The early days of bikepacking

Dieser Blogeintrag ist eigentlich zum Vornherein zum Scheitern verurteilt: Seit beinahe einem Vierteljahr ist hier nichts Neues mehr abgedruckt worden. Wie peinlich. Der vertrauensvolle Leser wird sich in in der Zwischenzeit in Geduld geübt und geglaubt haben, dass die Redaktion von velopflock am Recherchieren einer grossen Geschichte sei. Entsprechend hoch sind nun die Erwartungen an diesen Post – zurecht! So hoch, dass wir sie kaum erfüllen können. Aber Recherchieren war nie unsere Taktik. Wir schreiben lieber einfach mal drauf los. „Nur damit Sie nicht zu viel erwarten“, wie es Pete Maverick kürzlich formulierte

Und da eben gerade nichts recherchiert wurde, nutzten wir die Zeit für unsere wohlverdienten Familienferien. Wie das dann so ist, an langen, heissen, ruhigen Nachmittagen, die man als halbberufliche Bloggerin wirklich sehr schätzt: Den Kindern wird es irgendwann langweilig. Also mussten sie sich anhören, wie wertvoll Langeweile ist für die gesunde Entwicklung von Geist und Seele, und wie viel Langeweile ihre Eltern seinerzeit aushalten mussten – und nun wirklich sehr, sehr dankbar sind dafür.

Für diesen Vortrag wollte ich mir dann aber schon ein bisschen was überlegen. Also kramte ich fleissig in meinen Kindheitserinnerungen. Wie hatte ich denn diese endlos langen langweiligen Sommernachmittage so zugebracht? Dass ich einen grossen Teil der Zeit vor der Glotze verbrachte, wäre keine nützliche Information für sie. Von meinen Erlebnissen im Freibad müssen sie nichts wissen, denn solche müssen sie schon selber machen. Eine überaus deutliche Erinnerung habe ich jedoch an ein Taschenbuch aus dem Schneider-Verlag, welches ich mindestens fünfzig mal durchgeblättert habe in einem Sommer Mitte der Achtziger, und einmal auch komplett gelesen. Und es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass mich dieses Buch bis heute prägt. Geschrieben haben es die Cousins Richard und Nicholas Crane aus England, die 1984 wohl als erste ihre Fahrräder auf den Klilmandscharo beförderten, teils fahrend, über weite Strecken aber tragend.

Von der deutschen Ausgabe sind im Internet nur pixelige Spuren zu finden.
Bei der englischen Originalausgabe sieht es besser aus.

Ich war so begeistert davon, was ich da las und sah, dass ich das Buch wochenlang nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ich schaute mir jede einzelne Abbildung so genau an, dass ich sie noch ein Jahr später allesamt detailgetreu hätte nachzeichnen können. Die Idee, mit einem Velo in abgelegenste Gegenden vorstossen zu können, unabhängig von jeglicher Infrastruktur wie Strassen, Jugendherbergen oder Bahnhofkiosken, liess mich ab sofort nicht mehr los.

Ich erzählte meinem besten Freund von dieser Erleuchtung, und ein Jahr später entdeckten wir im Schaufenster eines Fahrradhändlers in unserer Stadt dann auch tatsächlich die ersten „Mountain-Bikes“. Ich kann das heute selbst kaum mehr glauben, aber wir kauften uns beide wenig später jeder eines dieser Räder und fingen umgehend an, unsere eigene Abenteuerreise zu planen. So sah unsere Inspiration aus, und die galt es, wenn möglich, zu übertreffen:

Bikepacking, early days.

Einen Brooks-Sattel mit Federung wie die Cranes wollten wir uns nicht grad leisten, deshalb konzentrierten wir unsere ganze Energie auf den Nachbau der Nackenpolsterung, in der linken unteren Ecke im obigen Bild. Die Cranes trugen ihre Fahrräder nämlich nicht etwa salopp auf einer Schulter die endlosen Schutthalden des Kilimandscharo hoch wie die Radcross-Fahrer. Sie hatten eine bessere Methode entwickelt. Und zwar steckten sie ihren Kopf durch das Rahmendreieck, welches bei den damaligen Bike-Modellen mit horizontalem Oberrohr und bar jeder Federung noch schön gross war. Das Sattelrohr ruht bei dieser Technik dann auf dem Nacken oder sogar auf dem schön grossen Rucksack, in dem Zelt, Matratze, Schalfsack, Wasser und Nahrung nebst allen anderen für eine Expedition unverzichtbaren Gegenständen Platz finden. Und für die Variante „Nacken“ benutzten sie eben ein Stück Rohr-Isolations-Material aus dem Klempner-Bedarf. Wir setzten das einszueins um:

Swiss style: Pulli um die Taille gebunden statt „berghaus“-Gore-Tex-Jacke. (Anmerkung: die graue Rolle oben auf dem Rucksack ist NICHT die Polsterung des Sattelrohrs, sondern eine Liegematte.)

