Victim Blaming oder Wie das Velo meine Festtage rettete.

Es ist ein beliebtes Klischee, dass die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage vor allem eines sind: anstrengend. Aber auch Klischees haben schliesslich einen wahren Kern, was sie von pechschwarzen Lügen entscheidend unterscheidet. Daher wird niemand ernsthaft einen gewissen Stressfaktor hinter den Festivitäten abstreiten. Während man übers Jahr seinen Verwandten fast problemlos aus dem Weg gehen kann, wenn man das möchte, ist man über die Festtage quasi mit ihnen in eine Zelle gesperrt, tageweise wenigstens. Man hat zwar ein gemeinsames Ziel (ein gutes Essen kreieren; ohne Gewaltausbrüche über die Runden kommen; niemanden nachhaltig beleidigen, in dessen Testament man potenziell vorkommen kann), was einem Kraft gibt, Ruhe zu bewahren und auf kritische Bemerkungen („Da hast du dir aber ein spezielles Outfit ausgedacht, Liebes!“) besonnen zu reagieren. Was zu viel ist, ist aber auch in diesen Tagen zu viel. Immerhin wird weihnachts in aller Regel gut gespiesen, was das unfreiwillige Soziallabor erträglicher macht. Es wird jedoch dermassen viel gegessen – und nicht zuletzt auch getrunken – dass dieser Effekt mehr als wettgemacht wird. Ein klassischer Rebound-Effekt. Kurz: so gern man alte Verwandte und neue Socken mag, es steckt einiges an Konfliktpotenzial in den festtäglichen Zusammenkünften. Eiertanz und Minenfeld sind dafür nur die beliebtesten Vornamen.

Offenbar haben wir, die wir nun hier versammelt sind, die mehr oder weniger frohen Fresstage aber mehr oder minder gut überstanden, sonst wären wir nicht hier. In Nervenkliniken und U-Haft-Zellen ist der Internetgebrauch nämlich erschwert. Es mag wie ein weiteres Klischee klingen, aber es die reine Wahrheit und ausserdem empirisch belegt: Fahrradfahren hilft auch in der beinahe aussichtslosen Situation, die sich Festtage nennt! Wie mir frohe Weihnachten geglückt sind – ein Erfahrungsbericht.

Am Anfang stand, gemäss der natürlichen Reihenfolge, das Einholen. Zwar karrten wir die grossen Mengen an Grundnahrungsmittel im Carsharing mit den Schwiegereltern heran. Die besonderen Delikatessen holte ich dann aber mit dem Velo in den weit herum verstreuten Spezialgeschäften ab, schnell, unkompliziert und stressfrei, weil nicht an verstopfte Fahrbahnen gebunden. Schon die Hinfahrt zum Supermarkt machte Spass: Es gelang mir erstmals, die Rampe aus der Autobahnunterführung hochzufahren:

Was nach dem Einkauf an Stauraum übrig blieb, füllte ich sicheren Auges mit der maximal möglichen Menge an Vorräten:

Zuladung zirka einundzwanzig Kilogramm.

[Kleiner Exkurs für die Sekundarschüler und andere unter uns, die sich über alle Massen für Physik begeistern können: Um mich, mein Velo und die Beute vom Supermarkt nach Hause zu fahren, waren bei einem Systemgewicht von 120 kg (Aus Diskretionsgründen schlüsseln wir das jetzt nicht weiter auf; wenn es aber jemand trotzdem versucht, so berücksichtige sie oder er bitte daran, dass ich halbwinterlich angezogen war!) und 120 Höhenmetern 144 kJ erforderlich. Grob geschätzte Werte für den Wirkungsgrad von Mensch und Maschine von 28 bzw. 75 % (für eine Rohloff Speedhub im 7. Gang, sagt das Internet) ergibt das unglaubliche 686 kJ. Das entspricht dem Energiegehalt von 150 g Rindsbraten, 4 dl Bier oder 1.1 kg Endivien! Den Gegenwind, der heimtückischerweise wehte, lassen wir aus unserer Abschätzung weg:

Auf dem Hinweg war noch erkennbar gewesen, welches Kantonswappen die Fahne zierte!

Sein Effekt lässt sich heute nicht mehr ausreichend genau abschätzen, denn ich weiss nicht mehr, ob meine Ohren draussen oder unter einer Mütze getragen wurden. Ende des Exkurses, und wer diese grobe Abschätzerei jetzt hinterfragt oder gar nachrechnet, ist eine doofe Korinthenkackerin und darf sich gerne zu etwas genauer arbeitenden Kollegen verkrümeln.]

Die Idee, mit dem Velo Festtagsessen zu beschaffen, scheint kinda originell zu sein, denn selten habe ich den Radweg so für mich alleine gehabt.

