24 Grad im November: Danke, aber nein danke!

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.“, reimte einst Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Herbsttag„. Welchen Sommer Herr Rilke auch immer gemeint hat: er war sicher nicht so gross wie der vergangene Herbst! Der hat es nämlich sehr gut mit uns Velo fahrenden Menschen gemeint, denn er war lang und seine Tage mild. Velofahrer konnten in verlassenen, lichtdurchfluteten Wäldern durchs Laub toben. Im Herbst sind ja unter dem ganzen Laub und in dem ganzen Licht altbekannte Wege nicht wieder zu erkennen. Man fährt darauf, als wäre es das erste Mal. Gut hat es der, der trotzdem die grössten Wurzeln und Blöcke noch in Erinnerung hat.

Dasselbe beim Pendeln: der alltägliche Weg fährt sich im Herbst oder Winter anders als im Sommer. Beispielsweise trifft man abends statt Picknickvolk nur Rollskifahrer an, aus den Schrebergärten dringt statt dem Brutzeln schwitzender Würste gar nichts, und am Morgen begegnet man den wahren Hundeliebhabern, die auch bei Dunkelheit und Kälte ihr Tier raus bringen. Den gewohnten Weg im Dunkeln zu fahren, beschert einem ein besonderes Erlebnis, weil jede Strecke kürzer erscheint als bei Tag.

Die Hobbysportlerfraktion wendet hier ein: zu kalt, der Herbst, und im Winter fahren geht gar nicht. Dabei hätten sie daheim ihre Schränke vollgestopft mit teurer Funktionswäsche in allen Formen und Farben: Unter- und Oberbekleidung, Helmunterzug, Schlauchtuch, Goretex-Handschuhe, Wursthäute, Knie-, Arm- und Beinlinge. Weichlinge.

Denn eigentlich ist der Herbst ist eine grossartige Zeit um Rad zu fahren. Oder darüber zu schreiben. Oder darüber nachzudenken.

Die diesjährige Auflage des Herbstes hat es nämlich zu bunt getrieben, obwohl, bunt und Herbst, das gehört ja eigentlich zusammen wie Kreisel und verunfallter Radfahrer. Aber vierundzwanzig Grad Celsius im November, das ist schon allerhand. Nicht, dass Velofahren dann keinen Spass mehr machen würde, im Gegenteil. Velofahren macht immer Spass. Aber so ein abnorm warmer Herbst ist ein brennender Stachel im Fleisch des Velofahrers. Er ist beissende Ironie, die kübelweise über seinen Buckel geschüttet wird. Die milden Herbstwochen haben wir nämlich, wie jede weiss, den Autofahrern zu verdanken, die mit ihrem gutgelaunten und unüberlegten Herumfahren seit dem letzten Krieg so einiges zur derzeitigen Klimaerwärmung beigetragen haben und immer noch beitragen, Tesla hin oder EcoDrive her. Sollen warme November nun etwa ein Trostpflästerchen sein dafür, dass die automobile Gesellschaft den Planeten an die Wand gefahren hat (Achtung Wortspiel!)? Das meint ihr jetzt nicht ernst!

Wobei: Ironie ist man sich in diesem Zusammenhang gewohnt. Unsere Strassen wurden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einmal für Fahrräder gebaut, dann aber von den Autofahrern gestohlen, und seither wollen sie sie nicht mehr teilen. Das ist dann zuviel Ironie auf einmal. Wer’s nicht glaubt, soll sich doch mal das Buch „Roads Were not Built for Cars“ von Carlton Reid anschauen.

Also: Danke, aber nein danke. Wir wollen keine milden Herbster (geht Herbst überhaupt im Plural?). Wir wollen einen Teil der Strassen. In Form von sicheren, durchgehenden, direkten Radwegen. Nicht solchen:

Brussels
Standbild aus „Brussels Bike Jungle“

Ein Gedanke zu “24 Grad im November: Danke, aber nein danke!

  1. Roads were not built for cars. Designed for iPad.

    Ich bin nicht ganz sicher, ob ich dieses Buch ernst nehmen kann, auch wenn die Ausgangslage durchaus eine gewisse Spannung verspricht.

    On Di, Dez 18, 2018 at 10:00 PM, Velopflock – Velos überall und rund

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