Velopendeln, richtig minidramatisch: Zweiter Akt

(Fortsetzung des ersten Akts.)

Personen, Ort und Zeit: dieselben wie im ersten Akt, ausser:

V: Vorgesetzter von M1, M2 und M3. Fährt in der Regel mit dem PKW zur Arbeit, selten mit seinem E-Bike mit Tretunterstützung bis 45 km/h.

V (tritt ins Büro, M2 und M3 an ihren Schreibtischen, in Arbeit vertieft): Guten Morgen die Herren! Hat einer von euch — (Erblickt hinter M2 einen Fahrradhelm auf dem Regal und stutzt. Zu M2): Du bist heute aber nicht etwa mit dem Fahrrad hergekommen? Bei der Kälte tut man sowas nicht, oder?

M2 (leicht verunsichert): Ähm, doch. Also, ich hab mich natürlich warm angezogen, Fäustlinge und Überschuhe und so, dann geht…

V: Und der Schnee? Ist das nicht viel zu rutschig? Und wenn es dich hinschmeisst und der LKW hinter dir nicht bremsen kann? Ich will deine Stelle nicht schon wieder neu besetzen, weisst du? Du bist ja noch in der Probezeit! (Lacht.)

M2: Na ja, aufpassen muss man schon, aber ich bin ja auf fast der ganen Strecke hierher nur auf Radwegen unterwegs, die sind spätestens um sieben Uhr geräumt, und Brummis gibt’s da keine (Lacht ebenfalls.)

V: Trotzdem. Mir wär viel zu kalt. Und ehrlich gesagt auch zu mühsam, mit all den Klamotten und so, und dann steht man hier und tropft das Büro voll…

M2: Wieso? Ich dusche erst mal kurz, und dann hänge ich den ganzen Plunder hinter der Garderobe auf. Der Hausdiesnt hat dort extra ein paar Wäscheleinen gespannt, da geht eh kaum einer durch.

V (blickt M2 eine Weile nachdenklich an und lächelt dabei leicht): Wie lange bist du denn da unterwegs? Eine Dreiviertelstunde sicher, oder?

M2: Nicht ganz. Kommt drauf an, ob es eisig ist oder nicht.

V (schüttelt den Kopf): Du bist ja vielleicht eine Wildsau, Mensch. Aber wenn man sowas mag – Hut ab, ich könnte das nicht. Bleib dran, ist ja schön, tut mal einer was für seine Gesundheit. Fahr einfach vorsichtig, ja? Wie gesagt…

M2: Alles klar, Chef.

V: Was ich eigentlich fragen wollte: Hat einer von euch M1 heute Morgen schon gesehen?

M3: Gesehen nicht. Aber er hat eben angerufen. Er fährt hinter einem Schneepflug her, im Schrittempo, hat er geschrien, und hat keine Ahnung, wann er hier sein wird. Klang irgendwie gestresst.

V: Na, der wär wohl besser auch mit dem Rad gekommen…

Alle: Blicken sich kurz wie verwirrt an und brechen dann in längeres schallendes Gelächter aus.

V ab, sich die Tränen abwischend: Der M1! Mit dem Fahrrad! Was läuft eigentlich bei mir? (Schnieft.)

(Vorhang)

Routinierte Velopendler haben natürlich bemerkt: Im Gegensatz zum ersten Akt ist der zweite komplett frei erfunden. Dass jede Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Personen rein zufällig ist, muss da nicht erwähnt werden. Es geht ja auch niemand in einen Jeansladen und sagt: „Ich hätte gern eine Jeans.“ (Ganz unter uns gesagt: mir ist das kürzlich tatsächlich passiert, aber sagen Sie’s nicht weiter. Was haben wir uns schlapp gelacht, der Verkäufer und ich. So ein sympathischer Mann, das!)

Wir müssen an dieser Stelle wohl oder übel zugeben, dass wir im zweiten Akt das Absurde und Groteske, das einem Minidrama definitionsgemäss eigen ist, masslos übertrieben haben. Ein Glück, ist die Spieldauer unter 15 Minuten geblieben, sonst hätten wir glatt das Genre wechseln müssen. Neben den vielen unverschämten Übertreibungen haben wir aber auch ein paar durchaus subtile eingestreut, die beim erstmaligen Durchlesen leicht unentdeckt bleiben. Hier eine kleine Auswahl:

  • Der Chef ist um einen Mitarbeiter besorgt (Und wenn es dich hinschmeisst und der LKW hinter dir nicht bremsen kann? Ich will deine Stelle nicht schon wieder neu besetzen, weisst du? Du bist ja noch in der Probezeit!).
  • In dem Betrieb gibt es eine Dusche und eine Garderobe für die Mitarbeitenden (Ich dusche erst mal kurz, und dann hänge ich den ganzen Plunder hinter der Garderobe auf).
  • Der Chef hat eine vage Vorstellung davon, wo sein Mitarbeiter lebt und wie lange er für seinen Arbeitsweg braucht (Wie lange bist du denn da unterwegs? Eine Dreiviertelstunde sicher, oder?).
  • Der Radweg wurde rechtzeitig nach dem Schneefall vom Schnee befreit (…nur auf Radwegen unterwegs, die sind spätestens um sieben Uhr geräumt…).
  • Die Hauptstrasse, die offenbar vom Berufsverkehr benutzt wird, ist noch nicht vom Schnee befreit, obschon der Berufsverkehr bereits angerollt ist (…Er fährt hinter einem Schneepflug her…).
  • Mitarbeitende und ihr Chef verstehen sich auch auf einer nicht rein beruflichen Ebene (Blicken sich kurz wie verwirrt an und brechen dann in längeres schallendes Gelächter aus).

Jegliche Gesellschaftskritik ist übrigens unbeabsichtigt. (Schnief.)

3 Gedanken zu “Velopendeln, richtig minidramatisch: Zweiter Akt

Willst du einen Kommentar hinterlassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s