Uns zwei Rucksäcke gleichzeitig umzuschnallen wie die Cranes, war uns dann doch zu mühsam, und so suchten wir nach einer etwas kürzeren Expeditionsroute. Der Kilimandscharo war ja schon gemacht, auf dem Mont Blanc hatte es angeblich im Sommer immer so viele Leute, und überhaupt erwiesen sich unsere alpintechnischen Vorkenntnisse schon bei flüchtigem Hinschauen als einigermassen bescheiden. Damit wir hinterher dennoch einen bestsellertauglichen Erlebnisbericht würden schreiben können, entschieden wir uns für eine medienwirksame Umrundung des Gotthardmassivs. Den Oberalp-, den Gotthard- und den Nufenenpass überquerten wir plangemäss, allerdings zu neunzig Prozent auf Hauptstrassen, da ein Stahlrahmen-„Mountain-Bike“ der ersten Stunde auch mit der ausgefeiltesten Tragetechnik ein gewisses Gewicht aufwies und wir darum die Wanderwege tendenziell nicht gerade suchten. Wie erwartet erregte unser Erscheinen allerorten eine gewisse Aufmerksamkeit. Das Lächeln der Menschen, die wir auf den wenigen Tragepassagen antrafen, interpretierten wir als „aufmunternd“.

Zufrieden in einem Oberwalliser Thermalbad sitzend, beschlossen wir, den Furkapass nicht auf der kurven- und verkehrsreichen Strasse, sondern per Bahn zu bewältigen, was zu der Zeit ja auch noch nicht mancher mit einem „Mountain-Bike“ gewagt hatte. Weiter ging es danach bergab an den Vierwaldstättersee, und von da war es dann nicht mehr weit nach Zürich, wo die grossen Verlage residierten, die sicherlich über unsere Expedition berichten wollten. „Nicht weit“ dachten wir. Weil mein Sattel aber immer im Lauf der Tage immer stärker nach hinten kippte, trotz allem Murksen mit dem Gabelschlüssel, fing mein Rücken zu Beginn der zweiten Flachetappe immer stärker an zu schmerzen, so dass ich mein Rad einige Kilometer vor Zürich entnervt in die Büsche schleuderte und wir umgehend in die Sihltalbahn stiegen und nach Hause fuhren. Gelohnt hat sich die Schinderei aber dennoch. Bis heute erzählen wir uns gegenseitig Anekdoten aus dieser ebenso entbehrungs- wie erlebnisreichen Zeit, und sogar ein Blogeintrag war in Planung. Bis heute.

Um zurückzukommen auf meine Lektion zum Thema Langeweile in unseren Ferien: Ich beschloss, dass unsere halbwüchsigen Kinder noch zu jung sind für solche Berichte. Sie könnten deren Ausgang als Scheitern fehlinterpretieren, und das würde den Ereignissen jenes Sommers 1987 dann doch nicht gerecht. Also gingen wir zuammen ein Eis essen. Ich versprach den Kindern, die Kosten dafür zu tragen, sofern sie die unglaublich langweiligen Sorten Erdbeer, Vanille oder Schokolade wählen würden. Denn Langweile, das wissen alle praktizierenden Eltern, ist essenziell für eine gesunde körperliche Entwicklung im Jugendlichenalter.

3 Gedanken zu “The early days of bikepacking

  1. Bravo! (Auch wenn das gar nich langweilig war). Den Kopf im Rahmendreieck finde ich allerdings gewagt. Was, wenn’s einen auf die Fresse haut? Die Fresse kommt dann ja nicht wie gewohnt unten an, weil sich das Genick vorher im Rahmen verheddert und so den ganzen Fall abbekommt. Keine schöne Vorstellung.

    Bonne Nuit Alain Delon

    1. Tatsächlich eine unschöne Vorstellung. Sie erklärt auch, warum wir so langsam vorwärts kamen in den Tragepassagen: die pure Vorsicht! Aber auch die Lebensqualität war natürlich höher bei gemächlichem Schritt. Trotzdem empfehle ich jeder und jedem, das mal auszuprobieren!

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