Den saisongerechten Belastungstests für unsere Magenwände stand damit nichts mehr im Weg: Kühlschrank und Vorratskammer waren zum Bersten voll. Ein Zustand, der gerade mal zwölf Stunden oder ein Weihnachtsessen und einen Weihnachtsbrunch lang anhielt. Am 26. Dezember stellte sich nicht ganz unerwartet ein Völlegefühl ein, da die Resten der erwähnten Mahlzeiten aus moralischen Gründen ja auch beseitigt werden mussten. Das ungewöhnlich warme Wetter liess praktischerweise eine Ausfahrt mit dem Rennvelo zu. Das entlastete zwar meine Magenwand, half aber meiner Laune nicht, denn der Velocomputer zeigte unerbittlich betrübliche Tatsachen an. Ausserdem kam ich mir vor wie der Schinken vom Heiligabend im Dampfkochtopf. Schliesslich war es bei aller Klimaerwärmung dann doch Dezember, also hatte ich für allfällige Schattenpartien lieber genug Kleider angezogen. Man hat ja nicht umsonst seit Jahren Thermoüberschuhe im Schrank!

Unterwegs gab es so einiges zu sehen: Die Bauern unserer Region hatten nichts unversucht gelassen, mittels Kunstschnee eine winterliche Stimmung auf ihre Felder zu zaubern, was ihnen recht gut gelang, wie ich finde. Einzig bei den Attrappen für die Slalomstangen sehe ich noch etwas Luft nach oben.

Ausserdem fliegt die beste Neuschnee-Flunkerei auf, wenn der Nachbar, der Rappenspalter, nicht mitmacht:

Die Altjahreswoche verging wie im Flug. Es blieb gerade noch Zeit, das bereits etwas beleidigt dreinschauende Mountainbike zu erlösen und es ein Stündchen auszuführen. Wie es vor Freude quietschte, war herzerwärmend! Kurz nach dem Duschen galt es auch schon, vom alten Jahr Abschied zu nehmen und dem neuen seine offenen Arme entgegenzustrecken. Möge es uns allen nicht möglichst viele, sondern möglichst schöne Kilometer auf dem Rad bereithalten! Zum Thema neues Jahr kommt mir die letzte Ausgabe von Das Magazin im alten Jahr in den Sinn. Es enthält „Vorsätze für 2023: 26 Ideen, wie wir alle ein wenig freundlicher werden.“ Allerhand schöne und teilweise leicht umzusetzende Ideen waren da zu lesen, und eine freundlichere Welt, wer könnte da etwas dagegen haben? „Leute mit dem Namen ansprechen, weil alle einen haben“, leuchtet ein und tut keinem weh. „Nicht im Weg sein. Grundsätzlich“, klingt schon ein bisschen wie eine Aufforderung zu einem Vollbad in hochprozentiger Salzsäure, was mir unsympathisch vorkommt.

Vollends zum Nachdenken brachte mich aber der Vorschlag, „Verkehrskonform Velofahren. Denn auch Autofahrer sind Menschen“. Es stellten sich mir drei schwerwiegende Fragen:

  1. Was sind dann Autofahrerinnen? Etwa keine Menschen?
  2. Es wird das Argument angeführt, Velofahrende seien Autofahrenden moralisch überlegen. Steht dieser Ansatz der möglicherweise an der Wurzel der herrschenden gegenseitigen Intoleranz im innerstädtischen Verkehr?
  3. Wieso folgt in dem Heft nicht sofort der Vorschlag „Rücksichtsvoll Auto fahren. Denn Velofahrende sind auch Menschen, und sie sind sogar ohne Knautschzone unterwegs.“

Ich beschloss, diesem Kuriosum durch intensives Nachdenken auf den Grund zu gehen und ging am Berchtoldstag auch noch das Gravelbike ausführen. Es half aber nichts, ich kam nicht dahinter, wieso Das Magazin nun auch schon victim blaming betreibt. Dafür gewann ich eine andere Einsicht: Wir Menschen sind bereit, uns dem Klimawandel anzupassen – selbst wenn dazu eine Änderung unseres eigenen Verhaltens erforderlich sein sollte! Ich beobachtete nämlich ein krasses Beispiel von Verhaltensänderung, ausgerechnet bei den Autofahrenden, die den Velofahrenden doch angeblich moralisch unterlegen sein sollen! (Vermutlich wollen sie Busse tun.) Weil die Weihnachtsfeiertage so frühlingshaft warmes Wetter mit sich brachte, wurde der traditionelle Osterstau auf den alpenquerenden Autobahnen kurzerhand auf den Berchtoldstag vorgezogen:

Wie heisst es doch so schön? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Ostern! Solche geistige Flexibilität wünschte ich mir von den Velofahrenden, welche ständig wegen fehlender „Infrastruktur“ (auch so eine Modefloskel!) herumheulen, statt einfach etwas mehr rechts zu fahren. Echt jetzt.

Zum Schluss noch dies: das warme Wetter über Weihnachten verdanken wir zwar zu einem schönen Teil den Autofahrenden der vergangenen Jahrzehnte. Dass wir uns bei ihnen dafür bedanken, wäre aber etwas gar viel verlangt (das wäre dann schon beinahe victim self-blaming) angesichts dessen, was uns in Sachen Klimawandel noch bevorsteht.

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