Ist gerade Wahlkampf?

In der Schweiz ist gerade Wahlkampf für die nationalen Parlamentswahlen vom 20. Oktober. Das erkennt man nicht nur an den zahllosen Plakaten, die derzeit mit teilweise fragwürdigen Motiven die Landschaft tapezieren. Wahlkampf ist auch, was einem spontan in den Sinn kommt, wenn man eine Medienmitteilung der BfU (Verhütungsstelle für Unfallberatung oder Beratungsstelle für Unfallverhütung, je nach Lesart) vom August 2019 liest: Die BfU fordert ein Helmobligatorium für Kinder bis 14 Jahre, die Velo fahren. Die BfU, muss man wissen, ist das Schweizer Kompetenzzentrum für Unfallverhütung. Sie hat einen staatlichen Auftrag, forscht, bildet und publiziert und gibt wertvolle Ratschläge in diesen zahlreichen Publikationen zu sicherheitsrelevanten Themen aus den Bereichen Haushalt, Sport und Strassenverkehr. Das machen die richtig gut.

Man muss aber auch wissen: Die Hauszeitung der BfU heisst „sicher leben“, und das illustriert hervorragend das Problem der BfU. Sie will uns einreden, dass ein Leben sicher sein kann. Dabei müssen die aus ihrer Forschung doch wissen, dass das nicht möglich ist: sicher leben. Ein Restrisiko bleibt immer, egal, was man mit welchen Sicherheitsmassnahmen gerade tut. Da kann eine Variable vergessen gegangen sein, ein anderer Mensch hat seinen Kopf woanders oder hält nicht allzu viel von Sicherheit. Oder man hat einfach Pech. Und schon passiert ein Unfall. Das heisst nicht, dass man sich keine Mühe geben soll, Unfälle zu verhindern, im Gegenteil. Es geht vielmehr um das Ausmass der Bemühungen, das man als verhältnismässig erachtet. Und diese Schwelle ist in vielen Bereichen Privatsache des Individuums. So soll man selbstverständlich allen Verkehrsteilnehmern vorschreiben, dass sie auf der rechten Seite der Fahrbahn fahren und am Fussgängerstreifen anhalten sollen, damit sie niemand anderen gefährden. Aber soll man einem Fussgänger befehlen, zu seinem eigenen Schutz Protektoren am ganzen Körper zu tragen für den Fall eines Sturzes? Wohl eher nicht, obwohl die Wirksamkeit der Massnahme offensichtlich ist. Denn ebenso sehr liegt auf der Hand, dass das Zufussgehen in einem Panzer aus Plasktik und Schaumstoff unbequem, anstrengend und unpraktisch ist.

Kurz, es geht darum, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, oder, wie es Benjamin Franklin, Co-Autor der US-Verfassung sagte: Wer bereit ist, Freiheit zu opfern, um Sicherheit zu gewinnen, verdient weder das eine noch das andere, und wird am Ende beides verlieren. (Er sagte es etwas anders, aber so hat es einfach mehr Schmiss, und obwohl Franklin nicht genau das sagte: hier ist genau das gemeint).

Und nun zur BfU: Sie verlangt also ein Velohelmobligatorium für Kinder. Obligatorium! Kinder! Das velojournal, Organ der Schweizer Velolobby-Organisation Pro Velo Schweiz, hat dazu eine interessante Grafik veröffentlicht:

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77 PROZENT DER UNTER-VIERZEHNJÄHRIGEN TRAGEN HEUTE BEREITS EINEN HELM! (Quelle: velojournal, Daten der BfU)

Auch die BfU selber zeigt auf ihrer Website, dass der Velohelm gar nicht so unbeliebt ist:

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Die Helmtragequote in der Schweiz steigt ständig und ist heute auf ihrem bisherigen Höchststand (Quelle: BfU)

Hat man schon krassere Fälle von Das-Kind-mit-dem-Bade-ausschütten gesehen? Die Zielgruppe mit den höchsten Werten soll per Gesetz zu noch höheren Werten genötigt werden! Es ist anzunehmen, dass die BfU bei Kindern und Jugendlichen einfach den geringsten Widerstand gegen ein Helmobligatorium wittert, denn deren Lobby ist nicht wirklich stark, und wer kann ernsthaft dagegen sein, die Jugend gegen ihren Leichtsinn zu schützen? Anders sähe es bei einem allgemeinen Helmobligatorium für Velofahrer aus, nicht zu reden von einem Helmobligatorium für Autofahrer. Die Wirksamkeit des Helmtragens im Auto ist übrigens nachgewiesenermassen hoch, aber das ist ein gut gehütetes Geheimnis.

Einmal abgesehen von dieser Unverhältnismässigkeit: Was spricht denn gegen ein Helmobligatorium, ausser grundsätzlichen Bedenken gegen zu viele Vorschriften? Die Erfahrung, dass mit der Einführung eines Velohelmobligatoriums die Zahl der Velofahrenden abnimmt. Das ist vielfachbelegt, und verdankenswerterweise hat das velojournal die Literatur dazu ausfindig gemacht. Wer diese Studien nicht lesen, ihnen aber auch nicht recht glauben mag, kann einfach mal seinen Bauch darüber befragen, ob dieser Zusammenhang einleuchtet oder nicht.

Wahlkampf also? Denkbar. Ein christlich-demokratischer Nationalrat, der hier nicht namentlich genannt sein soll, befürwortet jedenfalls ein Helmobligatorium für Kinder. Seine Kinder trügen auch immer einen Helm, da sie eben entwicklugsbedingt nicht so gute Velofahrer und verletzlicher seien. Ausserdem: Ein gesetzlich verankertes Obligatorium würde den Eltern mühsame Erziehungsarbeit ersparen. Sagte er so. Ob er einfach zu bequem für Erziehung ist oder schlicht nichts von elterlicher Vorbildfunktion hält? Der Mann kandidiert übrigens auch dieses Jahr wieder.

Zum Schluss: Was sind denn die Alternativen zum Velohelm, wenn es um grössere Sicherheit für Velofahrende geht? Die Antwort heisst „safety in numbers“: Mehr Velofahrende auf der Strasse bedeuten weniger Unfälle, da die Velofahrenden besser gesehen werden –  und ausserdem weniger Autos unterwegs sind. Voraussetzung zu grösseren numbers an Velos sind

  1. sichere, komfortable, durchgehende und direkte Veloverbindungen in den und um die Städte
  2. ein Umdenken bei der Wahl des Verkehrsmittels im Alltag

Beides können wir beeinflussen. Nummer 1 bei den kommenden und allen weiteren Wahlen auf allen Ebenen, Nummer 2 an jedem einzelnen Tag, wenn wir uns auf den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Freunden, ins Kino oder wohin auch immer machen. Just vote right! Just ride!

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