Velofahrer sind soo intolerant!

Letztes Wochenende besuchte ich den Turnerunterhaltung in unserem Dorf. Die ebenso alte wie weit verbreitete Tradition der Turnerunterhaltung ist einer der Gründe, weshalb ich aufs Land gezogen bin. Dieser Anlass – die jährliche Leistungsschau des örtlichen Tunrvereins mit anschliessendem Zusammensitzen in der Mehrzweckhalle – bringt die verschiedensten Leute aus dem Dorf an einen Tisch.

Mich brachte er beispielsweise mit einem ungefähr gleichaltrigen Mann, den ich erst flüchtig kannte, an einen Tisch. Nach ein paar Bier seinerseits und dem Outing als fleissiger Velofahrer meinerseits stellte er eine „provokative Hypothese“, wie er es nannte, in den Raum: Velofahrer sind die intolerantesten Verkehrsteilnehmer. Egal, ob er als Autofahrer, Radfahrer oder zu Fuss unterwegs sei, immer verhielten sich Radfahrer ihm gegenüber intolerant, indem sie ihn in Gefahr brächten. Wirklich, immer seien das Velofahrer.

Ich witterte Sippenhaft, blieb aber gelassen und fragte ein wenig nach. Insbesondere interessierte mich, was intolerant daran sei, andere Leute in Gefahr zu bringen, das sei doch allenfalls dumm, fahrlässig oder boshaft, aber nicht intolerant im engeren Sinne. Er blieb bei intolerant.

Irgendwie beschäftigte mich, wie er darauf beharrte, dass Velofahrer sehr intolerant seien, und ich dachte lange darüber nach. Irgendwann begann ich zu begreifen, was er meinte, und ich muss ihm recht geben. Wir Velofahrer sind tatsächlich die intolerantesten von allen Verkehrsteilnehmern. Ist so. Intoleranz bedeutet gemäss Duden nämlich

  1. Intolerantsein; Unduldsamkeit
  2. Mangelnde Widerstandskraft gegen bestimmte [schädliche] Stoffe

Wie Schuppen fiel es mir aus den Haaren: Aber ja, ich BIN intolerant gegen Autos, die mich seitlich umfahren im Kreisel, da reagiere ich mit Prellungen, Schürfungen oder Brüchen. Ich vertrage es ganz, ganz schlecht, wenn ein entgegenkommendes Auto genau dann ein anderes überholt, wenn dieses gerade mich kreuzt, und schlage manchmal vor lauter mangelnder Widerstandskraft meinen Helm an der Bordsteinkante kaputt. Meine Intoleranz geht sogar so weit, dass ich nicht schmunzeln kann, wenn ein Wagen vor mir auf dem Radstreifen parkiert ist; einmal habe ich mich vor lauter Ärger nachts auf so ein Auto drauf geworfen, von hinten.

Der Mann hatte ja so verdammt recht. Ich intolerantes Schwein, ich.

Nehmen wir aber im Sinn einer Arbeitshypothese mal an, der Mann hätte doch die erste Bedeutung von „Intoleranz“ gemeint, also Unduldsamkeit. Und nehmen wir als Gedankenspiel weiter an,“ Intoleranz“ im Verkehr führe dazu, dass der „Intolerante“ andere Verkehrsteilnehmer gefährde (so im Sinn von „Ich kann SUVs sowas von nicht ausstehen, darum fahre ich jetzt mal eins über den Haufen mit meinem Rennvelo, um endlich mal zu zeigen, wo der Hammer hängt.“).

Ist ein Velofahrer im eben beschriebenen Gedankenspiel „intolerant“, muss er nach seinem Angriff auf ein Auto sein Velo reparieren und seine Verletzungen auskurieren sowie die Beseitigung der Kratzer im Lack eines Autos berappen.

Ist ein Autolenker intolerant, besucht er nachher vielleicht einen Velofahrer im Krankenhaus. Vielleicht schickt er aber auch keinen Kranz zur Beerdigung eines Fussgängers.

Solche „Intoleranz“ (oder Dummheit oder Fahrlässigkeit oder Boshaftigkeit) dürfte unter Autofahrern nicht weiter verbreitet sein als unter Radfahrern, und auch nicht umgekehrt. Bloss gibt es verdammt viel mehr Autos in unseren Strassen als Velos, und sie sind so verdammt viel schneller und schwerer als Velos, und die Velos sind so verdammt viel schlechter gepanzert als die Autos. Da kann keiner was dafür, aber es ist nun mal so. Teil der Physik, wie Newtons Apfel. Und trotzdem ist das der Grund, dass im Strassenverkehr „Intoleranz“ (oder Dummheit oder Fahrlässigkeit oder Boshaftigkeit) eben nicht gleich „Intoleranz“ (oder Dummheit oder Fahrlässigkeit oder Boshaftigkeit) ist. Das Schadenspotential beim „intoleranten“ Velofahren ist generell kleiner als beim „intoleranten“ Autofahren. Das ist keinesfalls keine Rechtfertigung für rücksichtslose Radfahrer. Aber es sollte ein Denkanstoss für Autofahrer sein, die sich als Opfer von ebendiesen rücksichtlosen Velofahrern (oder überhaupt von allen Velofahrern) sehen.

Bei der nächsten Turnerunterhaltung werde ich zwei, drei Bierchen trinken, mich zu meinem neuen Bekannten setzen und eine provokative Hypothese in den Raum stellen: Vielleicht hat das ja mit seinem Verhalten im Verkehr zu tun, dass er – in welcher Rolle auch immer – ständig durch intolerante Velofahrer bedroht wird. So intolerant von mir.

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