Velomomente (4)

Ende Saison: Buntes Laub, milde Temperaturen, weiches Licht und grosse Melancholie angesichts der fahrradlosen Zeit, die ansteht. Keine Eile also, sondern mal etwas mehr Zeit für einen Zwischenstopp im Café, denn keiner weiss, ob es dieses Jahr nochmal aufs Rennvelo gehen wird oder nicht. Rein ins Café, Espresso schlürfen und dann doch schnell weiterfahren, weil die Dämmerung und die Regenwolken sich zu verbünden scheinen.

Und dann geht es schnell: Das sind ja Rennveloschuhe an den Füssen, was aber glatt vergessen geht auf den vier Stufen runter aufs Trottoir, wo das Velo wartet. Glatt sind auch die Steintritte, weshalb ich plötzlich auf dem Rücken liege. Sofort aufstehen, soll ja keiner merken, was mir passiert ist, hehe, also sich nichts anmerken lassen von den Schmerzen im Rücken, locker und souverän weiter wanken. Ein kurzer Blick zurück auf die Stufen, ob vielleicht das Handy oder Trümmer davon aus der Rückentasche gefallen sind – Entwarnung. Stattdessen liegt dort ein roter Fleck. Zwei weitere auf dem Pflaster, die Spur führt zu meinem Ellenbogen, wo sich recht schnell ein dunkelroter, glänzender Fleck auf dem türkisfarbenen Trikot ausbreitet. Keine hässliche Kombination, denkt es kurz, bevor ich mich ins Café zurückeilen und um Verbandsmaterial bitten sehe. Die Serviererin ist peinlich berührt, dass sowas auf ihrer Treppe passieren kann, obwohl ich alle Schuld auf meine Schuhe und meine Blödheit schiebe. Sie schickt mich zum Arzt gegenüber, der mich wenig später verarztet und mir dann mit professioneller Sachlichkeit eröffnet, dass leider tatsächlich „auch der Schleimbeutel eröffnet“ sei. Zum Glück liebe ich Fachsprachen aller Art. Sechs Stiche später stehe ich im Kurzarm-Funktionshemd im Abendwind auf der schon beinahe dunklen Strasse und wundere mich über den missratenen Zeitplan meines Schicksals, denn der Zug ist eben abgefahren.

Also torkle ich zurück zum Café. Einerseits steht dort mein Rennrad, so hoffe ich, andererseits möchte ich mich gerne für die geleistete Erste Hilfe revanchieren, indem ich mich bis zur Abfahrt des nächsten Zuges in einer Stunde dort betrinke. Die Dame will später von Bezahlung nichts hören, denn die glatten Stufen machen ihr ein schlechtes Gewissen, und so leistet sie Wiedergutmachung. Gerührt schwöre ich mir, dass ich bei nächster Gelegenheit wieder hier einkehren werde.

Der Heimweg gerät zum Eiertanz, denn ich habe immer noch die Rennveloschuhe an, und ein weiterer Sturz wäre mindestens so peinlich wie medizinisch verheerend. Mit einer Hand schiebe ich das Rad, mit der anderen, am auf dringenden ärztlichen Rat hin ausgestreckten Arm, balanciere ich den Helm, der mit Smartphone, Geldbeutel, Sportbrille und verdrecktem Trikot ziemlich gut gefüllt ist. Fahrradtransport im mit Pendlern gefüllten Zug macht immer Freude. Erst recht mit einer Hand. Natürlich vertue ich mich im Nach-Koma-Dusel mit dem Fahrplan, und der Zug lässt meine Haltestelle aus. Die nächste liegt ungünstiger, um auf den Bus nach Hause umzusteigen als die übernächste. Natürlich steige ich trotzdem aus. Der Ellenbogen erwacht aus der Narkose, was der entfernte Bekannte, der mir gerade heute ausführlich von seiner neuen Arbeitsstelle berichten will, aber nicht wissen kann. Ich hänge mit einer Hand das Rad an den Heckträger des Postbusses – nein, das wäre auch mit einem Carbonrahmen nicht viel einfacher gewesen, falls das gerade jemand sollte einwenden wollen. Also psst.

Irgendwann bin ich zu Hause bei den hungrigen, aber ob meines Ausbleibens keineswegs beunruhigten Kindern. Und dann kommt das dicke Ende, das ich bis jetzt tatsächlich nicht habe kommen sehen: Das türkisfarbene Trikot, das ich eben versaut habe, beansprucht seit allem Anfang an meine jüngere Tochter als ihr Erbe. Wenn ich es ums Verrecken mal anziehen muss, ermahnt sie mich jeweils, pfleglich damit umzugehen. So gilt ihre Sorge auch nicht in erster Linie meiner Gesundheit, was verstehen kann, wer Kinder kennt. Der Rest der Familie hat einfach Hunger, darum will niemand meine Geschichte hören. Deshalb muss ich sie hier abladen.

Aber schön war’s trotzdem, bis zum Espresso:

Versamerstrasse.jpg

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