Erste Bilanz: Das ist KEIN Korb!

Wer schon einmal einer Unterhaltung unter Deutschschweizern beiwohnen durfte / musste / getan hat, der kennt eine der vordergründigsten Eigenheiten unserer an Eigenheiten nicht armen Sprache: Wir benutzen – alles Durchschnittswerte für progressive Stadtmenschen – den Diminutiv während einer Minute häufiger als das Velo in einem Monat. (Das mag zwar konsequent sein: wir verniedlichen sowohl unsere Nomen wie auch unseren Fahrradgebrauch. Ob es auch schlau ist?) Wir schnäuzen also in ein Nastüechli, tragen bei Sonnenschein ein Chäppli auf dem Kopf oder essen zum Frühstück ein Brötli. Gerade jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, wählen wir unser Parlamentli für die kommenden vier Jahre! Aber dazu ein andermal mehr, wenn die Stimmen ausgezählt sind und die äussere Rechte fertig gefeiert hat. Vorerst ein Nachtrag zu einem früheren Post.

Obwohl ich den Zwang zur Verkleinerungsform bestens kenne und ihn selbstredend auch in mir trage wie ein zu üppig geratenes Fondue, zucke ich jedes Mal zusammen, wenn mir jemand sagt: „Oh, du hast ein Chörbli an dein Velo gemacht!“ Das ist in letzter Zeit nicht selten vorgekommen, sicherlich dreimal. Der Zusammenhang: ich habe vor wenigen Monaten meinen Lowrider (Frontgepäckträger für tief sitzende Taschen) gegen einen Kombiträger ausgewechselt, wie ihr euch vielleicht erinnert. Dieser besteht aus einem Lowrider und einem Korb, weshalb er den einprägsamen Namen Rasket (rack plus basket) trägt. Landläufig wird unter einem Korb ein geflochtener Lenkerkorb verstanden, eine Monstrosität, die ich meinem Fahrrad niemals zumuten würde (danke an b-ware-günstig.de für das hübsche Bild!). Und meinem Hund auch nicht, übrigens. Ich antworte auf diese Bemerkung jeweils mit engelsgleicher Geduld und einem entsprechenden Lächeln: „Nein, Liebes, das ist kein Korb, sondern ein Frontgepäckträger mit Absturzsicherung, ja?“

Von allen möglichen Stellen am Velo, an denen man Gepäck befestigen kann (und davon gibt es einige!), bevorzuge ich ganz klar die Vordergabel. Grund: hinter der Mitte sitzen schon ich (82 Kilo nackt, was aber selten vorkommt; meist muss daher noch die Kleidung, gelegentlich auch ein Helm dazugerechnet werden) und meine 14-Gang-Nabenschaltung. Frontgepäck verbessert die Gewichtsverteilung deutlich und stabilisiert nach meiner Erfahrung das Fahrverhalten auf unebenem Untergrund; das macht die etwas grössere Trägheit beim Lenken allemal wett, sofern man es mit der Ladung nicht übertreibt. Ausserdem hat man das Gepäck vorne immer im Blick. Bei einer Radtour durch kriminelle Gegenden kann das an einer roten Ampel ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein (schätze ich mal, denn ich habe so eine Unternehmung noch nie gemacht).

Lange hatte ich nach einem Lowrider-plus-Frontträger betrieben, ohne ein Modell mit erträglicher Ästhetik zu finden. Ich wollte zwar einen Frontkorb, gleichzeitig aber den Lowrider nicht aufgeben. Vor etwa drei Jahren brachte dann Pelago neue Stützen für ihren Rasket auf den Markt, die Fronttaschen aufnehmen können. Umgehend schwatzte ich sie der Hälfte unserer Redaktion auf und schickte diese zum Härtetest nach Spanien:

Beachte: die grossen Taschen hängen vorne, die kleinen hinten.

Erst als Ross und Reiter zurück waren, montierte ich diese Stützen und einen Korb-aka-Frontträger-mit-Absturzsicherung auch an meinem eigenen Velo:

Nach einem halben Jahr Gebrauch kann ich berichten: meine Vorliebe für Frontgepäck ist noch gewachsen. Mit der beim Pendeln üblichen Last im Korb lässt sich das Vorderrad auch in voller Fahrt über zu hoch geratene abgesenkte Randsteine heben, bei gemächlichem Tempo auch über nicht abgesenkte. Freihändig fahren geht bei ausreichendem Tempo ebenfalls, ist aber schwieriger. Bitte vorher abseits vom Stossverkehr üben. Zu empfehlen ist so ein praktisches Cargo-Netz, das man über den Korb spannen kann wie Frischhaltefolie über die Schüssel mit dem übrig gebliebenen Kartoffelsalat nach einer Wohnungseinweihung. Damit lassen sich auch im Fahren Jacke, Mütze, Wasserflasche oder Sonnenbrille verstauen, was unglaublich praktisch und zeitsparend ist. Natürlich sollte nicht hoch bis ins Sichtfeld gebaut werden.

Seien wir aber ehrlich: Auch so ein Korb hat zwei Seiten, wie alles andere. Zum einen wird das Velo als Ganzes schwerer, was beim Tragen (Gott behüte!) oder beim Aufhängen im Zug oder Velostall stört. Das Velo mit Korb in einer Abstellanlage zu platzieren, wird je nach Art der Anlage zur Akrobatiknummer. Mehrmals musste ich deswegen das Rad schon woanders deponieren. Damit kann man aber leben. Man sollte sein Rad schliesslich fürs Fahren fit machen, und nicht fürs Stehen. Bei anderen populären Fortbewegungsmitteln ist das ja gerade umgekehrt, hüstel.

Bei der Montage muss in der Regel das Vorderlicht versetzt werden, was erfordert, dass ein Stück Kabel eingesetzt wird. Ob die Anbau-Stellen an Kopf und Ende der Gabel vorhanden sind, sollte natürlich vor dem auf des trägers geprüft werden, sonst guckt man plötzlich dumm aus der Wäsche. Und schliesslich: Das Cargonetz, so praktisch es ist, kann einen zur Weissglut treiben. Wenn man am frühen Morgen, ganz zappelig vor Vorfreude auf einen weiteren Tag im Büro, seine Tasche festschnallen will, verhakt sich immer, aber immer, einer der sechs Haken irgendwo. Wie eine Klette oder eine spielende Katze. An einem Kabel, am Korb, an der Tasche oder an der Kleidung. Wenn ich nur eine kleine Tasche dabeihabe und sicher bin, dass ich abends auf dem Heimweg nicht noch zwanzig Kilo Katzenstreu oder eine wertvolle Schallplatte, womöglich eine längst vergriffene Sonderpressung aus den mittleren bis späten Sechzigern, besorgen muss, lasse ich das Netz daher manchmal zu Hause. Auf Radreisen, wo das Gepäck den ganzen Tag am Ort bleibt, ist das Netz aber mehr als wertvoll.

Fazit: Alles richtig gemacht. Ausser bei der Montage des Scheinwerfers. Der lässt sich seither nicht mehr auf Knopfdruck ein- und ausschalten, sondern ist immer an. Aber sonst ist der Trägerkorb ein grosser Gewinn.

Willst du einen Kommentar hinterlassen?