Heimtückischer Frühling

Bereits liegt eine lange Reihe sonniger Tage hinter uns. Wer immer Spass am Draussensein hat, dafür aber keinen Schnee brauchen kann, spürt es langsam: das leise Kribbeln freudiger Erwartung in allen möglichen Körperteilen – je nach Charakter der Person und Art der Betätigung. Sind aber die Temperaturen noch so frostig wie in den vergangenen sonnigen Wochen, so bleibt vielen Ungeduldigen nur eine Ersatzbefriedigung, um die letzten Tage des inzwischen verhassten Winters einigermassen in Würde durchzustehen.

Auf der Rolle zu rollen, mag ja eine Weile lang helfen. Ersatzbefriedigung ist da aber nur der Vorname: kein Dahinrollen im Leerlauf, kein Fahrtwind, kein Wiegetritt, keine Aussicht. Gerüche ja, aber von denen wollen wir uns jetzt nicht die ohnehin schlechte Winterlaune verderben lassen. Wenn alle Podcasts mit mindestens entferntem Bezug zum Velo gehört, die neusten Velobücher gelesen und Velofilme geguckt sind (also üblicherweise anfangs Dezember, je nach Witterung), wird es hart, so ganz ohne Velofahren. Helfen können kleine, aber notwendige Unterhaltsarbeiten oder Vorbereitungen am Fahrrad, wenn man sie bewusst kontemplativ vornimmt. Zum Beispiel den Ledersattel in aller Ruhe, am besten hinter einem grossen, sonnenbeschienenen Fenster, mit Sattelfett einreiben und ihn nachspannen. In aller Ruhe, mit gezielt ausgewählter Musik und einem Baumwollappen aus einem ehemaligen Lieblings-T-Shirt. Wer das mit der nötigen Achtsamkeit, Hingabe und Zeit macht, erfährt mindestens so viel Beruhigung und geistige Erhebung wie durch zwei Stunden Heli-Yoga. Aber günstiger.

Machen wir uns nichts vor: irgendwann sind alle Sättel gefettet, die sich fetten lassen, und dann geht die Sucherei nach einem Ersatzstoff von vorne los. Bis endlich der Tag kommt, an dem man alle Geduld und Vorsicht (Eisglätte! Verkühlung! Salzreste!) fahren lässt, sich ein Velo unterschiebt und losfährt. MIr widerfuhr das heute nach dem Sattelfetten. Die Sonne schien schon wieder, die Temperatur kratzte an der Grenze zu den zweistelligen Celsius-Werten (von unten her, für alle Wortklauber im Publikum), und im Velostall fand sich erst noch ein fahrtüchtiges Rad.

Bei aller Vorfreude auf die erste Velotour des Jahres war ich mir zweier typischer Fallstricke für einen ungetrübten Saisonauftakt bewusst. Und tatsächlich, beide lagen sie in meinem Weg, auch wenn ich nicht stolperte. Erstens waren Heerscharen von Leuten unterwegs – Sonntag! Nachmittag! Sonne! Übergewicht! – wodurch an ein zügiges Vorwärtskommen stellenweise nicht zu denken war. Und zweitens ist der Winter halt ein hinterhältiger, übel gelaunter Bursche, wenn es auf den Frühling zugeht: während offene, sonnige Ebenen schon trocken und auch abseits der Strassen perfekt befahrbar sind, liegt auf den Waldstrassen oder hinter dem kleinsten Busch noch tonnenweise Schnee und Eis. Und gelegentlich auch ein Velo. Zum Beispiel meins:

(Beispielbild; an DIESER Stelle bin ich abgestiegen.)

Auf einem dieser sauglatten Abschnitte kam mir lustigerweise ein Haiku in den Sinn, das wir damals im Kindergarten auswendig lernen mussten, und ich möchte es der Veloszene nicht vorenthalten:

Staub auf den Feldern.

Trügerisch ist der Winter:

Im Wald ist noch Eis!

Anonym (aber ziemlich sicher japanisch)

Velofahren ist halt nichts für Zimperliche und findet schliesslich immer noch draussen statt (weil auch Zwift nur etwa so viel mit Velofahren zu tun hat wie Madonna mit Evita Peron). Viel wichtiger und überwältigender als Menschen- und Eismassen war das Gefühl, endlich wieder Velo zu fahren. Endlich wieder Dahinrollen im Leerlauf, Fahrtwind, Wiegetritt, Aussicht. Und Gerüche! Feuchte Erde, trockene Erde, moderndes (sozusagen das Gegenteil von modernes) Laub, ein Fluss. Und die Aussicht auf viele Touren, die da noch kommen werden in den nächsten Monaten. Allein diese eine erste Fahrt nach dem zu Ende gehenden Winter macht schon beinahe wieder Freude auf den nächsten Winter. Aber jetzt bitte zuerst noch Frühling, Sommer und so weiter.

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