Was Bob Dylan mit dem Fahrrad zu tun hat.

Kann mir mal bitte jemand etwas erklären? Hauskatzen gehören zu den elegantesten, schönsten und anmutigsten Tieren, die es gibt. Sie bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit über schmalste Mauern oder gar Zäune, können geräuschlos über einen aufgespannten Sonnenschirm schreiten, und viele von ihnen sehen darüber hinaus auch noch athletisch aus. Wie kommt es dann, dass ihre Füsse aussehen, als ob ein vierjähriges Kind mit seinen Wachsstiften am Werk gewesen wäre?

Das ist eine durchaus naturalistische, wenn auch exemplarische Darstellung! Das Vorbild war unser Kater. Er ist nebenbei auch mein grosses Vorbild, was die Freizeitgestaltung angeht. Mir ist aber bewusst, dass ich niemals sein Level werde erreichen können:

Wer mir das mit den etwas plump geratenen Katzenpfoten erklären kann, dem werde ich im Gegenzug gerne auch etwas erklären. Und zwar, dass es mit dem Musikhören genau dasselbe ist wie mit dem Velofahren:

Musik gehört zu unser aller Leben. Die meisten von uns hören sie, wo immer und wann immer sie können. Tragbares Internet und kabellose Kopfhörer machen das heute ganz einfach, aber es war schon immer so. Musik beruhigt oder gibt einem Energie, lässt uns ausflippen oder schwelgen, rührt uns zu Tränen oder bringt uns gruppenweise zum Tanzen. Sie reisst mit und lässt uns seltsame Dinge tun wie Luftgitarre spielen. Und das ist grossartig.

Wer möchte, kann sich aber noch viel mehr holen bei der Musik, und zwar bei Stücken mit gesungenem Text. Nicht bei allen, aber bei vielen Liedern erschliesst der Text eine zweite Bedeutungsebene, wenn man Lust, Zeit und Ruhe dazu hat. Diese zweite Ebene kann mit der Melodie korrespondieren, muss aber nicht. Songtexte sind nämlich Literatur, und Lieder sind vertonte Gedichte, wobei der Textteil zugegebenermassen häufig nicht genug Aufmerksamkeit bekommt beim Herstellen. Sie erzählen gelegentlich wunderbare, tragische, lustige oder nachdenklich machende Geschichten. Bob Dylan hat sogar den Literaturnobelpreis bekommen für sein Wortwerk, auch wenn er ihn nicht wollte und ihn, glaube ich, bis heute nicht abgeholt hat.

Die Berner Mundart-Rockband Züri West ist ebenfalls ein Meister darin, grossartige Geschichten in Songs zu verpacken, manchmal in mehreren Kapiteln auf einem Album. Wer wird denn nicht neugierig bei einem Songtitel wie Ghürate ha se nume wüu sie gliich usgseht wie du („Geheiratet habe ich sie bloss, weil sie gleich aussieht wie du“)? Wer besonders gute weitere Beispiele kennt, ist herzlich eingeladen, sie in den Kommentaren zu platzieren.

Ich kenne viele Menschen, die können Teile eines Liedes mitsingen, ohne einen blassen Schimmer zu haben, worum sich der Text dreht. Vielen ist es auch ganz egal, was da gesungen wird, solange der Sound stimmt. Und das ist gut so. Wer sich aber Zeit und Mühe nimmt, dem Text zu folgen, kriegt eine Extraportion Genuss geliefert. Das muss man selbst einmal erlebt haben, um es zu verstehen,

Mit dem Velofahren ist es ganz ähnlich. Wer auf dem Rennvelo einen Pass hoch fährt, bekommt bestätigt, wie sehr er oder sie trainiert hat, ist oben vollkommen zufrieden, und die Landschaft ist sowieso überwältigend. Ebenso kann der Temporausch auf der flachen Strasse süchtig machen. Ein herausfordernder Singletrail will mit dem Mountainbike bewältigt, bezwungen werden, und das flutet die Fahrerin mit allen möglichen Hormonen. Darum fahren so viele Menschen Rad in ihrer Freizeit.

Die zweite Ebene liegt im nicht-sportlichen Velofahren. Im Fahren zum Zweck, zur reinen Fortbewegung. Auf Veloreisen, auf Alltagsfahrten zum Einkaufen oder auch bloss auf dem Weg ins Büro. Wer sich nicht ständig anstrengen oder konzentrieren muss, sondern sich auch mal langweilt, kommt auf ganz andere Gedanken, sieht, hört und riecht mehr. Auch wenn beim Pendeln die Strecke jedes Mal die selbe ist, ist es doch kaum zweimal dasselbe Erlebnis. Mehrtägige oder -wöchige Velotouren wirken noch viel stärker. Auch hier gilt: wer das nicht selber eine Weile gemacht hat, wird das vielleicht nicht verstehen. Macht aber auch nichts. Just ride!

PS: Sehen Sie die Katze im Beitragsbild? Auf der Südseite des Berninapasses zwischen dem Oberengadin und der Val Poschiavo in den Ostalpen haben Strassenbauer unseren felinen Freunden ganz unauffällig, aber riesengross ein Denkmal gesetzt. Wohlweislich ohne Pfoten. Und wäre es nicht pure Poesie, mit einem ganz gewöhnlichen Rad total gemütlich von Sfazù über Pozzulasc und Suracqua nach La Tunta zu fahren?

Willst du einen Kommentar hinterlassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s