „nur“ 13 kg Gewicht, aber ist das sinnvoll?

    Egal, gute Rahmen zu bekommen war -glaube ich- zu allen Zeiten nicht einfach, aber da das MTB eine modebewusste Industrie ist, wird es da derzeit besonders schwer, erst recht wenn man dann noch 26″ Räder haben will……..

    1. Reden wir bloss nicht von den Radgrössen… ich frage mich häufig, wieviele Mannstunden auf Singletrails nicht stattgefunden haben mögen, weil Leute über solche Sachen debattiert haben, statt einfach ihr Rad zu satteln.

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